Ar­bei­ten für die Grund­si­che­rung im Al­ter

2016 stei­gen die Al­ters­be­zü­ge deut­lich – Doch die Zahl ar­mer Rent­ner wächst auf Dau­er

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Ba­sil We­ge­ner

BER­LIN (dpa) - In ei­nem hal­ben Jahr dürf­ten die Be­zü­ge der rund 20 Mil­lio­nen Rent­ner so stark stei­gen wie seit rund 20 Jah­ren nicht mehr – und das bei sta­bi­lem Bei­trags­satz von 18,7 Pro­zent. Ro­si­ge Zei­ten al­so, könn­te man den­ken. Doch Ex­per­ten war­nen: Die Ren­ten kön­nen mit den Löh­nen in Deutsch­land im­mer we­ni­ger Schritt hal­ten.

Zu­nächst gibt es zum 1. Ju­li ei­ne An­he­bung um vor­aus­sicht­lich knapp 4,4 Pro­zent im Wes­ten und rund fünf Pro­zent im Os­ten. Vor al­lem die Re­kord­be­schäf­ti­gung in Deutsch­land und ent­spre­chend ho­he Ein­nah­men der Ren­ten­kas­se schla­gen hier zu Bu­che. Bei ei­ner Mo­nats­ren­te von 1200 Eu­ro be­deu­ten fünf Pro­zent mehr zum Bei­spiel 60 Eu­ro brut­to, bei vier Pro­zent sind es noch 48 Eu­ro. Mit ei­ner Rück­la­ge von 33,9 Mil­li­ar­den Eu­ro ver­fehl­te die Ren­ten­ver­si­che­rung zu­letzt nur knapp den Re­kord­wert von vor ei­nem Jahr.

Doch so wird es wohl nicht blei­ben. „Mil­lio­nen­fach droht Al­ters­ar­mut“, warnt Ver­di-Chef Frank Bsirs­ke. Der Ge­werk­schafts­boss kün­digt ei­ne gro­ße Kam­pa­gne für ei­ne aus­kömm­li­che Ren­te an. „Für uns ist das ei­ne der Gr­und­fra­gen der so­zia­len Ge­rech­tig­keit.“

Was ist das Pro­blem? Die De­mo­gra­fie – mehr Rent­ner, we­ni­ger Ein­zah­ler – und die Aus­wei­tung der Leis­tun­gen zeh­ren die Ren­ten­re­ser­ven im­mer wei­ter auf. „Et­wa ab 2020 wer­den die li­qui­den Mit­tel der Ren­ten­ver­si­che­rung auf die ge­setz­li­che Un­ter­gren­ze ab­ge­schmol­zen sein“, sagt Alex­an­der Gun­kel, der die Ar­beit­ge­ber im Vor­stand der Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung (DRV) ver­tritt. De­fi­zit in der Ren­ten­kas­se er­war­tet Die Aus­ga­ben für das Ren­ten­pa­ket der Gro­ßen Ko­ali­ti­on – mit Müt­ter­ren­te und ab­schlags­frei­er Ren­te mit 63 – lie­gen 2015 bei rund neun Mil­li­ar­den Eu­ro. „Die Ren­ten­ver­si­che­rung wird 2015 vor­aus­sicht­lich mit ei­nem Mi­nus von zwei Mil­li­ar­den Eu­ro ab­schlie­ßen“, sagt Gun­kel vor­aus. „Im kom­men­den Jahr wird das De­fi­zit mit rund vier Mil­li­ar­den Eu­ro vor­aus­sicht­lich schon et­wa dop­pelt so hoch aus­fal­len.“

Zwar sol­len die Ren­ten auch künf­tig stei­gen – bis 2029 um rund zwei Pro­zent pro Jahr. Doch von den Löh­nen kop­peln sich die Ren­ten im­mer mehr ab. Fak­to­ren wie die Nach­hal­tig­keits­rück­la­ge dämp­fen das Ren­ten­plus. Rent­ner mit 45 Jah­ren Durch­schnitts­lohn – so hat es der Lin­ken-Ren­ten­ex­per­te Mat­thi­as W. Birk­wald er­rech­net – be­kä­men oh­ne Dämp­fungs­fak­to­ren 2029 fast 3000 Eu­ro mehr Ren­te im Jahr.

Bsirs­ke rech­net vor: „Seit Jah­ren ist be­kannt, dass ein Ba­by­boo­mer des Jah­res 1964, der 2012 ein Brut­to­ent­gelt von mo­nat­lich 2500 Eu­ro hat­te, 40 Jah­re brau­chen wird, um ei­ne Ren­te in Hö­he der Grund­si­che­rung im Al­ter zu er­rei­chen.“Al­so et­wa so viel, wie man auch oh­ne ge­setz­li­che Ren­te be­kommt. Das Pro­blem: „Rund elf Mil­lio­nen Ar­beit­neh­mer ver­dien­ten 2012 nicht ein­mal 2500 Eu­ro im Mo­nat.“Sprich: Mil­lio­nen Men­schen blei­ben im Al­ter ver­gleichs­wei­se arm. Sor­ge um das Ren­ten­ni­veau „Vie­len droht der so­zia­le Ab­stieg“, sagt An­ne­lie Bun­ten­bach vom DGBVor­stand, Ver­tre­te­rin der Ver­si­cher­ten im DRV-Vor­stand. Noch liegt das Ren­ten­ni­veau bei rund 48 Pro­zent. Un­ter 43 Pro­zent soll es, so hat die Po­li­tik es fest­ge­legt, bis 2030 nicht fal­len. Selbst wenn das klappt, „liegt das fast 20 Pro­zent un­ter dem, was heu­te ge­zahlt wird, wenn je­mand in Ren­te geht“, so Bun­ten­bach. „Wenn nicht po­li­tisch ge­han­delt wird, wird das Ren­ten­ni­veau nach 2030 mit Si­cher­heit un­ter 43 Pro­zent sin­ken.“

„Um die Ren­te zu stär­ken, darf auch ein Bei­trags­an­stieg kein Ta­bu

FOTO: DPA

Die Pro­gno­sen für künf­ti­ge Rent­ner in Deutsch­land stim­men nicht all­zu op­ti­mis­tisch: Mil­lio­nen dro­he trotz jah­re­lan­ger Ar­beit der so­zia­le Ab­stieg, war­nen die Ge­werk­schaf­ten.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.