Mar­tin Her­bers: „Wir wol­len die­se schreck­li­che Welt da drau­ßen ver­ges­sen“

Fern­seh­for­scher der Zep­pe­lin-Uni­ver­si­tät ana­ly­siert das Pro­gramm zwi­schen den Jah­ren

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - OBERSCHWABEN UND DONAU -

FRIED­RICHS­HA­FEN - Die Glot­ze, Ver­zei­hung, das Fern­se­hen, wird sel­ten im Jahr so ger­ne ge­nutzt wie zwi­schen den Jah­ren. Grund ge­nug, sich ein­mal mit Fern­seh­for­scher Mar­tin Her­bers von der Zep­pe­lin-Uni­ver­si­tät über die Zu­kunft des viel ge­schol­te­nen Me­di­ums und die Fra­ge, was Schwei­ne­bra­ten auf dem Bild­schirm ei­gent­lich über die Ge­sell­schaft ver­rät, zu un­ter­hal­ten. Auch über das En­de von Ste­fan Ra­ab hat Her­bers SZ-Re­dak­teur Ha­gen Schön­herr sei­ne Mei­nung ver­ra­ten. Herr Her­bers, was er­for­schen Sie da? Fern­se­hen, ein ster­ben­des Me­di­um. Die Zu­schau­er­quo­ten ge­hen doch stän­dig nach un­ten. Ich glau­be, ich bin nicht ganz bei Ih­nen. Das Fern­se­hen geht be­stimmt nicht un­ter. Aber es sucht sich zur­zeit in ei­ner neu­en, ver­än­der­ten Me­dien­land­schaft ei­nen neu­en Platz. Fern­se­hen ist heu­te noch ein wich­ti­ger Ak­teur bei der In­for­ma­ti­ons­ver­mitt­lung, al­so bei den klas­si­schen Nach­rich­ten. Und das gilt auch noch bei der re­gel­mä­ßig wie­der­keh­ren­den Un­ter­hal­tung. Die­ses klas­si­sche Fern­se­hen sucht sich aber zur­zeit neue Ka­nä­le, um sein Pro­gramm zu ver­brei­ten: Vie­le Men­schen schau­en im­mer noch da­heim am Fern­seh­schirm. Doch es gibt ei­ne neue Ge­ne­ra­ti­on, die will In­hal­te zum Bei­spiel an­hand von In­ter­net­clips kon­su­mie­ren. Der Spar­ten­ka­nal ZDF-Neo hat da ei­nen ganz gu­ten Spa­gat ge­schafft. Da gibt es das „Neo Ma­ga­zin Roya­le“mit Jan Böh­mer­mann. Die al­te TV-Ge­ne­ra­ti­on kann sich der Sen­dung ganz nor­mal am Fern­seh­ge­rät zu­wen­den. Die neue Ge­ne­ra­ti­on ar­bei­tet halt cli­pori­en­tiert und kommt über Youtu­be an die Sen­dung her­an. Ei­ne Sen­dung, zwei Ka­nä­le, zwei Kon­zep­te. Dar­an wer­den wir uns in Zu­kunft ge­wöh­nen müs­sen. Wäh­rend Herr Böh­mer­mann al­so neu­es Fern­se­hen macht, hat ein einst eben­so jun­ger und wil­der Fern­seh­ma­cher, Ste­fan Ra­ab, jüngst dem Bild­schirm Adieu ge­sagt. Was kann er nicht, was Böh­mer­mann kann? „Ste­fan Ra­ab“ist klas­si­sches Fern­se­hen der 90er-Jah­re. Das war sehr stark von der Kunst­fi­gur „Ra­ab“ge- trie­ben. Der pass­te nur ins klas­si­sche Fern­se­hen und ich den­ke, er hät­te so­gar ein Glaub­wür­dig­keits­pro­blem, wenn er sich jetzt aufs In­ter­net stür­zen wür­de. Viel­leicht ist sein En­de al­so der Ent­wick­lung des Me­di­ums ge­schul­det und der Tat­sa­che, dass er sei­ne Sen­dun­gen bis zu­letzt auf klas­si­sche