Char­lie-Heb­do-An­schlag: Dunk­le St­un­den

Auf das At­ten­tat folgt die Gei­sel­nah­me – Tä­ter stan­den auf US-Ter­ror­lis­te – Brü­der plan­ten Tat ge­nau

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SPORT - Von Chris­ti­ne Lon­gin

PA­RIS - Rund sie­ben St­un­den lang be­la­ger­ten mehr als tau­send Po­li­zis­ten das graue Flach­dach­ge­bäu­de im In­dus­trie­ge­biet der Kle­in­stadt Dam­mar­tin-en-Go­ë­le bei Pa­ris, dann schlu­gen sie zu. Punkt 17 Uhr er­schüt­ter­ten meh­re­re Ex­plo­sio­nen die Dru­cke­rei CTD, in der sich die mut­maß­li­chen At­ten­tä­ter auf die Sa­ti­re­zei­tung „Char­lie Heb­do“ver­schanzt hat­ten.

Kurz dar­auf folg­te dann der zwei­te Sturm­an­griff, dies­mal auf ein jüdisches Le­bens­mit­tel­ge­schäft an der Por­te de Vin­cen­nes in der fran­zö­si­schen Haupt­stadt. Dort hat­te ein mut­maß­li­cher Kom­pli­ze meh­re­re Gei­seln ge­nom­men, von de­nen er drei so­fort er­schoss. Die Po­li­zei tö­te­te al­le drei Ter­ro­ris­ten. „Es ist vor­bei“, lau­te­te die Re­ak­ti­on vie­ler Pa­ri­ser Bür­ger – auch wenn der In­nen­mi- nis­ter zu ex­tre­mer Wach­sam­keit auf­rief. An­ge­stell­ter gibt Hin­wei­se Das Zei­chen zum Ein­grei­fen hat­ten Said und Ché­rif Kou­achi, die mut­maß­li­chen An­grei­fer auf „Char­lie Heb­do“, selbst ge­ge­ben. Sie ver­lie­ßen mit Ka­lasch­ni­kows um sich schie­ßend die Dru­cke­rei, in der sie seit dem Mor­gen aus­ge­harrt hat­ten, und wur­den so­fort er­schos­sen. Was die Män­ner nicht wuss­ten: Ein An­ge­stell­ter hat­te in dem Ge­bäu­de mit ih­nen ge­ses­sen, in ei­nem Kar­ton ver­steckt. Dort ha­be er der Po­li­zei über sein Han­dy Hin­wei­se auf das Ver­hal­ten der At­ten­tä­ter ge­ge­ben, be­rich­te­te das Fern­se­hen. Deut­lich tra­gi­scher en­de­te die Gei­sel­nah­me im Su­per­markt „Hy­per Ca­cher“im Nor­den von Pa­ris. Dort hat­te Ame­dy Cou­li­ba­ly zu­sam­men mit ei­nem Kom­pli­zen ge­gen 13 Uhr acht Men­schen in sei­ne Ge­walt ge­bracht. Drei da­von tö­te­te er so­fort, fünf wei­te­re be­frei­te die Po­li­zei. Rund ein Dut­zend Po­li­zis­ten stürm­te das Le­bens­mit­tel­ge­schäft, in dem ei­ni­ge Gei­seln in ei­nem Kühl­raum Zuflucht ge­sucht hat­ten. Das Vier­tel rund um die Por­te de Vin­cen­nes war den gan­zen Nach­mit­tag im Be­la­ge­rungs­zu­stand: Die Stadt­au­to­bahn wur­de ge­sperrt und zur Er­stür­mung kapp­te die Po­li­zei den Strom.

