Freie Fahrt für Free­ri­der

Im ita­lie­ni­schen Win­ter­sport­ort Cor­ti­na d’Am­pez­zo sind Ski­fah­rer eher in der Min­der­heit

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - REISE & ERHOLUNG - Von Ro­land Wie­de­mann

ein, Cor­ti­na d'Am­pez­zo ist wirk­lich kein nor­ma­ler Win­ter­sport­ort. Wer sich da­von über­zeu­gen möch­te, braucht nur ei­nen Blick in den Ski­raum des Ho­tels zu wer­fen: Ein win­zi­ger Schup­pen, und selbst der ist am En­de des Ski­tags nur spär­lich ge­füllt. Da­bei herrscht Hochsaison in Cor­ti­na, auch das Ho­tel ist voll be­legt. Schnee­man­gel schei­det als Grund für die ver­wais­te Ab­stell­kam­mer eben­falls aus – links und rechts der Via Can­to­re türmt sich nor­ma­ler­wei­se das Weiß manns­hoch. Bleibt nur ei­ne Er­klä­rung: Ski­fah­ren ist für den ita­lie­ni­schen Win­ter­ur­lau­ber ne­ben­säch­lich.

Spöt­ti­sche Zun­gen be­haup­ten gar, die be­lieb­tes­te Pis­te im ita­lie­nischs­ten al­ler Win­ter­sport­or­te sei der Cor­so Ita­lia – die 800 Me­ter lan­ge Fla­nier­mei­le von Cor­ti­na d'Am­pez­zo mit teu­ren Bou­ti­quen, ed­len Re­stau­rants und den bes­ten Ho­tels am Platz, aber auch mit Bars und Ge­schäf­ten für die et­was we­ni­ger be­tuch­ten Gäs­te. Wer am Ran­de des Cor­sos ste­hen bleibt und die Au­gen schließt, um für ei­nen Mo­ment den sa­gen­haf­ten Rund­um-Do­lo­mi­tenBlick aus­zu­blen­den, der wähnt sich auf ei­ner be­leb­ten Piaz­za ei­nes süd­ita­lie­ni­schen Städt­chens.

Fil­ip­po weiß um den Ruf Cor­ti­nas. Er selbst ist Ski­fah­rer, ein rich­tig gu­ter noch da­zu. Er war ein­mal Mit­glied der ita­lie­ni­schen Na­tio­nal­mann­schaft. Doch dann ka­men zu vie­le Knie­ver­let­zun­gen da­zwi­schen, und Fil­ip­po be­en­de­te sei­ne Renn­lauf­kar­rie­re. Doch Ski­fah­ren ist für ihn im­mer noch Be­ruf und Be­ru­fung zu­gleich – jetzt eben als Ski­leh­rer und Gui­de.

Die st­ei­ner­nen Wahrzeichen von Cor­ti­na sind To­fa­na, Cris­tal­lo-Grup­pe, Pun­ta Sora­pis. Und heu­te Mor­gen scheint die Son­ne. „Ein gu­ter Tag“, meint Fil­ip­po mit ei­nem brei­ten Grin­sen im Ge­sicht, wäh­rend er die ex­tra­brei­ten Tief­schnee­lat­ten sei­nes Gas­tes im Au­to ver­staut. Fil­ip­po hat­te in der Früh noch die La­wi­nen­la­ge ge­checkt und sich ei­nen Über­blick ver­schafft, wel­che Lif­te über­haupt in Be­trieb sind. Sei­ne Wahl als Aus­gangs­punkt fällt auf Fa­lo­ria, ei­nes von meh­re­ren Ski­ge­bie­ten von Cor­ti­na, die per Ski­bus mit­ein­an­der ver­bun­den sind.

AN­ZEI­GEN Wich­ti­ger Hin­weis für un­se­re An­zei­gen­kun­den

Beim Lift­ein­stieg war­tet ei­ne Über­ra­schung. Es ist kurz vor 8.30 Uhr. Vor den Dreh­kreu­zen in St. Anton oder Cha­mo­nix wür­den sich an solch ei­nem Traum­tag zu die­ser Uhr­zeit die Tief­schnee­süch­ti­gen in Kom­pa­nie­stär­ke ver­sam­meln. Nicht so in Cor­ti­na d'Am­pez­zo. Hier heißt es: freie Fahrt für Free­ri­der – und die an­de­ren ver­ein­zel­ten Ski­tou­ris­ten. Kein Ge­drän­ge, kein Ban­gen, ob man noch ein jung­fräu­li­ches Stück Ge­län­de er­gat­tern wird, statt des­sen ein Schwätz­chen mit dem Lift­boy.

