Ein Kind sei­ner Zeit

Zum 150. Ge­burts­tag von „Dschun­gel­buch“-Au­tor Ru­dyard Ki­pling

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR - Von Se­bas­ti­an Bor­ger

LON­DON- Es steht über dem Spie­ler­ein­gang in Wim­ble­don, und Mar­ga­ret That­cher hat es gern zitiert: „Tri­umph und De­sas­ter er­le­ben/und die­sen bei­den Schwind­lern mit Gleich­mut be­geg­nen.“Es ist die be­rühm­tes­te Zei­le ei­nes der be­rühm­tes­ten eng­li­schen Ge­dich­te, ge­schrie­ben von Ru­dyard Ki­pling, Au­tor des „Dschun­gel­buchs“und Li­te­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger. Vor 150 Jah­ren wur­de er ge­bo­ren, und die Bri­ten ha­ben „If-“, je­ne Hym­ne an die Ge­las­sen­heit, erst kürz­lich wie­der zum bes­ten Ge­dicht ih­rer Spra­che ge­kürt. Mag der sprich­wört­li­che Gleich­mut, je­ne stiff up­per lip, auch der Ver­gan­gen­heit an­ge­hö­ren, dem Dich­ter hal­ten die Un­ter­ta­nen Ih­rer Ma­jes­tät die Treue.

Die Welt kennt Ki­pling vor al­lem als Schöp­fer der Ge­stal­ten im „Dschun­gel­buch“: Die Aben­teu­er des in­di­schen Jun­gen Mo­g­li fül­len zwei Bän­de. Zu­dem hängt dem Viel­zi­tier­ten, wenn auch nicht im­mer ganz Ver­stan­de­nen, die Phra­se von der „Bür­de des wei­ßen Man­nes“an. Mit die­sem Ge­dicht mahn­te der En­g­län­der die neue Im­pe­ri­al­macht USA 1898 zur Ver­ant­wor­tung für die neu ge­won­ne­ne Ko­lo­nie Phil­ip­pi­nen.

Da­mals, um die Wen­de zum 20. Jahr­hun­dert, ge­noss Ki­pling im bri­ti­schen Em­pi­re und weit dar­über hin­aus ho­hes An­se­hen, sei­ne Bü­cher ver­zeich­ne­ten Mil­lio­nen­auf­la­gen. Im Zeit­al­ter der Ent­ko­lo­nia­li­sie­rung nach dem Zwei­ten Welt­krieg kam er aus der Mo­de, le­dig­lich noch als Kin­der­buch­au­tor für sei­ne Ever­greens wie die Dschun­gel­bü­cher ak­zep­tiert, als Im­pe­ria­list ver­schrien.

Im­pe­ria­list? Ki­pling war ein Kind sei­ner Zeit, der Hoch­blü­te des Em­pi­re. In Bom­bay am 30. De­zem­ber 1865 ge­bo­ren, kam er als Sechs­jäh­ri­ger erst­mals nach En­g­land. Die El­tern lie­ßen Ru­dyard (be­nannt nach ei­nem eng­li­schen See) und sei­ne Schwes­ter Trix in der Ob­hut ei­ner sa­dis­ti­schen Kin­der­pfle­ge­rin zu­rück; fünf­ein­halb Jah­re lang muss­ten die Ge­schwis­ter die Quä­le­rei­en im „Haus der Trost­lo­sig­keit“er­tra­gen. Im In­ter­nat war er glück­lich. Mit 17 ging er zu­rück nach In­di­en und heu­er­te bei ei­ner Zei­tung in Laho­re (heu­te in Pa­kis­tan) als Re­por­ter an.

Der hoch­ta­len­tier­te jun­ge Mann schrieb in ra­sen­der Ge­schwin­dig­keit glän­zen­de Re­por­ta­gen eben­so Ge­sell­schafts­sa­ti­ren. „Un­ter den bu­schi­gen Au­gen­brau­en la­gen durch­drin­gen­de, strah­lend-blaue Au­gen“, schreibt Pro­fes­sor Tho­mas Pin­ney, Her­aus­ge­ber von Ki­plings Brie­fen. Dem schar­fen Blick ent­ging we­nig; die feh­len­de for­ma­le Aus­bil­dung mach­te Ki­pling durch ra­san­te Lek­tü­re al­ler Bü­cher wett, de­ren er hab­haft wer­den konn­te. Schwe­re Be­las­tun­gen Ki­pling war bald ein Star am li­te­ra­ri­schen Him­mel. Im Schaf­fen je­ner Jah­re spie­gelt sich der wi­der­sprüch­li­che Zeit­geist: der vor­herr­schen­de So­zi­al­dar­wi­nis­mus, die Fas­zi­na­ti­on frem­der Kul­tu­ren, die Be­geis­te­rung für ko­lo­nia­le Aben­teu­er, die all­ge­gen­wär­ti­ge Ge­walt. Ame­ri­ka, die Hei­mat sei­ner Frau Ca­ro­li­ne, ver­ließ er rasch wie­der, ver­är­gert durch an­ti­eng­li­sche Pro­pa­gan­da, tief trau­ernd um sei­ne mit sechs Jah­ren an Lun­gen­ent­zün­dung ge­stor­be­ne Toch­ter Jo­se­phi­ne. Süd­afri­ka wur­de ihm zu­wi­der, als die Re­gie­rung 1908 den Bu­ren Au­to­no­mie ein­räum­te. Im Jahr zu­vor hat­te er als ers­ter eng­lisch­spra­chi­ger Au­tor den Li­te­ra­tur­no­bel­preis er­hal­ten. Na­tio­na­le Eh­run­gen lehn­te er kon­se­quent ab.

Ki­plings Bür­de der letz­ten 20 Le­bens­jah­re be­stand aus schwers­ten psy­chi­schen Be­las­tun­gen und kör­per­li­chem Lei­den. Sei­nem ein­zi­gen Sohn John, ob­wohl noch min­der­jäh­rig, hat­te der be­rühm­te Va­ter im Ers­ten Welt­krieg zum Of­fi­zier­spa­tent ver­hol­fen. 1915 wur­de er als ver­misst ge­mel­det. Ki­pling mach­te sich bit­te­re Vor­wür­fe, sei­ne wort­ge­wal­ti­ge Un­ter­stüt­zung der Kriegs­an­stren­gung ge­riet ins Sto­cken. Ca­ro­li­ne litt un­ter Rheu­ma und De­pres­sio­nen. Bei ihm wur­de ein Zwölf­fin­ger­dar­mGe­schwür falsch be­han­delt. Ihm wur­den al­le Zäh­ne ge­zo­gen. Ki­pling starb 1936 kurz nach sei­nem 70. Ge­burts­tag.

FOTO: DPA

Ru­dyard Ki­pling, auf­ge­nom­men im Jahr 1907.

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