Dass Cou­li­ba­ly hoch­ge­fähr­lich ist, war den Be­am­ten klar. Denn der 32Jäh­ri­ge wur­de als „Mör­der von Mon­trouge“iden­ti­fi­ziert, al­so als je­ner Mann, der am Don­ners­tag in dem gleich­na­mi­gen Stadt­teil im Sü­den von Pa­ris ei­ne Po­li­zis­tin er­schoss und ei­nen Mit­ar­bei­ter der Stadt­rei­ni­gung ver­letz­te. Die mut­maß­li­chen „Char­lie Heb­do“-At­ten­tä­ter, die Brü­der Kou­achi, kann­te er. Denn Cou­li­ba­ly soll wie Ché­rif Kou­achi den in- haf­tier­ten Is­la­mis­ten Dja­mel Beghal als Men­tor ge­habt ha­ben. Beghal und Cou­li­ba­ly wur­den we­gen des An­schlags auf ei­ne Re­gio­nal­bahn­sta­ti­on in Pa­ris 1995 zu Haft­stra­fen ver­ur­teilt. Cou­li­ba­ly kam vor zwei Mo­na­ten frei, wäh­rend Beghal in­zwi­schen in Iso­la­ti­ons­haft sitzt. Kalt­blü­ti­ge Brü­der Cou­li­ba­ly und die Kou­achi-Brü­der plan­ten ih­re Ta­ten of­fen­bar ganz ge­nau und be­waff­ne­ten sich bis auf die Zäh­ne – wahr­schein­lich mit der Hil­fe von wei­te­ren Kom­pli­zen. Auf­fäl­lig ist die Kalt­blü­tig­keit, mit der vor al­lem das Brü­der­paar sei­ne Mor­de ver­üb­te. „Sie sind nicht ge­rannt und ha­ben nicht laut ge­spro­chen. Sie ha­ben nicht ge­schwitzt. Sie mach­ten den Ein­druck, als sei­en sie in ei­nem Ein­satz“, sag­te ein Au­gen­zeu­ge, des­sen Au­to die Tä­ter am Mitt­woch zur Flucht nutz­ten.

Auch zwei Ta­ge spä­ter, nach ei­ner Nacht, die sie ver­mut­lich in ei­nem Wald­ge­biet ver­brach­ten, ver­lo­ren die Brü­der nicht die Ner­ven. „Geht weg, wir schie­ßen nicht auf Zi­vi­lis­ten“, sag­ten die 32 und 34 Jah­re al­ten Män­ner ei­nem Ge­schäfts­mann aus Dam­mar­tin-en-Go­ë­le, der ih­nen über den Weg lief. „Sie wa­ren aus­ge­rüs­tet wie die Ein­greif­trup­pe der Po­li­zei: schwar­ze Tarn­klei­dung, schuss­si­che­re Wes­ten und Ge­wehr“, schil­der­te der Au­gen­zeu­ge die Be­geg­nung. Nä­he zu al-Kai­da Of­fen be­kun­de­ten die Brü­der ih­re Nä­he zum Ter­ror­netz­werk al-Kai­da. „Wenn dich die Me­di­en fra­gen, sa­ge ih­nen: das ist al-Kai­da aus dem Je­men“, lau­te­te ih­re Bot­schaft an den Au­to­fah­rer am Mitt­woch. Die Wor­te über­ra­schen die Si­cher­heits­be­hör­den nicht wirk­lich. Denn Said Kou­achi wur­de 2011 vom Ter­ror­netz­werk al-Kai­da im Je­men trai­niert. Seit Jah­ren stan­den die Brü­der auf der USTer­ror­lis­te. So­gar mit ei­nem Flug­ver­bot hat­ten die USA die bei­den Fran­zo­sen be­legt.