Im Ses­sel­lift er­zählt Fil­ip­po von der Pun­ta Ne­ra Free­ri­de Chal­len­ge. Der 35-Jäh­ri­ge ist Chef­or­ga­ni­sa­tor des Wett­be­werbs, bei dem sich mu­ti­ge Frau­en und Män­ner ei­nen nicht prä­pa­rier­ten Steil­hang auf 2700 Me­tern Hö­he un­ter den Au­gen ei­ner Ju­ry hin­un­ter­stür­zen. Dass die Pun­ta Ne­ra Chal­len­ge Jahr für Jahr mehr Free­ri­der nach Cor­ti­na lo­cke, lie­ge auch an der un­auf­ge­reg­ten At­mo­sphä­re, glaubt Fil­ip­po. „Hier tref­fen Pro­fis und Ama­teu­re zu­sam­men. Die Ama­teu­re fin­den es cool mit ech­ten Cracks am Start zu ste­hen und abends mit de­nen Par­ty zu ma­chen.“Dem Win­ter­sport­ort Cor­ti­na d'Am­pez­zo wie­der­um hilft es, sich ein sport­li­che­res Image zu ver­schaf­fen und jün­ge­res Pu­bli­kum an­zu­zie­hen. Un­ver­spur­te Hän­ge Zwei Ses­sel­lif­te spä­ter sto­ßen wir auf Si­mo­ne, der wie Fil­ip­po als Gui­de sei­nen Gäs­ten die groß­ar­ti­gen Mög­lich­kei­ten für Va­ri­an­ten­fah­rer in Cor­ti­na zeigt. Er ist heu­te mit Micha­el und Pe­ter un­ter­wegs. Va­ter und Sohn kom­men aus Den­ver. Pe­ter stu­diert der­zeit in Chur, und Micha­el woll­te sei­nen Fi­li­us auf dem al­ten Kon­ti­nent mal be­su­chen – auch um ein paar Ta­ge der ge­mein­sa­men Lei­den­schaft zu frö­nen. Man ent­schied sich für Cor­ti­na als Ort des Fa­mi­li­en­tref­fens, weil Pe­ters El­tern auf ih­rer Eu­ro­pa­s­tipp­vi­si­te ne­ben­bei ein biss­chen ita­lie­ni­sche Kul­tur auf­sau­gen woll­ten – Ve­ne­dig ist ge­ra­de mal ein­ein­halb Au­to­stun­den ent­fernt.

Nach ein paar Fahr­ten auf glatt ge­bü­gel­ten, fast men­schen­lee­ren Pis­ten wol­len Si­mo­ne und Fil­ip­po ih­ren Kun­den den ers­ten Le­cker­bis­sen ser­vie­ren: die Va­ri­an­ten­ab­fahrt „Sci 18“, des­sen Herz­stück ein nicht en­den wol­len­der Hang im wei­ten, of­fe­nen Ge­län­de ist. Ein Hoch­ge­nuss in gänz­lich un­ver­spur­tem Pul­ver­schnee. Der Traum en­det bei der Mit­tel­sta­ti­on der Fa­lo­ria-Seil­bahn.

Das in mat­tem Gelb ge­tünch­te Ge­bäu­de hat an man­chen Stel­len Pa- ti­na an­ge­setzt, lässt bei äl­te­ren Se­mes­tern Er­in­ne­run­gen an die Olym­pi­schen Win­ter­spie­le 1956 in Cor­ti­na auf­blü­hen und ist der Ge­gen­ent­wurf zu High­tech-Funk­ti­ons­ge­bäu­den mo­der­ner Ski­sta­tio­nen, was ihm ei­nen be­son­de­ren Charme ver­leiht. Auch die Gon­del strahlt ita­lie­ni­schen Schick aus. Auf dem Schalt­käst­chen in der Ka­bi­ne, vor dem der ge­schnie­gel­te Gon­do­lie­re auf ei­nem Ho­cker läs­sig thront, steht ein klei­nes, al­tes Tran­sis­tor­ra­dio, aus dem Ita­lo-Pop du­delt.

Die „Sci 18“hat es in sich, aber es gibt noch ei­ne Stei­ge­rung, wie wir kur­ze Zeit spä­ter fest­stel­len wer­den: die Ab­fahrt durch das Tal „Val Ori­ta“. Die Hän­ge sind mit­tels­teil: kein Ad­re­na­lin­kick, da­für Free­ri­de-Ge­nuss in reins­ter Form. 1200 Hö­hen­me­ter tie­fer schnal­len wir an der Stra­ße, die zu­rück nach Cor­ti­na führt, un­se­re Ski ab. Bis der Bus kommt, sto­ßen wir in der Bar ge­gen­über mit ei­nem Bier­chen auf un­ser Ski­fah­rer-Glück an.

Auch am nächs­ten Tag ist der Him­mel über Cor­ti­na blau. Wie­der kein An­drang an der Lift­kas­se. Heu­te geht es mit Ma­rio auf die To­fa­na-Sei­te der Cor­ti­na-Ski­are­na. Der drah­ti­ge Berg­füh­rer stammt aus ei­ner be­kann­ten am­pez­za­ner Fa­mi­lie. Gleich ne­ben der präch­ti­gen Kir­che Par­roc­chia­le SS. Fil­ip­po e Gi­a­co­mo im Orts­zen­trum wur­de zu Eh­ren sei­nes Groß­va­ters und Do­lo­mi­ten-Pio­niers An­ge­lo Di­bo­na ein Mo­nu­ment er­rich­tet. Ma­rio braucht sich mit sei­nen Leis­tun­gen nicht hin­term Berg hal­ten – im­mer­hin hat er schon den Mount Eve­r­est be­stie­gen.

