Flücht­lin­ge in­te­grie­ren – aber wie?

CSU for­dert Leis­tungs­kür­zun­gen, wenn sich Asyl­be­wer­ber ver­wei­gern – SPD lehnt dies ab

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND -

BER­LIN - Wie ge­lingt die In­te­gra­ti­on Hun­dert­tau­sen­der Flücht­lin­ge? Nach­dem al­lein in die­sem Jahr mehr als ei­ne Mil­li­on Men­schen nach Deutsch­land ge­kom­men sind und wei­te­re fol­gen wer­den, rückt die­se Fra­ge im­mer mehr ins Zen­trum. Die CSU-Lan­des­grup­pe im Deut­schen Bun­des­tag for­dert jetzt Leis­tungs­kür­zun­gen für Flücht­lin­ge, die sich der In­te­gra­ti­on ver­wei­gern. Auch Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin Jo­han­na Wan­ka (CDU) spricht sich für ver­bind­li­che Sprach­kur­se aus. Was be­inhal­ten die Vor­schlä­ge im Ein­zel­nen? Ben­no Müch­ler be­ant­wor­tet die wich­tigs­ten Fra­gen in der De­bat­te über die In­te­gra­ti­ons­pflicht von Flücht­lin­gen.

Wie vie­le Men­schen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund le­ben in Deutsch­land? Von den rund 81 Mil­lio­nen Deut­schen ha­ben zir­ka 15 Mil­lio­nen ei­nen Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund. Mehr als die Hälf­te von ih­nen be­sitzt ei­nen deut­schen Pass. Laut Sta­tis­ti­schem Bun­des­amt ha­ben 15,3 Pro­zent der Men­schen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund kei­nen Schul­ab­schluss, nur zwei Drit­tel sind er­werbs­tä­tig. In man­chen Fäl­len spre­chen Mit­glie­der der ers­ten Ein­wan­der­ge­ne­ra­ti­on ge­bro­chen oder gar kein Deutsch. Jun­ge Men­schen ste­hen zwi­schen ih­rer Hei­mat und der Kul­tur Deutsch­lands, füh­len sich nir­gend­wo zu Hau­se.

Was sieht der neue Vor­schlag der CSU-Lan­des­grup­pe vor? Die CSU-Lan­des­grup­pe kommt am 6. Ja­nu­ar zu ih­rer Klau­sur­ta­gung in Wild­bad Kreuth zu­sam­men. Dort will sie ei­nen An­trag be­schlie­ßen, der In­te­gra­ti­ons­be­mü­hun­gen ver­bind­lich macht. Kern des Pa­piers sind die Ein­füh­rung ver­bind­li­cher Sprach- und Grund­wer­te­kur­se, das An­er­ken­nen der frei­heit­lich-de­mo­kra­ti­schen Grund­ord­nung Deutsch­lands so­wie die Ab­leh­nung re­li­giö­sen Fun­da­men­ta­lis­mus. Bei „Nicht­be­fol­gen“dro­hen Leis­tungs­kür­zun­gen. Die CSU-Lan­des­grup­pe ver­zich­tet auf die For­de­rung ei­nes Bur­ka-Ver­bots, das die CDU for­dert und für das auch die CSUDe­le­gier­ten auf ih­rem Par­tei­tag noch ge­stimmt hat­ten. „Ei­ne Bur­ka oder Ganz­kör­per­ver­schleie­rung steht dem Prin­zip der Of­fen­heit ge­nau­so wie ei­ne ‚Scha­ria-Po­li­zei‘ ent­ge­gen“, heißt es in dem CSU-Pa­pier.

