Ein Le­ben in Brie­fen

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR -

Vier Jah­re lang hat sich der dä­ni­sche Au­tor Jens An­der­sen (60, Foto: Lars Kaae) für sei­ne Bio­gra­fie über As­trid Lind­gren in Brie­fe, Auf­zeich­nun­gen, Ma­nu­skrip­te ver­tieft, hat zahl­rei­che Ge­sprä­che mit ih­rer Fa­mi­lie ge­führt. Katja Waiz­enegger hat mit ihm über sei­ne Ar­beit ge­spro­chen. As­trid Lind­gren war ei­ne un­glaub­lich flei­ßi­ge Brief­schrei­be­rin. Wie muss man sich das Archiv der Kö­nig­li­chen Bi­b­lio­thek in Stockholm vor­stel­len, in dem ihr Nach­lass ver­wahrt wird? Es sind 144 Re­gal­me­ter mit mehr als 75 000 Brie­fen von Le­sern und Freun­den und vie­le Brie­fe von As­trid Lind­gren selbst, au­ßer­dem fast 700 Ste­no­gra­phie-Blö­cke. Je­den Mor­gen, wenn sie um sechs Uhr auf­ge­wacht ist, hat sie sich ei­nen Ste­no­block ge­schnappt und ih­rer Fan­ta­sie frei­en Lauf ge­las­sen. Bis auf ih­re letz­ten Jah­re hat sie je­den Tag ih­res Er­wach­se­nen­le­bens ge­schrie­ben. Die meis­ten Brie­fe wa­ren privat. Ha­ben Sie sich nicht ein biss­chen ge­fühlt wie je­mand, der durchs Schlüs­sel­loch schaut? Ich füh­le ei­ne mo­ra­li­sche Ver­ant­wor­tung, nicht al­les zu schrei­ben, was ich er­fah­ren ha­be. Als Bio­graf soll­te man Re­spekt zei­gen ge­gen­über der Person, die man por­trä­tiert. Ich glau­be, das geht, oh­ne auf kritische Dis­tanz zu ver­zich­ten. Sind Sie auf ei­ne Sei­te von As­trid Lind­grens Cha­rak­ter ge­sto­ßen, die Sie als pro­ble­ma­tisch be­zeich­nen wür­den? Sie war zu am­bi­tio­niert und hat zu viel ge­ar­bei­tet. „Stress“war in den 1950er- und 1960er-Jah­ren ein un­be­kann­tes Wort, aber in die­ser Zeit war As­trid Lind­gren ge­stresst und de­pri­miert. Nicht nur, weil sie ih­ren Mann Stu­re ver­lo­ren hat­te, der 1952 ge­stor­ben ist, son­dern auch we­gen der Dop­pel­be­las­tung als Schrift­stel­le­rin und Lek­to­rin. Viel­leicht wä­re sie ein we­nig glück­li­cher ge­we­sen, wenn sie nicht all ih­re Zeit und Lie­be in ih­re Ar­beit und ih­re Kin­der und En­kel in­ves­tiert hät­te. ihr größ­ter Kum­mer. 1989 starb er, 16 Jah­re vor sei­ner Mut­ter, an Krebs.

We­nig war bis­her be­kannt über die me­lan­cho­li­sche Sei­te der As­trid Lind­gren und ih­re Ein­sam­keit in­mit­ten ih­res tur­bu­len­ten Le­bens. An­der­sen rückt die­se als ers­ter Bio­graf in den Vor­der­grund und er­gänzt da­mit das Bild der fröh­li­chen, selbst­be­stimm­ten Schrift­stel­le­rin um ei­ne we­sent­li­che Fa­cet­te. Es ist ei­ne be­rüh­ren­de Bio­gra­fie über ei­ne Frau, die das ver­gan­ge­ne Jahr­hun­dert rei­cher ge­macht hat. Denn ein biss­chen Pip­pi, Mi­chel und Mio steckt in al­len, die mit die­sen Bü­chern auf­wach­sen. Jens An­der­sen: As­trid Lind­gren. Ihr Le­ben. DVA, 446 Sei­ten, 26,99 Eu­ro. As­trid Lind­gren: Die Mensch­heit hat den Ver­stand ver­lo­ren. Ta­ge­bü­cher 1939 bis 1945. Ull­stein, 576 Sei­ten, 24 Eu­ro.

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