Das ist zwar schon ein paar Jähr­chen her. Doch Ma­rio ist im­mer noch ein Ener­gie­bün­del. Das de­mons­triert er un­ter­halb des 3244 Me­ter ho­hen To­fa­na-Gip­fels beim kur­zen, aber hef­ti­gen Auf­stieg auf ei­nen Berg­rü­cken, an des­sen Rück­sei­te Ma­rio noch gu­ten Schnee ver­mu­tet. Es ist wär­mer ge­wor­den, wes­halb die Zeit drängt und Ma­rio mit den Bret­tern auf dem Rü­cken im Stech­schritt hin­auf eilt, sein Be­glei­ter hin­ter­her he­chelt. Die An­stren­gung lohnt sich. Un­ter uns liegt Cor­ti­na und vor uns wie­der ein un­ver­spur­ter Hang – tat­säch­lich mit bes­tem Pul­ver­schnee. Po­li­zis­ten als Ski-Ca­ra­bi­nie­ri Ma­rio sä­he es ger­ne, wenn noch mehr Free­ri­der nach Cor­ti­na kä­men. „Ei­gent­lich“, er­klärt Ma­rio, „ist Tief­schnee­fah­ren di­rekt ne­ben der Pis­te ver­bo­ten.“Aber so ge­nau nimmt das hier nie­mand, wie Spu­ren jen­seits der ge­walz­ten Flä­chen erah­nen las­sen. Trotz­dem kann es nicht scha­den, sich mit den Po­li­zis­ten, die auf den Pis­ten Di­enst tun, gut zu stel­len. Ma­rio nutzt da­her die kur­ze Es­pres­so-Pau­se – mit Blick auf die be­rühm­ten Fel­stür­me „Cin­que Tor­ri“– zu ei­nem kur­zen Schwätz­chen mit ei­nem die­ser Ski-Ca­ra­bi­nie­ri.

Zeit zum Mit­tag­es­sen bleibt al­ler­dings kei­ne. Wir müs­sen wei­ter, zum Pas­so Fal­zare­go, wo ei­ne küh­ne Seil­bahn­kon­struk­ti­on auf den 2800 Me­ter ho­hen Laga­zuoi führt. Von un­ten be­trach­tet mag man es gar nicht glau­ben, dass von die­sem schrof­fen Fels­mas­siv ei­ne Fahrt auf Ski­ern ins Tal mög­lich ist. Tat­säch­lich be­ginnt dort oben aber die 8,5 Ki­lo­me­ter lan­ge Pis­te Ar­men­ta­ro­la, die zu den be­rühm­tes­ten und schöns­ten der Do­lo­mi­ten zählt und die Ski­ge­bie­te von Cor­ti­na und Al­ta Ba­dia ver­bin­det.

An der Tal­sta­ti­on ste­hen wir das ers­te Mal im Stau, auch weil sich zahl­rei­che dick ein­ge­pack­te Fuß­gän­ger un­ters Ski­fah­rer­volk ge­mischt ha­ben. Wäh­rend das Pelz- und Dau­nen­pu­bli­kum oben an­ge­kom­men gleich auf die Son­nen­ter­ras­se mar­schiert und erst gar nicht den Schnee­kon­takt sucht, bie­gen die an­de­ren Mit­fah­rer zur Ar­men­ta­ro­laPis­te ab. Ma­rio da­ge­gen stapft mit sei­nen Ski­ern auf dem Bu­ckel durch den Tief­schnee Rich­tung La­ga­zuoiG­rat, vor­bei an ir­ri­tiert drein­schau­en­den Cap­puc­ci­no-Ge­nie­ßern. Schon ein paar Me­ter wei­ter war­tet wie­der ei­ne ganz an­de­re Welt auf uns: ei­ne wil­de und men­schen­lee­re. Die drei Ski­ge­bie­te ( Fa­lo­ria- Cris­tal­lo- Mietres, To­fa­naRa Val­les und Laga­zuoi- 5 Tor­ri) um­fas­sen ins­ge­samt 38 Lif­te und 72 Pis­ten mit ins­ge­samt 140 Pis­ten­ki­lo­me­tern. Wei­te­re In­fos: cor­ti­na. do­lo­mi­ti. org Die Re­cher­che wur­de un­ter­stützt von Cor­ti­na Mar­ke­ting.

FOTO: MAT­TI­AS FREDRIKSSON

Wer das Tief­schnee­fah­ren be­herrscht und ger­ne im frei­en Ge­län­de un­ter­wegs ist, kommt in Cor­ti­na d’Am­pez­zo voll auf sei­ne Kos­ten.

FOTO: GI­U­SEP­PE GHEDINA

Spek­ta­ku­lä­re Berg­welt der Do­lo­mi­ten.

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