Mit der Be­weg­lich­keit ei­nes Mi­che­lin-Männ­chens

Trai­nings­stun­de: Beim Ka­ra­te ist es als An­fän­ger schwer, das Gleich­ge­wicht zwi­schen Kör­per und Geist zu fin­den

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SPORT - Von Micha­el Bol­len­ba­cher

RA­VENS­BURG - Wäh­rend ich im An­schluss an die in­ten­si­ve 60-Mi­nu­ten­Ein­heit ei­nen Schweiß­fleck auf dem schwar­zen Le­der des Bü­ro­stuhls hin­ter­las­se, er­klärt mir Ka­ra­te-Gu­ru Gün­ter Mohr in al­ler See­len­ru­he, dass es im Ka­ra­te dar­auf an­kom­me, die Feh­ler selbst zu er­ken­nen, um sie ab­zu­schal­ten. Mohr war von 1980 bis 2001 Ka­ra­te-Bun­des­trai­ner. Der Mann muss es wis­sen.

Ei­ne gu­te St­un­de zu­vor be­ge­he ich den ers­ten Faux­pas: Oh­ne Ver­beu­gung und mit So­cken lat­sche ich auf die „hei­li­gen“Gum­mi­mat­ten in der Ka­ra­te­hal­le des KJC Ra­vens­burg. Gut 15 Ka­ra­te­ka mit blau­en, oran­ge­nen, grü­nen, brau­nen und schwar­zen Gür­teln schau­en mich fra­gend an, ehe Gün­ter Mohr zu Hil­fe eilt und mich erst mal mit wei­ßem An­zug und wei­ßem An­fän­ger­gür­tel in die Um­klei­de­ka­bi­ne schickt. Al­so noch­mal von vor­ne: Ein­tre­ten, Ver­beu­gung und kur­zes Vor­stel­len. „Fü­ße zu­sam­men und Au­gen schlie­ßen“, sagt Mohr in die Stil­le der Hal­le. Schon das ist schwer, mein Kör­per schwankt leicht. „Sens­ei ni Rei“, ruft er, die Grup­pe wie­der­holt die Wor­te, mit der man zu Be­ginn ei­nes Trai­nings den Groß­meis­ter be­grüßt. Ka­ra­te, das ei­nen tie­fen spi­ri­tu­el­len Hin­ter­grund be­sitzt, be­ginnt und en­det mit Re­spekt. So lau­tet die ers­te Re­gel der Sport­art. 60 Se­kun­den prü­geln und tram­peln Und Ka­ra­te ist lo­cker – den­ke ich mir zu­nächst. Ar­me krei­sen – pah, kenn ich schon seit dem Schul­un­ter­richt! An­fer­sen – kann ich im Schlaf! Knie hoch – war noch nie mein Ding, aber der wab­be­li­ge An­zug ver­deckt mei­ne man­geln­de Dehn­bar­keit! Nach ein paar Faust­schlä­gen in die Luft wird es erns­ter: „Schnappt euch ein Schlag­pols­ter, im­mer zu zweit zu­sam­men“, ruft Mohr. Mein Ge­gen­über heißt Die­ter und trägt un­be­hag­li­cher­wei­se ei­nen schwar­zen Gür­tel. Ver­schon mich! Doch zu­nächst bin ich an der Rei­he. Es wird gleich hef­tig: Trai­ning des an­ae­ro­ben Aus­dau­er­be­reichs. Die­ter hält das Pols­ter, ich schla­ge ei­ne Mi­nu­te lang mit bei­den Fäus­ten auf die so­ge­nann­te „Prat­ze“ein und tram­pe­le gleich­zei­tig mit den Fü­ßen auf den Bo­den. Su­per um Frust ab­zu­bau­en, doch 60 Se­kun­den kön­nen sehr lan­ge dau­ern. Wäh­rend ich auf mei­ne Fäus­te star­re, bil­de ich mir ein, dass die­se sich ko­misch ver­fär­ben. Kon­zen­trie­ren kann ich mich schlecht. „Noch fünf, komm“, ruft mir Die­ter zu.

