Hell­se­her ha­ben es auch nicht leicht

„Die Vor­se­hung“mit Ant­ho­ny Hop­kins und Co­lin Far­rell ist Pop­cornki­no, das mehr sein will

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KINO/ VERANSTALTUNGEN - Von Mi­chel Win­de

harles Am­bro­se kann in die Zu­kunft se­hen. Der Se­ri­en­mör­der weiß ge­nau, wann das FBI am Tat­ort sein wird. „4:16“steht auf ei­nem Kärt­chen an der Woh­nung ei­ner Er­mor­de­ten. „Ein Bi­bel­vers?“, fragt Er­mitt­le­rin Ka­the­ri­ne Cow­les. „Nein, die Uhr­zeit“, ant­wor­tet der pen­sio­nier­te Psy­cho­ana­ly­ti­ker John Clan­cy (Ant­ho­ny Hop­kins). Der be­hält als ein­zi­ger den Durchblick: „Er ist uns weit vor­aus – und wir tun ge­nau das, was er von uns will“, sagt er über den Mör­der (Co­lin Far­rell). Clan­cy und Am­bro­se sind Kon­tra­hen­ten – und tei­len doch ei­ne Ge­mein­sam­keit: Sie kön­nen in die Zu­kunft se­hen.

Hop­kins und Far­rell: Auf den ers­ten Blick klingt die Be­set­zung wie ein Ver­spre­chen auf ei­nen groß­ar­ti­gen Film. Doch die­ses Ver­spre­chen löst „Die Vor­se­hung“nicht ein; viel mehr als ein star­kes En­sem­ble hat das in­ter­na­tio­na­le Spiel­film­de­büt des Bra­si­lia­ners Afon­so Poyart nicht zu bie­ten. Statt­des­sen: vie­le Kli­schees und Ab­sur­di­tä­ten. Da­bei war „So­lace“(über­setzt: Trost), wie die Pro­duk­ti­on im Eng­li­schen heißt, einst als Nach­fol­ger von Da­vid Fin­chers be­drü­cken­dem Meis­ter­werk „Sie­ben“im Ge­spräch. Mehr als zehn Jah­re lang wur­den Ide­en für die Um­set­zung des Dreh­buchs ver­wor­fen – bis Poyart kam.

Und dar­um geht es: Seit Wo­chen wer­den Men­schen ge­tö­tet. Als die Er­mitt­ler Joe Mer­ri­we­ther und Ka­the­ri­ne Cow­les (Ab­bie Cor­nish) nicht mehr wei­ter wis­sen, bit­ten sie Clan­cy mit sei­nen se­he­ri­schen Fä­hig­kei­ten um Hil­fe. Am­bro­se tö­tet Men­schen, um sie vor ei­ner töd­li­chen Krank­heit zu be­wah­ren.

Mer­ri­we­ther und Cow­les schei­nen wie aus dem Setz­kas­ten. Nicht nur die Cha­rak­ter­zeich­nung hin­ter- lässt Fra­ge­zei­chen. War­um die Hand­ka­me­ra ein an­stren­gen­des Re­vi­val erlebt, war­um die Er­mitt­ler in Mann­schafts­stär­ke um den Ge­richts­me­di­zi­ner her­um­ste­hen, als das Ge­hirn ei­nes To­ten auf­ge­schnit­ten wird – man weiß es nicht.

Was man weiß: Die pos­tu­me Dia­gno­se des er­mor­de­ten Kin­des auf dem Tisch des Fo­ren­si­kers lau­tet Ge­hirn­tu­mor. Vier, fünf oder sechs Men­schen in die­sem Film – man kommt durch­ein­an­der bei all den Kran­ken­ge­schich­ten – ha­ben, hat­ten oder wer­den Krebs ha­ben.

Hop­kins spielt den er­grau­ten Psy­cho­ana­ly­ti­ker na­tür­lich groß­ar­tig. Der frü­he­re Part­ner von Mer­ri­we­ther lebt ver­ein­samt zwi­schen un­aus­ge­pack­ten Kar­tons in der Pam­pa. Sei­ne Ehe ist nach dem Tod der Toch­ter (Krebs!) ge­schei­tert. Die Fä­hig­keit, in Aus­schnit­ten die Zu­kunft zu se­hen, ist ge­blie­ben. Far­rell, der die glei­che Ga­be hat, gibt den Am­bro­se als küh­len Mör­der, der an das Gu­te sei­ner Mis­si­on glaubt. Nicht aus Ruhm­sucht oder ri­tu­el­len Grün­den tö­tet er – er möch­te sei­ne Op­fer er­lö­sen.

Her­aus­ge­kom­men ist Pop­cornki­no, das an der selbst­ge­stell­ten Auf­ga­be schei­tert, die gro­ßen Fra­gen des Le­bens zu be­ant­wor­ten. Ist der Tod bes­ser als ein Le­ben in Schmerz? Und wenn ja: Wer hat das Recht, das zu ent­schei­den? So en­det der Film, wie er zu­vor 100 Mi­nu­ten über die Lein­wand flim­mert – mit ei­ner Bin­sen­weis­heit: „Die größ­ten Lie­bes­be­wei­se sind be­son­ders schwie­rig zu er­brin­gen.“ Die Vor­se­hung. Re­gie: Afon­so Poyart. Mit Ant­ho­ny Hop­kins, Jef­frey De­an Mor­gan, Co­lin Far­rell. USA, 2013, 101 Min., oh­ne Al­ters­be­schrän­kung.

FOTO: CON­COR­DE

Joe ( Jef­frey De­an Mor­gan, links) ist auf die Hil­fe von Dr. Clan­cy ( Ant­ho­ny Hop­kins, rechts) an­ge­wie­sen.

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