Die Sa­che mit den flie­gen­den Jo­ints

Mr. Base­ball­kap­pe ver­sucht, den Amts­rich­ter von Can­na­bis zu über­zeu­gen

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SEITE DREI - Von Erich Nyffe­negger

ie grel­len Licht­ke­gel aus den Ta­schen­lam­pen der bei­den Po­li­zis­ten tas­ten den As­phalt der nächt­li­chen Stra­ße ab. Und ob­wohl es stock­fins­ter ist an die­sem frü­hen Mor­gen im Mai, prä­zi­se Uhr­zeit 1.10, fin­den sie schließ­lich doch et­was, wo­bei sie zu­nächst gar nicht so ge­nau wis­sen, wo­nach sie über­haupt su­chen: zwei sorg­fäl­tig ge­dreh­te Jo­ints. Ei­ner der Be­am­ten hebt sie auf und steckt sie vor­sich­tig in ei­nen ver­schließ­ba­ren Plas­tik­beu­tel. Ein paar Me­ter wei­ter am Stra­ßen­rand steht ei­ne jun­ge Frau hin­ter ih­rem VW Po­lo, blin­zelt mü­de in den schwar­zen Him­mel. Ne­ben ihr ein Freund, des­sen Kopf in ei­ner Base­ball­kap­pe steckt, die Hän­de in luf­ti­gen Ho­sen aus Bal­lon­sei­de ver­gra­ben. Was die bei­den spre­chen, kön­nen die Po­li­zis­ten aus der Ent­fer­nung nicht hö­ren. Aber das Mäd­chen wird ih­ren Be­glei­ter schon ge­fragt ha­ben, wie er so blöd sein konn­te, die Jo­ints zum Fens­ter hin­aus­zu­wer­fen. Bloß weil ei­ne Strei­fe hin­ter dem Po­lo her­ge­fah­ren ist? Der Base­ball­kap­pen-Typ hät­te ihr dann er­klä­ren kön­nen, dass sein Ge­sicht der hie­si­gen Po­li­zei sehr gut be­kannt ist. Und dass die Be­am­ten ihn ganz si­cher ge­filzt hät­ten. Den Mist ein­fach aus dem Fens­ter zu wer­fen, war ihm da halt als die klügs­te Lö­sung vor­ge­kom­men. Was er wirk­lich zu der jun­gen Frau sagt, ver­schluckt die schwar­ze Nacht zwi­schen dem Po­lo und den jetzt her­an­na­hen­den Po­li­zis­ten, von de­nen ei­ner das Tüt­chen mit den Tü­ten in die Hö­he hält und da­mit we­delt. „Ach was“, denkt sich der jun­ge Mann. „Was sol­len die we­gen zwei lau­si­ger Jo­ints schon groß für ein Thea­ter ma­chen ...“

Von ei­nem Thea­ter ist ein Ge­richts­saal oft nur ei­ne Hand­breit ent­fernt. Denn vor dem Pult des Vor­sit- zen­den gibt es bis­wei­len je­de Art Dra­ma – von der Ko­mö­die zur Tra­gö­die bis hin zur Gro­tes­ke. Die wei­ße Base­ball­kap­pe liegt jetzt or­dent­lich auf dem Tisch vor der An­kla­ge­bank. Der jun­ge Mann spielt sei­ne Rol­le als An­ge­schul­dig­ter mit gro­ßer Rou­ti­ne. Denn das hier ist nicht sei­ne ers­te Vor­stel­lung bei der Jus­tiz, auch wenn er mit die­sem Auf­tritt nicht ge­rech­net hat. Der Rich­ter ist noch gar nicht im Saal, da zischt der über­zeug­te Kif­fer im­mer wie­der durch die Zäh­ne: „Ey, we­gen zwei Jo­ints. Ich fas­se es nicht.“Der Staats­an­walt starrt an­ge­strengt in sei­ne Ak­ten und tut so, als neh­me er das Ge­jam­mer von Mr. Base­ball­kap­pe gar nicht wahr. Der wie­der­um legt die ver-