Dann ist er dran. Die­ter schont mich wirk­lich, sei­ne Schlä­ge sind so weich wie sein kur­pfäl­zer Dia­lekt. Zu mei­ner Be­ru­hi­gung ist auch der Pro­fi nach der Mi­nu­te kräf­tig am Pum­pen. „Dreh dei­nen Rumpf ein! Schau, wo dei­ne Fü­ße ste­hen“, ruft mir Gün­ter Mohr bei ei­ner Kom­bi­na­ti­ons­übung aus Fuß- und Faust­stö­ßen zu. Ko­or­di­na­ti­on war noch nie mein Ding. Die Aus­re­de, dass sich bei mei­ner Ge­burt die Nabelschnur um mei­nen Hals schlang, wä­re in die­sem Mo­ment als Aus­re­de lä­cher­lich. Mohr macht vor: flüs­sig, lo­cker, ex­plo­siv – und das mit knapp 65 Jah­ren. Ich mit mei­nen 27 füh­le mich wuls­tig, ver­schwitzt und ge­hemmt, mit dem An­zug füh­le ich mich wie ein Mi­che­lin-Männ­chen, das ge­gen ei­nen 40-Ton­ner kämpft. Gün­ter Mohr zeigt mir, wo mei­ne Fäus­te hin­ge­hö­ren. Nach ein paar Schlä­gen ruft er „Ja­wooooll“! Aus Mit­leid? Aus Mo­ti­va­ti­on? Gar aus Lob? Bei den nächs­ten Schlä­gen kor­ri­giert er mich je­den­falls schon wie­der. Kein Wun­der, dass Mohr ein­greift und ver­bes­sert. Schließ­lich hat er in Ra­vens­burg schon Welt­meis­ter her­vor­ge­bracht: 2013 et­wa Jo­han­na Kneer als U16-Welt­meis­te­rin. Auch Ka­ra­te im All­ge­mei­nen boomt in die­sem Land: Wa­ren es 2011 noch 105 000 Mit­glie­der im Deut­schen Ka­ra­te Ver­band, gab es 2014 rund 165 000 ak­ti­ve Kämp­fer.

Al­le ha­ben klein an­ge­fan­gen, doch ein Bru­ce Lee wer­de ich wohl trotz­dem kei­ner, den­ke ich mir, wäh­rend ich von Mohrs Bü­ro in Rich­tung Um­klei­de schlur­fe. Ka­ra­te, er­klärt der Meis­ter zum Schluss, kommt üb­ri­gens von Ka­ra, was „leer“be­deu­tet und Te, der „Hand“. Sprich: „Lee­re Hand“. Ich den­ke eher an „Fla­sche leer“. Im­mer­hin schenkt mir Gün­ter Mohr den wei­ßen Ka­ra­te­an­zug. Viel­leicht fang ich ja ir­gend­wann tat­säch­lich mit Ka­ra­te an. Doch bis da­hin gilt: Ich ha­be fer­tig. Die Re­geln: Ka­ra­te ist ei­ne ja­pa­ni­sche Kampf­kunst, de­ren Wur­zeln bis ins 19. Jahr­hun­dert zu­rück­rei­chen. Ne­ben den 20 Re­geln für an­ge­mes­se­nes Ver­hal­ten, bei­spiels­wei­se „ Es geht ein­zig dar­um, den Geist zu be­frei­en“, gibt es auch Wett­kampf­re­geln. Zwei Sport­ler du­el­lie­ren sich beim Ka­ra­te bar­fuß auf ei­ner Gum­mi­mat­te mit Schlag-, Stoß-, Tritt- und Block­tech­ni­ken. Die Kämp­fe wer­den beim Deut­schen Ka­ra­te Ver­band mit Faust- und Fuß­schüt­zern so­wie Schien­bein­scho­nern durch­ge­führt. Bis­her war Ka­ra­te nie olym­pisch. 2020 in To­kio darf man sich erst­mals vor­stel­len. Ob Ka­ra­te tat­säch­lich olym­pisch wird, ent­schei­det an­schlie­ßend das IOC.

FOTO: DEREK SCHUH

Ers­te Trit­te: Vo­lon­tär Micha­el Bol­len­ba­cher ( rechts) übt un­ter den auf­merk­sa­men Bli­cken von Gün­ter Mohr ( links).

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