Erst ver­strahlt und dann ver­ges­sen

2002 stirbt ein ehe­ma­li­ger Ra­dar­sol­dat aus Is­ny an Krebs – Sei­ne Wit­we hat im Kampf um Zu­satz­ren­te all­mäh­lich re­si­gniert

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SEITE DREI - Von Micha­el Bol­len­ba­cher

IS­NY - Ro­si Rüb­sam schaut aus dem Fens­ter. Es hat ge­schneit im All­gäu. Ein Win­ter­tag in Is­ny-Beu­ren, ei­nem Klein­od, an dem sich die Ober­schwä­bi­sche Ba­rock­stra­ße vor­bei­sch­län­gelt. Der Schnee er­hellt den Raum durch die Fens­ter­schei­be. An­ge­spro­chen auf ein be­stimm­tes The­ma, ver­düs­tert sich die Mie­ne der 73-Jäh­ri­gen: die Bun­des­wehr. Es ist ei­ne Mi­schung aus Ver­bit­te­rung und Ver­zweif­lung, die Ro­si Rüb­sam ver­spürt, wenn sie an den frü­he­ren Ar­beit­ge­ber ih­res Man­nes denkt. Vor 13 Jah­ren ist der ehe­ma­li­ge Ra­dar­sol­dat Rai­ner Rüb­sam mit 59 Jah­ren an Haut­krebs ge­stor­ben.

„Wir hat­ten ei­ne gu­te Ehe. Und ei­nes Ta­ges ist es plötz­lich vor­bei“, sagt Ro­si Rüb­sam. Von 1963 bis 1971 war der Leh­rer für Flug­si­che­rung auf dem Ra­dar­platz des Flie­ger­hors­tes Kauf­beu­ren per­ma­nent Rönt­gen­strah­lun­gen aus­ge­setzt, acht Jah­re hat­te Rüb­sam bei der Bun­des­wehr ge­dient. 1999 wur­de von ei­nem Arzt