Neu­lich im Ge­richts­saal

schränk­ten Ar­me auf den Tisch, ver­gräbt dar­in sein Ge­sicht und fängt un­gläu­big an zu ki­chern. Wie ein nas­ser Sack Sau­boh­nen Das La­chen ver­geht ihm auch in dem Mo­ment nicht, als der Rich­ter her­ein­kommt. Brav steht der An­ge­klag­te auf und guckt ei­nen Mo­ment an die De­cke, als sei dort oben die Ant­wort auf die Fra­ge zu fin­den, war­um we­gen 0,4 Gramm Ma­ri­hua­na ei­ne Haupt­ver­hand­lung an­be­raumt wird. „Das hier, und Sie kos­ten doch viel Geld“, wird er ant­wor­ten auf des Rich­ters Fra­ge, ob die Epi­so­de mit den aus dem Fens­ter ge­wor­fe­nen Jo­ints wirk­lich so stimmt. „Ja, ja, das stimmt schon so, wie es in der An­kla­ge drin­steht.“Rich­ter: „Dach­ten Sie, die Po­li­zei hin­ter ih­nen wür­de das Au­to an­hal­ten?“An­ge­klag­ter: „Wenn sie da in der Ge­gend ab zehn Uhr abends un­ter­wegs sind, dann ist das im­mer so. Fast könn­te man mei­nen, es ist ein Ver­bre­chen, nach 22 Uhr un­ter­wegs zu sein.“All­mäh­lich legt der 25-Jäh­ri­ge letz­te Hem­mun­gen ab. Die Kör­per­hal­tung wird nach­läs­sig. Zeit­wei­se sitzt der Sch­lin­gel wie ein nas­ser Sack Sau­boh­nen auf dem Stuhl.

Die Fra­gen des Ge­richts kon­tert der An­ge­klag­te im­mer wie­der mit lei­den­schaft­li­chen Ver­tei­di­gungs­re­den für sei­ne be­vor­zug­te Dro­ge Hanf: „Ich tue kei­ner Men­schen­see­le weh, wenn ich Ma­ri­hua­na kon­su­mie­re. Ich muss hier vor Ge­richt sit­zen – aber Al­ko­hol ist le­gal. Da schla­gen die Leu­te sich die Köp­fe ein und kot­zen al­les voll. Aber ich wer­de kri­mi­na­li­siert.“

Als der Rich­ter dann aber die Lat­te an ver­gan­ge­nen Ver­ur­tei­lun­gen vor­liest, ver­liert der An­ge­klag­te sei­nen harm­lo­sen Ge­sichts­aus­druck. Denn er hat dem­nach sein Ha­schisch auch schon an Min­der­jäh­ri­ge ver­kauft. Au­ßer­dem läuft ge­ra­de noch ein Be­ru­fungs­ver­fah­ren, das ihn für Mo­na­te in den Knast brin­gen könn­te. Die Epi­so­de mit den zwei Jo­ints lässt das Ge­richt jetzt aber un­ge­straft. „Ba­ga­tel­le“, mur­melt der Rich­ter, und stellt das Ver­fah­ren mit Zu­stim­mung des Staats­an­walts ein. Au­ßer­dem ist der jun­ge Mann nie im Zu­sam­men­hang mit här­te­ren Dro­gen ak­ten­kun­dig ge­wor­den. Kein „Auf Wie­der­se­hen“Der An­ge­klag­te – durch­aus ein in­tel­li­gen­ter und re­de­ge­wand­ter Mann, der sich bei der Ent­wick­lung ei­nes Le­bens­plans vor al­lem selbst im Weg steht – nimmt die wei­ße Base­ball­kap­pe vom Tisch und setzt sie auf. Sei­ne Vor­stel­lung ist zu En­de. Ob noch wei­te­re Ak­te vor Ge­richt fol­gen wer­den? „Schö­nen Tag noch“, wünscht der Rich­ter. „Eben­falls“, gibt Mr. Base­ball­kap­pe zu­rück. „Auf Wie­der­se­hen“will kei­ner der bei­den zum Ab­schied sa­gen.

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