Flücht­lings­kri­se: Sehn­suchts­ort München

Die baye­ri­sche Haupt­stadt frönt ger­ne dem He­do­nis­mus – Nun über­schla­gen sich ih­re Bür­ger in Hilfs­be­reit­schaft

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SPORT - Von Lau­ra Kauf­mann

MÜNCHEN - Ara­ber ist man ge­wöhnt in München. Sie fla­nie­ren in Scha­ren durch die Stadt im Som­mer, Mann vor­weg, ver­hüll­te Frau­en mit Louis­Vuit­ton-Ta­schen da­hin­ter, da­zwi­schen Kids mit McDo­nalds-Tü­ten. Sie be­le­gen Eta­gen in Lu­xus­ho­tels oder re­si­die­ren in teu­ren Apart­ments, las­sen sich be­han­deln, ge­hen shop­pen. Die Händ­ler auf der Ma­xi­mi­li­an­stra­ße rei­ben sich die Hän­de. Der Nor­ma­lo-Bür­ger stöhnt, weil sie die Mie­ten noch un­er­schwing­li­cher ma­chen. Lo­kal­zei­tun­gen ti­teln „Will­kom­men in München“auf Ara­bisch, die Aus­ga­ben ver­kau­fen sich gut. Man­che ha­ben nichts „Will­kom­men“auf Ara­bisch, das liest man auch jetzt wie­der. Auf Papp­schil­der ge­krit­zelt, die Münch­ner am Haupt­bahn­hof in die Luft re­cken. Die Men­schen, die sie so be­grü­ßen, tra­gen kei­ne Lou­is-Vuit­tonTa­schen. Sie tra­gen Ruck­sä­cke, an de­nen der Staub und Dreck vie­ler Län­der haf­tet. Ruck­sä­cke, die letz­tes Hab und Gut bei­sam­men­hal­ten, Pro­vi­ant, Pa­pie­re, ei­ne Spei­cher­kar­te mit Fa­mi­li­en­fo­tos. Man­che ha­ben nicht ein­mal mehr ei­nen Ruck­sack. Sie ha­ben nichts.

„Ke­le­ti“, der Bu­da­pes­ter Bahn­hof, steht über den Glei­sen an­ge­schla­gen oder „Son­der­zug“, da­vor ei­ne Men­schen­ket­te aus Po­li­zis­ten. Der Krieg, der war da­vor weit weg. Die Bil­der aus den Nach­rich­ten schreck­lich, auf­wüh­lend für den Mo­ment, aber sie lie­ßen sich weg­zap­pen. Bil­der von Flücht­lings­la­gern auf Kos: grau­sam. Die Men­schen, die im Mit­tel­meer er­trin­ken, wie­so ret­tet die nie­mand? Gräss­lich. Ke­le­ti: furcht­bar. Man müss­te mal. Aber: weit weg. Wel­len von Ap­plaus Jetzt sind sie hier, die Men­schen, die ent­kom­men sind. Plötz­lich ste­hen da, wo sonst die Bus­li­nie Rich­tung nach Hau­se fuhr, Shut­tle­bus­se für die Flücht­lin­ge. Da­vor par­ken Ret­tungs­wa­gen und Po­li­zei­au­tos. Der Haupt­bahn­hof ist im Aus­nah­me­zu­stand, Ab­sperr­bän­der flat­tern sinn­los im Wind. Dort, wo sonst Ta­xen auf Rei­sen­de war­ten, ste­hen Zel­te für die Erst­ver­sor­gung. Mit­ten im be­schau­li­chen, ge­mäch­li­chen München spie­len sich Sze­nen ab, die nie­mand weg­zap­pen kann. Die Leu­te schau­en hin, statt den Kopf weg­zu­dre­hen. Es geht gar nicht an­ders. Nachts zer­rei­ßen Si­re­nen die Stil­le, wenn Kran­ke und Ver­letz­te un­ter den An­kom­men­den wa­ren. Und im­mer wie­der hal­len Wel­len von Ap­plaus durch den Bahn­hof. Sach­spen­den oh­ne En­de Die Münch­ner hel­fen. Vor ei­ner Wo­che, als Un­garn die Men­schen zie­hen ließ, ka­men Tau­sen­de Flücht­lin­ge am Haupt­bahn­hof an, wie aus dem Nichts. Im­mer neue Hän­de reich­ten Klei­dung, Ba­na­nen, Bre­zen, Sü­ßes, Stoff­tie­re, Re­gen­capes zu den Hel­fern. Die Po­li­zei muss­te ir­gend­wann dar­um bit­ten, kei­ne Sach­spen­den mehr zu brin­gen. Die Münch­ner hei­ßen die Men­schen will­kom­men. Un­men­gen Frei­wil­li­ge pa­cken mit an. An­ti­fa ne­ben Po­li­zis­ten, Schü­ler ne­ben Rent­nern, Hand in Hand. Und je­den Tag tref­fen neue Zü­ge ein, über 20 000 Flücht­lin­ge sind al­lein letz­tes Wo­che­n­en­de an­ge­kom­men. Lust am Le­ben Der Münch­ner an sich ist sehr ver­liebt in sei­ne Stadt. Plant im Bü­ro schon die Moun­tain­bike-Rou­te für nächs­tes Wo­che­n­en­de, re­ser­viert für den nächs­ten Re­stau­rant­be­such. In München weiß man, es sich gut ge­hen zu las­sen. Das wird auch gern in so­zia­len Netz­wer­ken be­bil­dert, das Weiß­bier­glas vorm Gip­fel, der adrett an­ge­rich­te­te Avo­ca­do-Gar­ne­len-Sa­lat. Ei­ne Por­ti­on He­do­nis­mus ge­hört zum Münch­ner-Sein da­zu. Die Kom- mu­nal­wah­len letz­tes Jahr? Ach mei, Wahl­be­tei­li­gung von 43,5 Pro­zent. Das Wetter war halt schön, und es passt ja schon al­les so. Auf der Be­dürf­nis­py­ra­mi­de ba­lan­cie­ren wir Münch­ner ganz oben, neh­men die Ba­sis, Grund­be­dürf­nis­se wie Es­sen, Trin­ken und Si­cher­heit längst als ge­ge­ben, und pro­bie­ren uns in der Selbst­ver­wirk­li­chung. Auf­re­gen tun wir uns ein­mal im Jahr über die schlecht ein­ge­schenk­te Maß auf der Wiesn.