Do­ris Wa­gner, Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te der Grü­nen in Is­ny ein Me­la­nom, schwar­zer Haut­krebs, an sei­ner Wa­de dia­gnos­ti­ziert. Auch 28 Jah­re nach En­de sei­ner Bun­des­wehr­zeit be­schei­nig­te ihm ein Bun­des­wehr­arzt den Zu­sam­men­hang zwi­schen der Er­kran­kung und der Strah­lung, Rüb­sam be­kam die An­er­ken­nung ei­ner Wehr­dienst­be­schä­di­gung. Nur drei Jah­re spä­ter war er tot. „Am 9. Sep­tem­ber 2015 hät­ten wir gol­de­ne Hoch­zeit ge­habt“, sagt die Wit­we. Nur ein Vier­tel ent­schä­digt Rai­ner Rüb­sam ge­hört zu ei­ner heu­te nicht mehr fest­stell­ba­ren An­zahl an Ra­dar­sol­da­ten, die früh ver­stor­ben sind. Wie das ZDF 2007 be­rich­te­te, hat das Baye­ri­sche Lan­des­in­sti­tut für Ar­beits­schutz be­reits 1958 bei Mes­sun­gen in Kauf­beu­ren Grenz­wer­tüber­schrei­tun­gen fest­ge­stellt. Über die töd­li­che Ge­fahr für die Sol­da­ten war sich die Bun­des­wehr dem­nach durch­aus be­wusst. Ge­nau­so be­wusst, so das ZDF, sei die Ge­fahr je­doch ver­schwie­gen wor­den. 2007 wur­de die Zahl der ehe­ma­li­gen Sol­da­ten mit schwe­ren Ge­sund­heits­schä­den durch über­höh­te Strah­len­be­las­tung auf 900 ge­schätzt. Ra­dio­ak­ti­ve, ra­di­um­hal­ti­ge Leucht­far­ben auf Ar­ma­tu­ren wa­ren in den Sta­tio­nen beim Mi­li­tär lan­ge Stan­dard. Die ers­te Rönt­gen­ver­ord­nung trat in Deutsch­land erst 1973 in Kraft. Was die noch le­ben­den Sol­da­ten und ih­re An­ge­hö­ri­gen um­treibt: Aus ei­nem An­trag meh­re­rer Grü­nen-Ab­ge­ord­ne­ten des Deut­schen Bun­des­ta­ges geht her­vor, dass bis heu­te „nur rund ein Vier­tel der ein­ge­gan­ge­nen Ent- schä­di­gungs­an­trä­ge mit ei­nem An­er­ken­nungs­be­scheid ab­ge­schlos­sen wer­den konn­ten“. Ro­si Rüb­sam setz­te sich nach dem Tod ih­res Man­nes mit an­de­ren Wit­wen für ei­ne Ent­schä­di­gung ein, for­der­te 100 000 Eu­ro. Sie er­hielt ei­ne „deut­lich nied­ri­ge­re, ein­ma­li­ge“Ent­schä­di­gung, wie sie sagt. Ei­ne Zu­satz­ren­te be­kommt sie kei­ne. Sie ist wü­tend auf die Bun- des­wehr – und die Po­li­tik. „Ich ver­ste­he nicht, war­um die Po­li­tik nichts tut.“Was so nicht ganz stimmt. Un­ter der Fe­der­füh­rung von Do­ris Wa­gner, Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te der Grü­nen, wur­de mit an­de­ren pro­mi­nen­ten Grü­nen wie Cem Öz­de­mir und Jür­gen Trit­tin im No­vem­ber ein An­trag an die Bun­des­re­gie­rung ge­stellt. Dar­in for­dern sie, „Ra­dar­ge­schä­dig­te der Bun­des­wehr und der ehe­ma­li­gen Na­tio­na­len Volks­ar­mee zü­gig zu ent­schä­di­gen“. „Was mich so wahn­sin­nig auf­bringt, ist, dass Bun­des­wehr und Bun­des­re­gie­rung ih­re Für­sor­ge­pflicht ver­nach­läs­si­gen“, sagt Do­ris Wa­gner. „Das fin­de ich ein­fach schä­big.“ Ver­schol­le­ne Kran­ken­ak­ten 2003 hat ei­ne vom Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um ein­be­ru­fe­ne „Ra­dar­kom­mis­si­on“ei­nen Kri­te­ri­en­ka­ta­log auf­ge­stellt, der die Ent­schä­di­gungs­mög­lich­kei­ten der Be­trof­fe­nen ver­bes­sern soll­te. Der da­ma­li­ge Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Ru­dolf Schar­ping (SPD) kün­dig­te ei­ne „groß­her­zi­ge“Lö­sung an – die nie ein­trat. Seit zwölf Jah­ren hat sich kaum et­was be­wegt. Das Pro­blem: Die Kom­mis­si­on stuf­te aus­schließ­lich ma­li­gne Tu­mo­re (Krebs) und Ka­ta­rak­te (grau­er Star) als auf Ra­dar­strah­lung zu­rück­zu­füh­ren­de Krank­hei­ten ein. Be­trof­fe­ne mit an­de­ren Krank­hei­ten müs­sen ei­nen Voll­be­weis er­brin­gen, dass die Krank­heit auf die Strah­lung zu­rück­zu­füh­ren ist, was – auch auf­grund ver­schol­le­ner Kran­ken­ak­ten – oft un­mög­lich ist. Es be­nö­ti­ge wei­ter­ge­hen­der For­schung, um an­de­re Krank­hei­ten an­er­ken­nen zu kön­nen, hat die Ra­dar­kom­mis­si­on da­mals fest­ge­hal­ten. Die ein­zi­ge Be­rufs­krank­heit, die seit­dem an­er­kannt wur­de, ist die chro­ni­sche lym­pa­thi­sche Leuk­ämie (CLL).

Die Grü­nen fra­gen sich, war­um es seit 2003 kei­ne neu­en Er­kennt­nis­se und For­schun­gen mehr ge­ge­ben hat. „Wenn man sich die­se Ge­schich­te bei man­chen Fäl­len an­schaut, ist es ein­deu­tig, dass da auf Zeit ge­spielt wird“, sagt Wa­gner. Die bio­lo­gi­sche Uhr der ehe­ma­li­gen Sol­da­ten tickt, vie­le sind be­reits jen­seits der 70 Jah­re. Ein In­diz für den Vor­wurf, die Bun­des­wehr spie­le auf Zeit, ist ein frak­ti­ons­über­grei­fen­der Be­schluss aus dem Jahr 2013. Ei­ne un­ab­hän­gi­ge Ex­per­ten­kom­mis­si­on soll­te sich ex­pli­zit mit der Prü­fung gut­ar­ti­ger Tu­mo­re be­schäf­ti­gen. Für 2014 wa­ren ers­te Er­geb­nis­se an­ge­kün­digt, 2015 wur­de die Kom­mis­si­on erst ein­ge­setzt. Mit ers­ten Er­geb­nis­sen rech­net man 2017. „Man möch­te kei­ne neu­en An­er­ken­nun­gen für an­de­re Er­kran­kun­gen aus­spre­chen, die man bis­her noch nicht in Er­wä­gung ge­zo­gen hat, da man da­durch Prä­ze­denz­fäl­le schafft. Am En­de ist das na­tür­lich auch ei­ne Kos­ten­fra­ge“, sagt Wa­gner.

