Gauck muss sich bald ent­schei­den

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - MEINUNG & DIALOG - Von Tho­mas La­nig

m 24. Ja­nu­ar wird Bun­des­prä­si­dent Joa­chim Gauck 76 Jah­re alt, so alt wie kein Bun­des­prä­si­dent vor ihm. Ei­ni­ges spricht da­für, dass er sich bis heu­te noch nicht ent­schie­den hat, ob er für ei­ne zwei­te Amts­zeit an­tritt. Sich ver­ab­schie­den in schwie­ri­gen Zei­ten, das liegt ihm nicht.

Sei­ne Mit­ar­bei­ter und be­glei­ten­de Jour­na­lis­ten er­leb­ten in den letz­ten Mo­na­ten ei­nen ge­las­se­nen und meist gut ge­laun­ten Prä­si­den­ten. Ge­sund­heit­li­che Be­schwer­den, et­wa mit dem Rü­cken oder den Kni­en bei stun­den­lan­gen Emp­fän­gen oder De­fi­lees, schei­nen im Griff zu sein. Er ist po­pu­lär, eben­so sei­ne Le­bens­ge­fähr­tin Da­nie­la Schadt als First La­dy.

Am 18. März ist Gauck vier Jah­re im Amt. Im Fe­bru­ar 2017 tritt die Bun­des­ver­samm­lung zur Wahl ei­nes Staats­ober­haupts zu­sam­men. In Ber- lin heißt es, es sei gu­ter Brauch, ein Jahr vor der Wahl Klar­heit über ei­ne er­neu­te Kan­di­da­tur zu schaf­fen. Dar­an hat sich aber auch nicht je­der von Gaucks Vor­gän­gern ge­hal­ten.

Wich­ti­ger: Am 13. März 2016 wird in drei Bun­des­län­dern ge­wählt, wo­mit die in­nen­po­li­ti­schen Kon­stel­la­tio­nen und die Kräf­te­ver­hält­nis­se in der Bun­des­ver­samm­lung noch ein­mal neu jus­tiert wer­den. Wahr­schein­lich ist des­halb ei­ne Ent­schei­dung Gaucks nach dem Wahl­tag, aber noch vor der Som­mer­pau­se.

Bis­her sieht es so aus, als stün­den al­le drei Frak­tio­nen, die Gauck 2012 ge­wählt ha­ben, auch hin­ter ei­ner zwei­ten Amts­zeit. Po­li­ti­ker von Uni­on, SPD und Grü­nen ha­ben den ExPas­tor aus Ros­tock wie­der­holt auf­ge­for­dert, noch ein­mal an­zu­tre­ten. Auch die Kanz­le­rin könn­te, un­ge­ach­tet ih­res an­fäng­li­chen Wi­der­stands ge­gen den Mann aus dem Os­ten, mit ei­ner zwei­ten Amts­zeit gut le­ben.

Die Al­ter­na­ti­ve wä­re ei­ne lang­wie­ri­ge und kom­pli­zier­te De­bat­te über ei­nen Nach­fol­ger und über das Bünd­nis, das ihn trägt. Wä­re ei­ne grüne Kan­di­da­tin, et­wa Ka­trin Gö­ring-Eckardt, das si­che­re Si­gnal für ei­ne schwarz-grüne Ko­ali­ti­on in Ber­lin? Wä­re ein SPD-Prä­si­dent Fran­kWal­ter St­ein­mei­er den Uni­ons­ab­ge­ord­ne­ten zu ver­mit­teln? Auch der hes­si­sche CDU-Mi­nis­ter­prä­si­dent Vol­ker Bouf­fier, im­mer­hin im Bünd­nis mit den Grü­nen, lau­fe sich schon warm, heißt es.

Im Prä­si­di­al­amt gibt es man­che, die fürch­ten sich vor Lan­ge­wei­le, wenn Gauck es noch ein­mal macht. Und an­de­re, de­nen steckt die bit­te­re Er­fah­rung des Dop­pel­rück­tritts, zu­nächst Horst Köh­lers 2010 und dann Chris­ti­an Wul­ffs 2012, noch in den Kno­chen. Sie sind froh über Kon­ti­nui­tät. Gauck kann mit der ers­ten Amts­zeit zu­frie­den sein. Vor al­lem sein Auf­ruf, Deutsch­land müs­se mehr Ver­ant­wor­tung in der Welt über­neh­men, not­falls auch mi­li­tä­risch, war weg­wei­send und ist im­mer noch ak­tu­ell.

„Dies ist ein gu­tes Deutsch­land, das bes­te, das wir ken­nen.“Wenn man ei­nen und nur ei­nen Satz aus den vie­len Re­den her­aus­fi­schen möch­te, dann ist viel­leicht die­ser, vor der Münch­ner Si­cher­heits­kon­fe­renz im Ja­nu­ar 2014 ge­spro­chen, der wich­tigs­te. Die Kon­se­quenz dar­aus: Deutsch­land darf sich nicht weg­du­cken, auch nicht mit Hin­weis auf sei­ne grau­en­vol­le Ver­gan­gen­heit. Pa­zi­fis­mus ist für ihn kei­ne ernst zu neh­men­de Hal­tung.

Von „Dun­kel­deutsch­land“sprach Gauck an­ge­sichts frem­den­feind­li­cher Ge­walt, aber er hat auch eher als an­de­re vor nai­vem Op­ti­mis­mus ge­warnt. „Un­ser Herz ist weit. Doch un­se­re Mög­lich­kei­ten sind end­lich“, sag­te er am 3. Ok­to­ber, dem Tag der Deut­schen Ein­heit. (dpa)

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