Dem He­do­nis­mus frö­nen wir Münch­ner so lan­ge, bis wir mit der Na­se auf et­was an­de­res ge­sto­ßen wer­den. Wenn die Pe­gi­da-Bil­der aus an­de­ren Bun­des­län­dern so oft in der Ta­ges­schau vor­ge­führt wer­den, bis wir uns der­ma­ßen em­pö­ren, dass wir auf die Stra­ße ge­hen und ein Zei­chen da­ge­gen set­zen, wie letz­ten Win­ter. Aus ei­nem lang ver­schlepp­ten „Man müss­te mal“wird dann ganz schnell ein „Man macht jetzt ein­fach“. Denn auch den al­ten Slo­gan „Welt­stadt mit Herz“nimmt man hier ernst. Und jetzt, jetzt sind wir auf­ge­wühlt durch Bil­der von Elend, von Men­schen, die um ihr Le­ben ren­nen, von Men­schen, die es nicht ge­schafft ha­ben, wie der to­te Jun­ge Ai­lan. Bil­dern, de­nen man Das The­ma Flücht­lin­ge war wohl das be­stim­men­de des ge­sam­ten Jah­res. Nach­dem die An­kunft der Schutz­su­chen­den und die Hilfs­be­reit­schaft Deutsch­land noch im Ju­li und Au­gust als „Som­mer­mär­chen“Ein­zug in die Me­dien­land­schaft fan­den, mach­te sich in den fol­gen­den Wo­chen und Mo­na­ten zu­neh­mend Er­nüch­te­rung breit. Das Man­tra der Kanz­le­rin – „ Wir schaf­fen das“– zo­gen man­che Po­li­ti­ker, al­len vor­an der baye­ri­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Horst See­ho­fer ( CSU) im­mer stär­ker in Zwei­fel. Die Ko­ali­ti­on rang sich zur Ver­schär­fung der Asyl­ge­setz­ge­bung durch und ver­ab­schie­de­te un­ter an­de­rem Maß­nah­men für ei­ne ef­fek­ti­ve­re Re­gis­trie­rung der hilf­los ge­gen­über­steht. Aber jetzt sind die Flücht­lin­ge in un­se­rer Mit­te an­ge­kom­men, und ge­gen die ei­ge­ne Ohn­macht gibt es ein Mit­tel: hel­fen.