In Frank­reich war der Um­gang mit den hoch­ge­fähr­li­chen Lands­leu­ten deut­lich nach­läs­si­ger. Die Be­hör­den kon­zen­trier­ten sich auf Ché­rif Kou­achi, der 2008 we­gen der Re­kru­tie­rung von is­la­mis­ti­schen Kämp- fern für den Irak ver­ur­teilt wur­de. Er ge­hör­te zu ei­ner is­la­mis­ti­schen Grup­pe, dem But­tes-Chau­mon­tNetz­werk – be­nannt nach ei­nem Park im Nor­den von Pa­ris. Die Ban­de hat­te aber we­nig mit Spa­zier­gän­gern und spie­len­den Kin­dern zu tun. Sie ver­brei­te­te ei­nen Schre­cken, wie ihn die fran­zö­si­sche Haupt­stadt seit Jahr­zehn­ten nicht erlebt hat. Seit Mitt­woch galt dort die höchs­te Ter­ror­warn­stu­fe. Am Frei­tag wur­den Lan­de­bah­nen am Pa­ri­ser Flug­ha­fen Charles de Gaul­le ge­schlos­sen, um den Ein­satz im na­he­ge­le­ge­nen Dam­mar­tin-en-Go­ë­le nicht zu ge­fähr­den. Er­leich­te­rung herrsch­te dann erst ein­mal, als die Po­li­zei bei­de Gei­sel­nah­men gleich­zei­tig be­en­de­te. Auch wenn die Le­bens­ge­fähr­tin von Cou­li­ba­ly, Ha­yat Bo­u­me­di­en­ne, wei­ter auf der Flucht war. „Be­waff­net und ge­fähr­lich“sei sie, heißt es im Fahn­dungs­auf­ruf der Po­li­zei. „Wir müs­sen ex­trem wach­sam blei­ben“, warn­te In­nen­mi­nis­ter Ber­nard Ca­ze­neuve. Wach­sam­keit zeig­ten die Pa­ri­ser am Nach­mit­tag, als ih­nen vor dem Eif­fel­turm ein be­waff­ne­ter Mann auf­fiel. Der Tro­ca­de­ro-Platz wur­de ge­sperrt – es han­del­te sich al­ler­dings um fal­schen Alarm.

Zu­letzt herrsch­te in Frank­reich Ter­ror­angst, als Toulouse vor knapp drei Jah­ren Schau­platz ei­ner blu­ti­gen An­schlag­se­rie war. Mo­ham­med Merah tö­te­te in­ner­halb meh­re­rer Ta­ge drei Sol­da­ten, drei jü­di­sche Kin­der und ei­nen Leh­rer. Der At­ten­tä­ter, der im­mer mit sei­nem Mo­tor­rol­ler vor­fuhr, hat­te sich eben­falls zum Ter­ror­netz­werk al-Kai­da be­kannt. 30 St­un­den lang dau­er­te da­mals die Be­la­ge­rung sei­ner Woh­nung, be­vor die Po­li­zei den At­ten­tä­ter beim Sturm auf das Ge­bäu­de er­schoss. Schwei­ge­marsch für Op­fer Wäh­rend Frank­reich nach dem Tod Merahs re­la­tiv schnell zum All­tag zu­rück­kehr­te, dürf­te die Au­f­ar­bei­tung dies­mal län­ger dau­ern. Zu­nächst ist al­ler­dings Trau­er an­ge­sagt: Am Sonn­tag fin­det ein Schwei­ge­marsch für die Op­fer statt. Ur­sprüng­lich soll­te der zwölf Men­schen ge­dacht wer­den, die beim An­griff auf „Char­lie Heb­do“ums Le­ben ka­men. Am Frei­tag ist die Lis­te der Op­fer des Ter­rors noch län­ger ge­wor­den.

FOTOS: AFP

Dra­ma­ti­sche Mo­men­te: Hub­schrau­ber krei­sen kurz vor dem Zu­griff der Po­li­zei über der Dru­cke­rei in der Kle­in­stadt Dam­mar­tin- en- Go­ë­le, in der sich die mut­maß­li­chen „ Char­lie Heb­do“At­ten­tä­ter Ché­rif und Said Kou­achi ver­schanzt hat­ten. Fast zeit­gleich stür­men Po­li­zis­ten das jü­di­sche Le­bens­mit­tel­ge­schäft in Pa­ris, in dem ein mut­maß­li­cher Kom­pli­ze Gei­seln ge­nom­men hat­te.

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