Be­son­ders hart ist aus Sicht ehe­ma­li­ger Ra­dar­sol­da­ten: Nicht nur sie tru­gen Krank­hei­ten da­von, auch ih­re Kin­der sind be­trof­fen. Beim Bund zur Un­ter­stüt­zung Ra­dar­ge­schä­dig­ter wer­den rund 50 Fäl­le von gen­ge­schä­dig­ten Sol­da­ten­kin­dern ge­führt, dar­un­ter Kin­der mit ver­krüp­pel­ten Fü­ßen und sechs Fin­gern. Der Kauf­beu­rer Heinz Dan­ken­bring, selbst an Krebs er­krankt und mitt­ler­wei­le 79, ist im Vor­stand des Bun­des und kämpft seit Jah­ren für die Rech­te der Ra­dar­sol­da­ten. 33 Jah­re lang, von 1956 bis 1989, hat er haupt­säch­lich in Kauf­beu­ren ge­dient. „Wir sind ei­ne aus­ster­ben­de Spe­zi­es, die ver­ges­se­nen Op­fer des Kal­ten Krie­ges“, sagt er heu­te. Dan­ken­bring hat­te zu­sätz­lich zum Krebs ei­ne Sa­men­stran­ger­kran­kung, die Angst vor be­hin­der­ten Kin­dern war groß, doch er hat­te Glück.

Bei ei­nem Sohn von Ro­si Rüb­sam wur­de im Al­ter von zehn Wo­chen ein Tu­mor an der Wir­bel­säu­le dia­gnos­ti­ziert. „Meh­re­re Jah­re muss­te er Krebs­mit­tel ein­neh­men und wir hat­ten Glück, dass wir an die rich­ti­gen Ärz­te ge­ra­ten sind“, sagt Rüb­sam. Noch heu­te ha­be er ab und an Pro­ble­me. Ein An­trag auf die An­er­ken­nung ei­ner Be­hin­de­rung beim Land­rats­amt sei er­folg­los ge­blie­ben. „Den An­trag, dass er der Sohn ei­nes ra­dar­ver­strahl­ten Sol­da­ten ist, un­ter­schreibt auch kein Haus­arzt.“ Mehr als 30-mal ope­riert Ein Spre­cher der Bun­des­wehr aus Köln äu­ßert sich auf An­fra­ge der „Schwä­bi­schen Zei­tung“zu dem The­ma schrift­lich wie folgt: „In den we­ni­gen (...) Ver­fah­ren ehe­ma­li­ger Ra­dar­tech­ni­ker und ih­rer An­ge­hö­ri­gen konn­ten nur ver­gleichs­wei­se nied­ri­ge, rück­bli­ckend er­mit­tel­te Strah­len­ex­po­si­tio­nen für die Ab­schät­zung des ge­ne­ti­schen Ri­si­kos der Nach­kom­men be­stä­tigt wer­den. Die­se lie­gen weit un­ter den Gren­zen der Wahr­schein­lich­keit ei­nes ent- spre­chen­den Kau­sal­zu­sam­men­hangs.“Weit­aus schlim­mer als den Sohn von Rüb­sam traf es den Augs­bur­ger Die­ter Ne­u­mann, mit des­sen Va­ter Heinz Dan­ken­bring in Kauf­beu­ren zu­sam­men­ge­ar­bei­tet hat­te. Ne­u­mann kam mit Miss­bil­dun­gen zur Welt, ist schwerst­be­hin­dert, ihn pla­gen Phan­tom­schmer­zen. Mehr als 30-mal wur­de er ope­riert, die Ärz­te pro­phe­zei­ten ihm ei­ne Le­bens­er­war­tung von zwei Jah­ren, heu­te ist er 54. „Ich will 100 Jah­re alt wer­den, nur um die Bun­des­wehr zu är­gern“, sagt er. Fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung er­hielt Ne­u­mann nur von ei­ner 2012 ge­grün­de­ten „Här­te­fall­stif­tung“, die Be­trof­fe­ne un­bü­ro­kra­tisch ent­schä­di­gen soll. Auf Ren­te von der Bun­des­wehr war­tet er bis heu­te.