Die Men­schen, die in un­se­re Stadt kom­men, er­in­nern uns dar­an, was im Le­ben wirk­lich wich­tig ist. Vie­le ha­ben ih­re Liebs­ten ver­lo­ren oder zu­rück­ge­las­sen. Es­sen, Trin­ken, Si­cher­heit – all das ist nicht mehr selbst­ver­ständ­lich. Es macht ei­nem das Glück be­wusst, heu­te hier zu le­ben. Und es tut gut, sei­ne ei­ge­nen Pro­ble­me wie­der als das zu se­hen, was sie sind: First World Pro­blems. Den meis­ten Münch­nern geht es gut, und noch wich­ti­ger: Sie wis­sen das auch. Sie fürch­ten nicht, die Leu­te, die in die­sen Ta­gen kom­men, könn­ten ih­nen et­was weg­neh­men. Eher füh­len sie sich ver­pflich­tet, ihr Glück zu tei­len. Den Blau­beer­ku­chen mal für Flücht­lings­kin­der zu ba­cken statt für die im bes­ten Sin­ne verwöhnten En­kel. Je­der will hel­fen Na­tür­lich gibt es auch hier den Ver­bohr­ten, der in der S-Bahn stän­kert, die Mer­kel hät­te uns das doch al­les ein­ge­brockt. Die Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker, die im In­ter­net ver­brei- Flücht­lin­ge. Der­weil ström­ten vor al­lem an den baye­risch- ös­ter­rei­chi­schen Grenz­über­gän­gen Hun­dert­tau­sen­de Flücht­lin­ge ins Land. Die po­li­ti­sche De­bat­te spitz­te sich auf den Be­griff der „ Ober­gren­ze“zu. Das Asyl­recht ken­ne kei­ne Ober­gren­ze, be­ton­te Mer­kel stets. Die­se De­bat­te schwelt bis heu­te. Letzt­lich ka­men nach of­fi­zi­el­len Zah­len im ge­sam­ten Jahr 2015 rund ei­ne Mil­li­on Flücht­lin­ge nach Deutsch­land, und auch für das kom­men­de Jahr wer­den wie­der Hun­dert­tau­sen­de er­war­tet. Deutsch­land steht der­zeit vor der wohl größ­ten Her­aus­for­de­rung seit der Deut­schen Ein­heit – das The­ma wird noch lan­ge ak­tu­ell blei­ben. ( sz) ten, Flücht­lin­ge wä­ren nur ei­ne ISTak­tik, um Ter­ro­ris­ten hier ein­zu­schleu­sen. De­ren Stim­men ge­hen im Chor der Hilfs­be­reit­schaft un­ter. Und na­tür­lich gibt es auch hier Leu­te, die sich schon im­mer en­ga­gie­ren. Aber jetzt möch­te je­der hel­fen. Wer macht mehr? Wer tut das Sinn­vol­le­re? In man­chen Krei­sen gilt es schon fast als un­ter­las­se­ne Hil­fe­leis­tung, nichts zu tun. Hel­fer strei­ten über Lis­ten, mit de­ren Hil­fe die Schich­ten in den Erst­un­ter­künf­ten ein­ge­teilt wer­den. Stünd­lich gibt es neue Meldungen, wo noch wel­che Sach­spen­den ge­braucht wer­den, wo Auf­nah­me­stopp ist, wo hel­fen­de Hän­de be­nö­tigt wer­den, wo nicht.

Wir Münch­ner, wir wol­len die Gu­ten sein. Die Bes­se­ren. Münch­ner ha­ben Ehr­geiz und sie sind be­dacht auf ih­re Au­ßen­wir­kung. Da ist das Bild von uns selbst, das wir vor Freun­den, vor Nach­barn, vor Kol­le­gen ab­ge­ben. Und da sind die Bil­der, die jetzt um die Welt ge­hen. Die Bil­der, die vor­ran­gig am Münch­ner Haupt­bahn­hof auf­ge­nom­men wer­den und das Deutsch­land­bild im Aus­land wen­den.