Wei­se ge­stal­tet hat. Er hät­te die­ses „Nicht-Di­gi­ta­le“viel­leicht auch zu ei­nem Mar­ken­zei­chen aus­bau­en kön­nen, so wie Gott­schalk. Aber das wä­re noch­mals ein enor­mer Kraft­akt mit un­ge­wis­sem Aus­gang ge­we­sen. Trotz­dem: In den USA hat so et­was schon funk­tio­niert. Zu­rück zu Ih­ren Kern­for­schun­gen. Sie sa­gen, Fern­se­hen und Sen­de­for­ma­te sind ein Spie­gel der Ge­sell­schaft. Gilt das auch für Koch­sen­dun­gen und Heim­wer­ker-TV? Ge­ra­de Koch­shows oder Heim­wer­ker­sen­dun­gen tref­fen auf ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Be­darf, auf den das Fern­se­hen ei­gent­lich nur re­agiert. Öko­no­misch ge­spro­chen: Oh­ne ein In­ter­es­se wür­de es ja nie­mand se­hen und dann wür­de es sich nicht loh­nen. War­um gibt es die Sen­dun­gen al­so? Bei­spiel Heim­wer­ker­shows: Sie neh­men Rück­griff auf ei­ne sehr ak­tu­el­le Idee: Dass man nicht stän­dig al­les neu kau­fen muss, dass man Din­ge sel­ber ma­chen kann. Das ist ein ge­sell­schaft­li­cher Trend. Beim Ko­chen ist das so ähn­lich: Die­ser grund­le­gen­de so­zia­le Pro­zess des Ko­chens traf und trifft doch voll un­se­re Be­dürf­nis­se. Gilt das auch für das, was ge­kocht wird? Ja klar. To­ast Ha­waii und Schwei­ne­bra­ten wa­ren in den 50ern auf dem Fern­seh­schirm zu se­hen. Heu­te wird bio, ve­gan oder ge­sund ge­kocht. Das hat nicht das Fern­se­hen er­fun­den. Von ei­nem ame­ri­ka­ni­schen Fern­seh­for­scher stammt ei­ne pro­vo­zie­ren­de The­se: Der 11. Sep­tem­ber 2001 und der Boom von Heim­wer­ker­for­ma­ten wie „Ein­satz in vier Wän­den“auf RTL II ste­hen in di­rek­tem Zu­sam­men­hang. Ja. Fern­se­hen bie­tet schon im­mer die Mög­lich­keit zur Ab­kehr vom Öf­fent­li­chen und zur Flucht ins Pri­va­te. Ge­ra­de durch die be­droh­li­chen Er­eig­nis­se auf der Welt – Ter­ro­ris­mus und Krie­ge – steigt un­ser Be­dürf­nis nach Über­schau­bar­keit und Hand­hab­bar­keit. Wir wol­len uns auf das Ei­ge­ne be­sin­nen und die­se schreck­li­che Welt da drau­ßen ver­ges­sen. In Ame­ri­ka ist das be­son­ders deut­lich zu se­hen, aber auch bei uns. Wenn im Fern­se­hen ge­zeigt wird, wie ich oh­ne Hil­fe von au­ßen mein Nest bau­en kann oder am hei­mi­schen Herd ste­he, dann füh­le ich mich selbst­stän­dig und si­cher und ver­ges­se ein we­nig die­se Angst. Kön­nen Sie sich mit die­sem Wis­sen ei­gent­lich noch vor den Fern­se­her set­zen und be­rie­seln las­sen? Oh ja, das kann ich sehr sehr gut. Ich schaue viel Fern­se­hen, das ist Teil mei­nes Jobs. Na­tür­lich wer­de ich den ana­ly­ti­schen Blick nie­mals los, weil ich weiß, wie For­ma­te auf­ge­baut sind, wel­chem Ziel sie die­nen. „Bauer sucht Frau“ist ein schö­nes Bei­spiel, da ach­te ich im­mer sehr auf die Per­so­nen und