„Das The­ma ist ein ziem­li­cher Skan­dal“, sagt Do­ris Wa­gner. In ei­ner Ant­wort auf die im Früh­jahr ge­stell­te An­fra­ge der Grü­nen-Ab­ge­ord­ne­ten heißt es von der Bun­des­re­gie­rung: „Ein Zu­sam­men­hang zwi­schen io­ni­sie­ren­der Strah­lung und ver­erb­ba­ren Ef­fek­ten wur­de bis­her in (...) Stu­di­en am Men­schen nicht be­ob­ach­tet“(Deut­scher Bun­des­tag – Druck­sa­che 18/4651). „Der Zu­sam­men­hang ist na­tür­lich leicht von der Hand zu wei­sen, wenn man seit zwölf Jah­ren kei­ne wis­sen­schaft­li­chen Un­ter­su­chun­gen an­ge­stellt hat“, ent­geg­net Do­ris Wa­gner. Sie for­dert mit der Frak­ti­on ei­ne Be­weis­last­um­kehr: Nicht mehr die er­krank­te Person soll nach­wei­sen, dass sie we­gen Ra­dar­strah­lung er­krankt ist, son­dern man soll ihr nach­wei­sen, dass es nicht so ist.

„Was mich so wahn­sin­nig auf­bringt, ist, dass Bun­des­wehr und Bun­des­re­gie­rung ih­re Für­sor­ge­pflicht

ver­nach­läs­si­gen.“

Ge­fahr chro­ni­scher Be­strah­lung Als schlicht­weg „falsch“be­zeich­net In­ge Schmitz-Feu­er­ha­ke die Ant­wort der Re­gie­rung. Die Phy­si­ke­rin be­schäf­tigt sich seit Jahr­zehn­ten mit io­ni­sie­ren­der Strah­lung und ge­sund­heit­li­chen Fol­gen. Ei­ne kur­ze, hef­ti­ge Be­strah­lung – bei­spiels­wei­se im Fal­le Tscher­no­byl – ha­be per se kei­nes-

„Wir sind ei­ne aus­ster­ben­de Spe­zi­es, die ver­ges­se­nen Op­fer

des Kal­ten Krie­ges.“

Heinz Dan­ken­bring, frü­he­rer Ra­dar­sol­dat wegs schlim­me­re Wir­kung als ei­ne lang­fris­ti­ge, so Schmitz-Feu­er­ha­ke. „Ei­gent­lich ist es ge­nau an­ders­rum: Die Keim­zel­len der Män­ner sind ver­schie­den strah­len­emp­find­lich und ma­chen ei­ne Wand­lung von der Keim­zel­le bis zum fer­ti­gen Sper­mi­um durch, was durch die chro­ni­sche Be­strah­lung na­tür­lich Aus­wir­kun­gen hat“, er­klärt sie.

Wenn Ro­si Rüb­sam aus Is­ny-Beu­ren län­ger über das The­ma re­det, schüt­telt sie nur den Kopf. „Jetzt war­ten sie na­tür­lich, bis al­le Sol­da­ten tot sind, dann müs­sen sie nicht mehr zah­len“, sagt die 73-Jäh­ri­ge. Ab und an wer­de sie ge­fragt, ob sie denn das The­ma Bun­des­wehr noch im­mer nicht ver­daut ha­be. „Aber“, sagt Ro­si Rüb­sam, ein Foto ih­res Man­nes in den Hän­den, „es tut weh, auch nach 13 Jah­ren.“

FOTO: MICHA­EL BOL­LEN­BA­CHER

Vor 13 Jah­ren starb der Mann von Ro­si Rüb­sam, acht Jah­re lang Ra­dar­sol­dat in Kauf­beu­ren, an Krebs. Ein Zu­sam­men­hang zwi­schen der Er­kran­kung und der Ra­dar­strah­lung wur­de 28 Jah­re spä­ter von ei­nem Bun­des­wehr­arzt be­schei­nigt.

FOTO: ULRICH WA­GNER

Die­ter Ne­u­mann, Sohn ei­nes Ra­dar­sol­da­ten, kam mit Miss­bil­dun­gen zur Welt.

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