Das Bild von dem strah­len­den Jun­gen mit Po­li­zis­ten­müt­ze ist so ei­nes. Die „New York Ti­mes“hat von der Münch­ner Hilfs­be­reit­schaft auf ih­rer Titelseite be­rich­tet. Und CNN ver­brei­tet die be­we­gen­de Be­grü­ßung am Gleis, ein Kind auf den Schul­tern sei­nes Va­ters, lä­chelnd ein neu­es Stoff­tier an sich ge­drückt. In München ge­schieht et­was His­to­ri­sches. Die Bil­der, die jetzt ent­ste­hen, es sind Bil­der, die blei­ben wer­den. Ge­gen­über vom Haupt­bahn­hof rei­hen sich Über­tra­gungs­wa­gen an­ein­an­der. Ein Dut­zend Ka­me­ras sind auf den Bahn­hof ge­rich­tet. Fern­seh­leu­te spre­chen hek­tisch auf Eng­lisch, Fran­zö­sisch und Spa­nisch in Han­dys, be­vor sich der Mo­de­ra­tor zur Live­Schal­te am Gleis be­reit­stellt. Ner­ven lie­gen blank München ist im Fo­kus der Welt und glänzt. Gleich­zei­tig ist da die­se un­ter­schwel­li­ge Ner­vo­si­tät, wie es wei­ter­ge­hen soll. An der Stadt­spit­ze gif­ten sich die bei­den Bür­ger­meis­ter an, die sonst so in­nig wa­ren, dass man nicht mei­nen möch­te, sie sei­en von ver­schie­de­nen Par­tei­en: Bür­ger­meis­ter Jo­sef Schmid (CSU) fürch­tet öf­fent­lich, München mit sei­nem Woh­nungs­man­gel könn­te die­sem Flücht­lings­zu­lauf nicht ge­recht wer­den. Ober­bür­ger­meis­ter Die­ter Rei­ter (SPD) wirft ihm vor, mit die­sen Aus­sa­gen zün­deln zu wol­len – selbst­ver­ständ­lich küm­me­re man sich wei­ter­hin um je­den, der kom­me. Et­was Un­vor­her­seh­ba­res ist man im or­dent­li­chen, sau­be­ren München nicht ge­wohnt, Ner­ven lie­gen blank. Wie vie­le Men­schen wer­den noch ein­tref­fen? Was ist mit den Turn­hal­len, wenn die Schu­le wie­der los­geht? Und lässt sich das Bild von München, dem gu­ten Sa­ma­ri­ter auf­recht­er­hal­ten? Wird al­les so vor­bild­lich wei­ter­ge­hen wie bis­her? Je­mand wie In­nen­mi­nis­ter Herr­mann (CSU) sorgt sich laut­stark um die Si­cher­heit am Haupt­bahn­hof, wenn an­ge­trun­ke­ne Wies­nbe­su­cher auf trau­ma­ti­sier­te Flücht­lin­ge tref­fen. End­lich an­ge­kom­men Am Bahn­hof und in den Erst­un­ter­künf­ten schuf­ten wei­ter je­den Tag Frei­wil­li­ge und Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen, fül­len un­er­müd­lich Lunch­pa­ke­te, sor­tie­ren Klei­der­spen­den, bau­en Bet­ten auf, brin­gen Kin­der wie­der zum La­chen. Der Aus­nah­me­zu­stand fühlt sich lang­sam fast an wie ein Stück Nor­ma­li­tät; An­zug­trä­ger mit Roll­kof­fern um­krei­sen in der An­kunfts­hal­le Flücht­lings­fa­mi­li­en, die auf De­cken am Bo­den sit­zen. Und wer die Men­schen sieht, wie sie aus Zü­gen stei­gen, er­schöpft, die Au­gen leer. Ver­sehrt, schwer tra­gend, Kin­der auf dem Arm. Aber end­lich am Sehn­suchts­ort an­ge­kom­men.

Und wie sie dann die ju­beln­den, klat­schen­den Leu­te am Gleis ent­de­cken. Mit Will­kom­mens­schil­dern. Zu­rück­win­ken, lä­cheln. Den Bo­den küs­sen. Wem bei sol­chen Bil­dern kei­ne Trä­nen in die Au­gen stei­gen, der hat ei­nen Eis­block an­stel­le ei­nes Her­zens. Am En­de ist es auch völ­lig egal, wer aus wel­chen Be­weg­grün­den mit­hilft: Haupt­sa­che, die Münch­ner tun es.

FOTO: AFP

München stand im Som­mer, als die Flücht­lin­ge zu Zehn­tau­sen­den am Haupt­bahn­hof an­ka­men, im Fo­kus der Welt – und glänz­te mit Flücht­lings­bil­dern wie je­nem oben vom Bahn­hof.

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