För­dern und For­dern – was will die CDU? Die Vor­schlä­ge der Uni­ons­par­tei­en äh­neln ein­an­der stark. An­ders als beim Streit um ei­ne Flücht­lings­ober­gren­ze sind die Schwes­ter­par­tei­en beim The­ma In­te­gra­ti­on of­fen­bar auf ei­ner Li­nie. Auch Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin Jo­han­na Wan­ka (CDU) for­dert ver­bind­li­che Sprach- und In­te­gra­ti­ons­kur­se. „Die Flücht­lin­ge soll­ten wis­sen, was wir von ih­nen er­war­ten: Wer dau­er­haft hier­bleibt, muss un­se­re Spra­che ler­nen, un­ser Wer­te­sys­tem ken­nen und die Re­geln der De­mo­kra­tie ak­zep­tie­ren“, sag­te Wan­ka der „Schwä­bi­schen Zei­tung“. Die CDU drängt auf ein In­te­gra­ti­ons­pflicht­ge­setz. Das hat­te sie auf ih­rem Par­tei­tag in Karls­ru­he be­schlos­sen. Es sieht ver­bind­li­che Sprach- und In­te­gra­ti­ons­kur­se vor, die Durch­set- zung der Schul­pflicht so­wie die An­er­ken­nung des Grund­ge­set­zes und wei­te­rer Grund­wer­te wie das Exis­tenz­recht Is­ra­els. Bei Ver­stö­ßen sind eben­falls Leis­tungs­kür­zun­gen vor­ge­se­hen. Die CDU lehnt das Tra­gen der Bur­ka in Deutsch­land ab. Laut dem Be­schluss von Karls­ru­he be­steht In­te­gra­ti­on „aus För­dern und For­dern“. Sie sei „ein An­ge­bot, aber auch ei­ne Ver­pflich­tung zu ei­ge­ner An­stren­gung.“Was for­dert die SPD? Die SPD lehnt Leis­tungs­kür­zun­gen und ei­ne In­te­gra­ti­ons­pflicht für Flücht­lin­ge ab. Die rhein- land-pfäl­zi­sche Mi­nis­ter­prä­si­den­tin, Ma­lu Drey­er (SPD), nann­te den CSUVor­schlag „sinn­lo­sen Ak­tio­nis­mus“. Wie je­der Bür­ger müss­ten sich auch Flücht­lin­ge an das Grund­ge­setz hal­ten. Man brau­che da­her „kei­ne Ver­ein­ba­rung oder ein Ge­setz, das fest­stellt, dass das Grund­ge­setz gilt“. Laut Drey­er soll In­te­gra­ti­on vor al­lem durch ei­ne Aus­wei­tung von Sprach- und In­te­gra­ti­ons­kur­sen er­reicht wer­den so­wie durch die Schaf­fung von 80 000 neu­en Ki­ta­plät­zen, 20 000 Er­zie­hers­tel­len und jähr­lich 100 000 neu­en Nied­rig­lohn-Jobs nach dem Ein-Eu­ro-Mo­dell und mehr so­zia­lem Woh­nungs­bau. Das Kon­zept hat­te sie vor Kur­zem ge- mein­sam mit Ar­beits­mi­nis­te­rin Andrea Nah­les, Fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Ma­nue­la Schwe­sig und Um­welt­mi­nis­te­rin Bar­ba­ra Hend­ricks (al­le SPD) vor­ge­stellt. Die jähr­li­chen Kos­ten von fünf Mil­li­ar­den Eu­ro sol­len von Bund und Län­dern ge­stemmt wer­den.

Wel­che Sank­tio­nen gel­ten be­reits? Be­reits jetzt sind Ausländer nach dem Auf­ent­halts­ge­setz zur Teil­nah­me an In­te­gra­ti­ons­kur­sen ver­pflich­tet. Soll­ten sie nicht dar­an teil­neh­men, ist dies laut Ge­setz bei der Ver­län­ge­rung ih­rer Auf­ent­halts­er­laub­nis zu be­rück­sich­ti­gen. Bei Ver­let­zung der Teil­nah­me­pflicht kann zu­dem ein Ge­büh­ren­be­scheid ge­gen sie er­ho­ben wer­den.

FOTO: IMAGO

Die Uni­on will Flücht­lin­ge ver­pflich­ten, die deut­sche Spra­che zu ler­nen und das Grund­ge­setz zu ach­ten. Bei Ver­stö­ßen da­ge­gen sind Leis­tungs­kür­zun­gen vor­ge­se­hen.

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