Ein Jahr Min­dest­lohn – ei­ne Bi­lanz

In der De­bat­te um die Lohn­un­ter­gren­ze ge­hen die An­sich­ten noch im­mer weit aus­ein­an­der

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIRTSCHAFT - Von Ba­sil We­ge­ner

BER­LIN (dpa) - Für die ei­nen war der Min­dest­lohn ein his­to­ri­scher Schritt zu mehr Ge­rech­tig­keit, für die an­de­ren ein his­to­ri­scher Feh­ler mit ver­hee­ren­den Wir­kun­gen. Hun­dert­tau­sen­de Jobs wür­den weg­fal­len, warn­ten ei­ni­ge Wirt­schafts­in­sti­tu­te. Ein Jahr ist die 8,50-Eu­ro-Lohn­un­ter­gren­ze in Deutsch­land zum Jah­res­wech­sel alt – was hat sie ge­bracht?

Noch Mo­na­te nach sei­ner Ein­füh­rung ging der Streit um den Min­dest­lohn wei­ter. Das Gast­ge­wer­be klag­te, Ho­tels und Re­stau­rants könn­ten nicht mehr die Prei­se an­bie­ten, die de­nen die Gäs­te be­reit sei­en zu be­zah­len. In der schwarz-ro­ten Ko­ali­ti­on knirsch­te es. Aus der Uni­on wur­de Ar­beits­mi­nis­te­rin Andrea Nah­les (SPD) be­drängt, das Ge­setz zu ent­schär­fen. We­ni­ger ge­ring­fü­gig Be­schäf­tig­te Bis heu­te sind die Ar­beit­ge­ber al­les an­de­re als glück­lich. Ar­beit­ge­ber­prä­si­dent In­go Kra­mer klagt über „bü­ro­kra­ti­sche Aus­wüch­se“des Min­dest­l­ohn­ge­set­zes – die Fol­gen sei­en un­nö­ti­ge Kos­ten und mas­si­ve Rechts­un­si­cher­heit auch dort, wo viel hö­he­re Löh­ne ge­zahlt wür­den. „Die Zahl der aus­schließ­lich ge­ring­fü­gig Be­schäf­tig­ten ist ge­gen­über dem Vor­jahr um rund 200 000 ge­sun­ken – vor al­lem we­gen der zu­sätz­li­chen Bü­ro­kra­tie, die für die­se Be­schäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se un­nö­ti­ger­wei­se ein­ge­führt wor­den ist“, sagt Kra­mer mit Blick auf die Pflicht zur Auf­zeich­nung der Ar­beits­zeit.

DGB-Vor­stands­mit­glied Ste­fan Kör­zell hin­ge­gen be­tont: „Es liegt die Ver­mu­tung na­he, dass Mi­ni­jobs zu re­gu­lä­ren (Teil­zeit)-Stel­len zu­sam­men­ge­legt wur­den.“Denn ins­ge­samt nahm die Be­schäf­ti­gung auf Re­kord­ni­veau zu. Vor al­lem aber freut er sich über die Ef­fek­te auf dem Lohn­zet­tel. „Ins­be­son­de­re Frau­en, Un­ge­lern­te, Be­schäf­tig­te in Di­enst­leis­tungs­bran­chen und in Ost­deutsch­land pro­fi­tie­ren vom ge­setz­li­chen Min­dest­lohn“, sagt Kör­zell mit Ver­weis auf das Sta­tis­ti­sche Bun­des­amt.

So ha­be es in die­sem Jahr bun­des­weit ei­nen Lohn­an­stieg von Un­ge­lern­ten in Voll- und Teil­zeit um 3,3 Pro­zent bis ver­gan­ge­nen Ju­ni ge­ge­ben – Aus­rei­ßer nach oben: Frau­en im ost­deut­schen Gast­ge­wer­be mit ei­nem Plus von 19,5 Pro­zent, bei Män­nern wa­ren es 15 Pro­zent. Laut Ha­gen Lesch, Lohn- und Ta­rif­ex­per- te des In­sti­tuts der deut­schen Wirt­schaft, sei noch nicht klar, wie der Min­dest­lohn an­ge­kom­men sei. Ha- ben Be­schäf­tig­te teils un­ter­ein­an­der be­zahlt – in­dem man­che Son­der­zah­lun­gen ein­bü­ßen, weil an­de­re mehr be­kom­men? „Wir wis­sen, dass es in Ost­deutsch­land in nied­rig qua­li­fi­zier­ten Be­rei­chen star­ke Lohn­stei­ge­run­gen gab.“ 62 000 re­gu­lär Be­schäf­tig­te mehr Mit Blick auf die Ef­fek­te auf den Job­markt be­tont Thors­ten Schulten, Ar­beits­markt­ex­per­te des For­schungs­in­sti­tuts WSI: „Die Ver­kün­der von Hor­ror­sze­na­ri­en sind bla­miert.“Die Bran­che mit dem pro­zen­tu­al höchs­ten Be­schäf­ti­gungs­zu­wachs sei das Gast­ge­wer­be. In­ner­halb ei­nes Jah­res stieg die Zahl der re­gu­lär Be­schäf­tig­ten laut Bun­des­agen­tur für Ar­beit hier um 6,5 Pro­zent oder 62 000.

Die Na­gel­pro­be – mahnt IW-Ex­per­te Lesch – kom­me aber erst in Zei­ten des Ab­schwungs. Be­reits heu­te nimmt die De­bat­te über die ers­te An­he­bung der Lohn­gren­ze an Fahrt auf. Erst An­fang 2017 soll der Min­dest­lohn an­ge­passt wer­den. Ver­di-Chef Frank Bsirs­ke hat­te be­reits zehn Eu­ro ge­for­dert – BDA-Prä­si­dent Kra­mer hält be­reits neun Eu­ro für il­lu­so­risch.

FOTO: DPA

Sind 8,50 Eu­ro Min­dest­lohn an­ge­mes­sen? Wenn es nach der Ge­werk­schaft Ver­di geht, wä­ren zehn Eu­ro sach­ge­mäß. Ein Jahr nach sei­ner Ein­füh­rung sorgt der Min­dest­lohn in Deutsch­land für Dis­kus­si­ons­stoff.

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