Bloß kei­ne Un­klar­hei­ten

Zum Tod des Ma­lers Ells­worth Kel­ly

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR - Von Chris Mel­zer

NEW YORK (dpa) - Ells­worth Kel­ly lieb­te kla­re For­men und kräf­ti­ge Far­ben. Mit sei­ner kon­struk­ti­vis­ti­schen Kunst setz­te er sich im Ame­ri­ka der Nach­kriegs­zeit be­wusst ab von Ma­ler­kol­le­gen wie Jack­son Pol­lock und wur­de zu ei­nem der be­kann­tes­ten Künst­ler des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts. Am Sonn­tag ist der US-ame­ri­ka­ni­sche Ma­ler und Bild­hau­er mit 92 Jah­ren in sei­nem Haus in Spen­cer­ton na­he New York ge­stor­ben.

Wenn Ells­worth Kel­ly zu­letzt auf­trat, zog er ein Wä­gel­chen hin­ter sich her. Dar­auf lag ei­ne Sau­er­stoff­fla­sche, ein Schlauch führte zur Na­se des al­ten Man­nes. Aber er woll­te noch auf­tre­ten, sich noch zu Wort mel­den, in der Sze­ne mit­mi­schen. Bil­der auch in Ulm zu se­hen Kel­ly gilt als ei­ner der wich­tigs­ten Ver­tre­ter des so­ge­nann­ten Hard Edge. Das wird nicht um­sonst mit „har­te Kan­te“über­setzt: Abs­trak­te Darstel­lun­gen mit kla­ren Li­ni­en und we­ni­gen, un­ver­misch­ten, stark ak­zen­tu­ier­ten Far­ben. Am bes­ten auf wei­ßem, zu­min­dest ein­far­bi­gem Un­ter­grund. Kel­lys Far­ben sind wie aus dem Le­go-Kas­ten: Leuch­tend rot, strah­lend gelb, tief­blau, aber schön ge­trennt. Vie­le die­ser Ar­bei­ten hat er auch in Schwarz-Weiß aus­ge­führt. In München wa­ren vor vier Jah­ren bei­de Sei­ten Kel­lys zu er­le­ben: Das Haus der Kunst zeig­te 2011 sei­ne Bil­der und Skulp­tu­ren in Schwarz-Weiß, die Pi­na­ko­thek der Mo­der­ne Kel­lys „Plant Drawings“. Auch in ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Samm­lun­gen fin­den sich Ar­bei­ten Kel­lys, so in Ulm in der Kunst­hal­le Weis­haupt, im Ul­mer Mu­se­um so­wie im Kunst­mu­se­um Bie­der­mann in Do­nau­eschin­gen.,

Schon 1973 hat­te ihm das Mu­se­um of Mo­dern Art in New York die ers­te Re­tro­spek­ti­ve ge­wid­met, 1996 folg­te das Gug­gen­heim Mu­se­um. Wenn man im Städt­chen New­burgh nörd­lich von New York als Sohn ei­nes Ver­si­che­rungs­kauf­manns auf­wächst, muss das nicht ge­ra­de der Start­schuss für ei­ne gro­ße Künst­ler­kar­rie­re sein. Doch der jun­ge Ells­worth Kel­ly be­gann in New York ein

AN­ZEI­GE Kunst­stu­di­um. Un­ter­bro­chen wur­de das von sei­nem Ein­satz im Zwei­ten Welt­krieg in der „Ghost Ar­my“: Mit auf­blas­ba­ren Pan­zern und ge­wal­ti­gen Laut­spre­chern täusch­ten er und sei­ne Ka­me­ra­den der Wehr­macht ge­wal­ti­ge Ar­me­en vor, wo gar kei­ne wa­ren.

Der Krieg brach­te ihn nach Pa­ris. Die sechs Jah­re dort wa­ren prä­gend, hier traf er Jo­an Miró, Alex­an­der Cal­der, Hans Arp und an­de­re. Aber er war nur der jun­ge Nach­wuchs­künst­ler aus Ame­ri­ka. Als er in die USA zu­rück­woll­te und sei­ne Mut­ter um 400 Dol­lar – 200 für sein Ti­cket, 200 für sei­ne Bil­der – bat, schick­te sie nur 200: „Lass’ die Bil­der da!“

Das New York, in das er zu­rück­kehr­te, fand er viel zu kon­ser­va­tiv. Die Sze­ne wur­de von Jack­son Pol­lock und dem Abs­trak­ten Ex­pres­sio­nis­mus be­herrscht, in den Ga­le­ri­en hin­gen gro­ße Bil­der mit wir­ren Kur­ven, ge­malt, ge­tropft, ge­spach­telt. Kel­ly ant­wor­te­te mit kla­ren For­men, wie mit Scha­blo­ne und Li­ne­al ge­zo­gen. Das woll­te zu­nächst kei­ner se­hen. Doch durch die Aus­stel­lung „Six­teen Ame­ri­cans“(Sech­zehn Ame­ri­ka­ner) des Mu­se­um of Mo­dern Art (MoMA) wur­de er 1959 be­kannt.

1958 schuf Kel­ly sei­ne ers­te Skulp­tur. Was er da aus Holz schnitt, glich dem Totem­pfahl der In­dia­ner – kein Zu­fall. Seit 2008 steht im In­nen­hof der US-Bot­schaft in Ber­lin ein sol­cher Totem­pfahl aus Me­tall, zwölf Me­ter hoch, 15 Ton­nen schwer.

FOTO: DPA

Ells­worth Kel­ly, auf­ge­nom­men im Jahr 2000.

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