Was Ju­den zu Ju­den macht

Wis­sen­schaft­ler le­gen ein „Ba­sis­wis­sen Ju­den­tum“vor

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR - Von Mar­cus Mock­ler

FREI­BURG (epd) - Mit dem Mas­sen­mord an den Ju­den durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ist nicht nur das deut­sche Ju­den­tum na­he­zu aus­ge­löscht wor­den, son­dern auch sehr viel Kennt­nis dar­über, was jü­di­schen Glau­ben über­haupt aus­macht. Nun le­gen drei Wis­sen­schaft­ler mit Emp­feh­lung des Zen­tral­rats der Ju­den in Deutsch­land ein „Ba­sis­wis­sen Ju­den­tum“vor, das hand­buch­ar­tig ei­ne um­fas­sen­de Kennt­nis über den jü­di­schen Glau­ben ver­mit­telt.

Das 685 Sei­ten star­ke Werk be­ginnt mit der Fra­ge, wer über­haupt Ju­de ist. Das stärks­te Kri­te­ri­um ist die Nach­kom­men­schaft von ei­ner jü­di­schen Mut­ter. In der Ge­schich­te wur­den aber auch die Kin­der jü­di­scher Vä­ter dem Bun­des­volk zu­ge­ord­net. Au­ßer­dem be­steht die Mög­lich­keit, zum Ju­den­tum zu kon­ver­tie­ren und in die Sy­nago­gen­ge­mein­schaft auf­ge­nom­men zu wer­den.

Mit ih­rer Schrift und ih­ren Bü­chern er­leb­ten die Ju­den in ih­rer jahr­tau­sen­de­al­ten Ge­schich­te im­mer wie­der in­tel­lek­tu­el­le Blü­te­zei­ten. Es ent­wi­ckel­te sich ein aus­ge­feil­tes Rechts­sys­tem und Bil­dungs­we­sen. Von der Be­schnei­dung über die Bar Miz­wa (ei­ne Art jü­di­sche Kon­fir­ma­ti­on) und die Ehe­schlie­ßung bis zum Tod prägt der Glau­be be­son­de­re Le­bens­sta­tio­nen. Ob es ein Le­ben nach dem Tod gibt, dar­über strit­ten schon zu Zei­ten von Je­sus Chris­tus die Par­tei­en der Pha­ri­sä­er und Sad- du­zäer. Ei­ne ein­deu­ti­ge Lehr­mei­nung da­zu gibt es im Ju­den­tum nicht.

Mit ei­ner Aus­wahl von Fotos führt das Hand­buch durch die ver­schie­dens­ten Fa­cet­ten jü­di­schen Glau­bens. Es schil­dert die kom­pli­zier­ten Spei­se­vor­schrif­ten und er­läu­tert, war­um in ei­ner ko­sche­ren Kü­che im­mer zwei­fach Ge­schirr vor­han­den sein muss. Das ei­ne Set darf nur mit Milch in Be­rüh­rung kom­men, das an­de­re mit Fleisch – aber nie bei­des zu­sam­men.

Ein lan­ger Ab­schnitt be­han­delt die Ge­schich­te von der Ein­nah­me des ge­lob­ten Lands Is­ra­el über mit­tel­al­ter­li­che Le­bens­wel­ten bis hin zur Schoah und jü­di­schem Le­ben heu­te. Auch Sta­tio­nen des jü­disch­christ­li­chen Ge­sprächs greift der Band auf, eben­so die Fra­ge der Ge­mein­sam­kei­ten von Ju­den und Mus­li­men. Zu­dem er­fah­ren die Le­ser, wie un­ter­schied­lich or­tho­do­xe und li­be­ra­le Ju­den die Bi­bel und mo­der­ne Her­aus­for­de­run­gen be­ur­tei­len.

Selbst das un­ter Ju­den um­strit­te­ne The­ma Ho­mo­se­xua­li­tät wird the­ma­ti­siert. Die Au­to­ren le­gen dar, dass gleich­ge­schlecht­li­che Lie­be in der he­bräi­schen Bi­bel aus­nahms­los ver­ur­teilt wird – al­ler­dings nur bei Män­nern. Sie schil­dern die his­to­risch-kritische Les­art, die in den Ver­bo­ten ei­ne wich­ti­ge Ab­gren­zung Is­ra­els von den Nach­bar­völ­kern und kei­ne ewig gül­ti­ge Wahr­heit sieht. Li­be­ra­le Ge­mein­den heu­te ha­ben mit schwu­len und les­bi­schen Pär­chen in ih­ren Rei­hen kei­ne Pro­ble­me mehr.

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