Le­bens­ent­wür­fe, die dort vor­ge­führt wer­den. Aber es gibt im­mer wie­der Über­ra­schen­des, Fern­se­hen, das mit Re­geln bricht, wie eben das „Neo Ma­ga­zin Roya­le“. Da wird al­les über den Hau­fen ge­wor­fen. Es ist schön, so et­was zu ent­de­cken. Sie glot­zen „Bauer sucht Frau“? Das ist doch Un­ter­schich­tenfern­se­hen! Na ja, die Fra­ge ist doch, wer ei­nen sol­chen Be­griff ver­wen­det. Ist das die Be­schrei­bung von Wirk­lich­keit? Oder nur ein groß­bür­ger­lich klin- gen­der Kampf­be­griff von Men­schen, die so tun, als wür­den sie den gan­zen Tag nur Ar­te se­hen und Thea­ter­über­tra­gun­gen auf 3sat – wäh­rend die Un­ter­schicht bei „Bauer sucht Frau“vor sich hin döst? Na­tür­lich wer­den Sen­dun­gen für be­stimm­te Ziel­grup­pen ge­macht. Es ist aber Irr­glau­ben, dass es zwi­schen die­sen Grup­pen kei­ne Be­we­gung und kei­ne Dy­na­mik gibt. Nie­mand wird ge­zwun­gen, et­was an­zu­se­hen. Egal, aus wel­cher so­zia­len Grup­pe Zu­schau­er stam­men – es gibt im­mer Men­schen, die sich für oder ge­gen ei­ne Sen­dung ent­schei­den oder die es aus ganz an­de­ren Grün­den an­se­hen, als es viel­leicht vom Pro­du­zen­ten ge­dacht war. Ge­gen den Be­griff Un­ter­schich­tenfern­se­hen weh­re ich mich des­halb. Auch wenn es Spaß macht, Ih­nen zu­zu­hö­ren: Wel­chen Nut­zen ha­ben Ih­re TV-For­schun­gen denn über­haupt? Der Wert des Gan­zen ist zu­nächst ei­ne kritische Analyse des Fern­seh­pro­gramms: Wie funk­tio­niert das, an wen rich­tet sich das Gan­ze und was pas­siert dann mit dem Zu­schau­er? Wer so et­was weiß, kann sich über­le­gen: Muss das Fern­seh­pro­gramm so aus­se­hen, wie es heu­te aus­sieht? Wer­den da viel­leicht über­hol­te ge­sell­schaft­li­che Struk­tu­ren ver­fes­tigt, die ei­gent­lich ganz an­ders aus­se­hen müss­ten? Und wie kann sich ein Zu­schau­er mit die­sem Wis­sen aus sei­nen Ver­hält­nis­sen eman­zi­pie­ren? Muss er al­les schau­en, was ihm ser­viert wird — oder kann er da­mit kri­tisch um­ge­hen? Das ist heu­te üb­ri­gens ein­fa­cher denn je: in den so­zia­len Netz­wer­ken im In­ter­net. Ver­ra­ten Sie uns zum Schluss noch, wel­che drei Sen­dun­gen bei Ih­nen zum wö­chent­li­chen Pflicht­pro­gramm ge­hö­ren? Ich glau­be, ich ha­be Fa­vo­ri­ten aus al­len Epo­chen des Fern­se­hens da­bei. Auf je­den Fall schaue ich re­gel­mä­ßig die Simpsons, die klas­si­sche Zei­chen­trick­se­rie der 90er, die klu­ge Ge­sell­schafts­kri­tik übt. Das „Neo Ma­ga­zin Roya­le“ist auch Pflicht­pro­gramm, was künf­ti­ge Trends an­geht. Und ein Dau­er­bren­ner flim­mert fast täg­lich über mei­nen Bild­schirm: die gu­te al­te Ta­ges­schau.

FOTO: DPA

Ta­ges­schau: re­sis­tent ge­gen den Zeit­geist.

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