Auf geht’s, Ober­schwa­ben!

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SPORT - Von Jo­chen Schlos­ser

Hoch­of­fi­zi­ell ist der Re­por­ter stets ein ob­jek­ti­ver, neu­tra­ler Be­ob­ach­ter. Muss er ja sein, von Be­rufs we­gen und so. Doch wann, wenn nicht in ei­nem per­sön­li­chen Rück­blick auf das Sport­jahr 2015, dür­fen ein­mal für ein paar Zei­len al­le Be­den­ken über Bord ge­schmis­sen wer­den? Al­so dann: Auf geht's, Ober­schwa­ben!

Nach­fol­gend ei­ne klei­ne Lis­te der Ver­let­zun­gen, die Holger Bad­stu­ber bis­lang in sei­ner noch gar nicht all­zu lan­gen Kar­rie­re als Fuß­bal­lpro­fi hin­ter sich ge­bracht hat: Ober­schen­kel­mus­kel­riss, Kreuz­band­riss im rech­ten Knie (zwei­mal), Mus­kel­seh­nen­riss im lin­ken Ober­schen­kel, Mus­kel­fa­ser­riss, Scham­bein­rei­zung und na­tür­lich auch noch die üb­li­chen grip­pa­len In­fek­te. Lan­ge Re­de, kur­zer Sinn: Wä­re der Mann ein nor­ma­ler Kas­sen­pa­ti­ent, er hät­te die Häl­fe sei­nes Le­bens da­mit zu­ge­bracht, auf Arzt­ter­mi­ne zu war­ten.

Hät­te noch nie­mand das Wört­chen Steh­auf­männ­chen er­fun­den, wä­re es ge­wiss dem ei­nen oder ane­ren Au­to­ren ein­ge­fal­len, der ei­nen Text über den Bur­schen aus Rot an der Rot ver­fas­sen soll­te. Bad­stu­ber ist der Rück­keh­rer un­ter den Rück­keh­rern! Den Be­griff Gän­se­h­aut­mo­ment gibt es lei­der auch schon, ei­gent­lich ist er ent­spre­chend über­stra­pa­ziert. Den­noch passt er ein­fach am al­ler­bes­ten für je­ne Mi­nu­ten En­de No­vem­ber, als es wie­der ein­mal so­weit war: Im Der­by ge­gen sei­nen frü­he­ren Ver­ein VfB Stuttgart gab der 26-Jäh­ri­ge ei­nes sei­ner vie­len Come­backs. Schon als sich der In­nen­ver­tei­di­ger vor sei­ner Ein­wechs­lung auf­wärm­te, be­gann die Süd­kur­ve zu sin­gen: „Bad­stu­ber! Bad­stu­ber!“Im­mer wie­der. Was auf dem Platz pas­sier­te, ge­riet zur Ne­ben­sa­che. Als er dann tat­säch­lich das Spiel­feld be­trat, ap­plau­dier­ten die Fans im ge­sam­ten Sta­di­on in sel­te­ner Ei­nig­keit – so­gar je­ne des VfB. Nur hart­her­zi­ge Men­schen freu­ten sich nicht mit Holger Bad­stu­ber. Hin­ter­her gab der Ge­fei­er­te zu, dass er was ge­habt ha­be? Ge­nau, „ei­ne Gän­se­haut“.

Vom ki­cken­den Ober­schwa­ben im Tri­kot des FC Bay­ern zu­rück in die Hei­mat. Ein Län­der­spiel gab es 2015 näm­lich auch in Ra­vens­burg! Auch wenn es der ei­ne oder an­de­re viel­leicht nicht mit­ge­kriegt hat, aber Deutsch­land hat ge­gen Frank­reich ge­spielt – und 4:3 ge­won­nen. Auf Eis, in je­ner Hal­le, in der an­sons­ten die „Auf geht's, Ober­schwa­ben!“-Ge­sän­ge er­klin­gen. Manch ei­ner mag be­haup­ten, die­ser Sieg sei ein be­deu­tungs­lo­ses Ge­plän­kel vor ei­ner we­nig er­freu­li­chen Eis­ho­ckey-WM ge­we­sen, aber je­ne Igno­ran­ten wa­ren eben auch nicht mit ih­rem Sohn bei der Par­tie! Denn beim da­mals noch Acht­jäh­ri­gen – als Kleinst­schü­ler beim EV Ra­vens­burg ak­tiv – blieb nicht nur ein Sta­di­on­heft mit al­len Un­ter­schrif­ten der ak­tu­el­len Mann­schaft zu­rück, son­dern auch der Ein­druck, dass es auch auf Spit­zen­ni­veau bei al­ler Kon­zen­tra­ti­on „voll läs­sig“zu­ge­hen kann, dass Eis­ho­ckey-Na­tio­nal­spie­ler „voll cool“sind – und dass sich nicht nur Jo­gi Löw Bun­des­trai­ner nen­nen darf.

Pat Cor­ti­na war da­mals üb­ri­gens ver­ant­wort­lich für die Na­tio­nal­mann­schaft, ein Mann den vie­le un­ter­schät­zen und un­ter­schätzt ha­ben. Der Ita­lo-Ka­na­di­er ist eben­so sym­pa­thisch wie ehr­gei­zig, eben­so qua­li­fi­ziert wie un­kom­pli­ziert. Er ist an vie­len Wid­rig­kei­ten ge­schei­tert, am Kön­nen hat es ge­wiss nicht ge­le­gen.

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