In­ne­hal­ten im neu­en Jahr

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE - Von Chris­toph Pla­te c. pla­te@schwa­ebi­sche.de

Die­ses war ein Jahr, in dem ganz si­cher das In­ne­hal­ten zu kurz ge­kom­men ist. In Deutsch­land hat man sich mit der Flücht­lings­kri­se aus­ein­an­der­ge­setzt, sich mit dem dro­hen­den Krieg in der Ukrai­ne oder dem mög­li­chen Schei­tern des Eu­ro be­fasst. Das sind al­les The­men, die zwar ih­ren Ur­sprung nicht hier ha­ben, das Land aber mit­tel­bar be­tref­fen.

Bei so viel Kri­se ge­rät schon mal in Ver­ges­sen­heit, wie wich­tig das In­ne­hal­ten ist. Auch bei den deut­schen Po­li­ti­kern. Die re­agie­ren mehr­heit­lich hek­tisch, ge­trie­ben von kri­ti­schen Me­di­en und von Bür­gern, die in Po­li­ti­kern fälsch­li­cher­wei­se nai­ve Idea­lis­ten se­hen und nicht die Gestal­ter un­se­rer Ge­gen­wart.

Die De­bat­ten in Deutsch­land sind 2015 hit­zi­ger ge­wor­den, welt­an­schau­li­cher und exis­ten­zi­el­ler. Be­son­ders Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) hat mit ih­rem „Wir schaf­fen das“po­la­ri­siert wie nie zu­vor in ih­rer po­li­ti­schen Kar­rie­re. Wenn die in Ham­burg ge­bo­re­ne ost­deut­sche Pro­tes­tan­tin, ge­wis­ser­ma­ßen die ers­te ge­samt­deut­sche Füh­rungs­fi­gur über­haupt, sich aus christ­li­cher Über­zeu­gung ge­gen Tei­le von Par­tei und Ge­sell­schaft stellt, er­in­nert sie an Mar­tin Lu­ther mit sei­nem „Ich ste­he hier, ich kann nicht an­ders“. Ih­re Flücht­lings­po­li­tik wird – ne­ben The­men wie Schul­po­li­tik und Fra­gen der Di­gi­ta­li­sie­rung – am 13. März 2016 auf den Prüf­stand ge­stellt wer­den. Dann wer­den in Ba­den-Würt­tem­berg, in Rhein­lan­dP­falz und in Sach­sen-An­halt neue Land­ta­ge ge­wählt. Es geht bei die­sen Ur­nen­gän­gen um grund­sätz­li­che Fra­gen: Wie wol­len wir in Zu­kunft zu­sam­men le­ben, wie de­fi­nie­ren wir ei­ne Ge­sell­schaft, die durch Mi­gra­ti­on, Flucht und Glo­ba­li­sie­rung im­mer bun­ter und in­ter­na­tio­na­ler wird.

Es ist nicht zu er­war­ten, dass 2016 ein ein­fa­che­res Jahr wer­den wird als das ge­ra­de zu En­de ge­hen­de. Dass es der Mehr­heit der Deut­schen – be­son­ders hier im Süd­wes­ten – bei all­dem wirt­schaft­lich gut geht wie nie, re­la­ti­viert man­ches Pro­blem und ent­kräf­tet man­che Auf­ge­regt­heit. Wenn dann noch Zeit zum In­ne­hal­ten bleibt, könn­te 2016 ein gu­tes Jahr wer­den.

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