In der Däm­me­rung

Gerd Mül­ler, „Bom­ber der Na­ti­on“, muss­te schon vor sei­ner Alz­hei­mer-Er­kran­kung Na­cken­schlä­ge ein­ste­cken

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SPORT - Von Jo­chen Schlos­ser

nt­schul­di­gung, wo fin­de ich bit­te Gerd Mül­ler?“„Ge­hen Sie ein­fach da vor, un­ten in der Ka­bi­ne müss­te er sit­zen. Aber viel Zeit bleibt nicht, das Trai­ning geht gleich los.“Es muss gut 20 Jah­re her sein, da konn­te ein jun­ger Re­por­ter an der Sä­be­ner Stra­ße in München noch ein­fach rein­mar­schie­ren, ei­nen Spie­ler nach sei­nem Trai­ner fra­gen – und dann mit ei­nem der größ­ten Fuß­ball­spie­ler al­ler Zei­ten re­den. Vol­ler Ehr­furcht mach­te man sich auf den Weg zur Le­gen­de, zum „Bom­ber der Na­ti­on“. Mül­ler saß tat­säch­lich auf der Bank, blick­te kurz hoch, grüß­te, schnür­te wei­ter sei­ne Kick­schu­he und zog den Reiß­ver­schluss sei­ner Trai­nings­ja­cke zu. Er muss den Re­spekt des Ge­gen­übers be­merkt ha­ben und sag­te ir­gend­et­was wie „Kei­ne Angst, ich hab’ frü­her eben mal ein paar To­re ge­schos­sen“. Kurz dar­auf be­ant­wor­te­te er freund­lich, wenn auch lei­der mit we­ni­gen Wor­ten, ein paar Fra­gen. Da­nach mach­te sich der Ju­gend­coach des FC Bay­ern auf den Weg rü­ber zum Trai­nings­platz – be­glei­tet vom Kla­cken der Stol­len auf dem As­phalt hin­ter dem Ver­wal­tungs­ge­bäu­de.

Vor gut zwei Wo­chen hat Franz Roth sei­nen al­ten Mann­schafts­ka­me­ra­den Gerd Mül­ler be­sucht. Im Pfle­ge­heim. „Er hat mich er­kannt und ,Bul­le’ ge­sagt“, be­rich­te­te der All­gäu­er am Mitt­woch über die Be­geg­nung mit sei­nem al­ten Freund, „sonst hat er aber we­nig ge­re­det.“Denn Gerd Mül­ler, Deutsch­lands bis zum heu­ti­gen Tag bes­ter Stür­mer, lei­det an Alz­hei­mer, sei­ne Er­in­ne­run­gen ver­blas­sen, sein Ge­dächt­nis lässt ihn im Stich – nicht aber sei­ne Fa­mi­lie, auch nicht sein Ver­ein.

Im en­ge­ren Um­feld des FC Bay­ern war die schwe­re Er­kran­kung Mül­lers seit Jah­ren be­kannt, am Di­ens­tag­abend je­doch mach­te der Re­kord­meis­ter sie öf­fent­lich. Schließ­lich wird Gerd Mül­ler am 3. No­vem­ber 70 Jah­re alt. Und auch wenn er die Öf­fent­lich­keit nie ge­sucht hat, so hät­te der „Bom­ber“Eh­run­gen, Par­tys und Glück­wün­sche an­läss­lich sei­nes run­den Ge­burts­tags nicht ver­hin­dern kön­nen. Sein Ver­ein bat um Rück­sicht, dass es kei­ne Fei­ern ge­ben wer­de. Denn seit Fe­bru­ar 2015, so schrieb es der FC Bay­ern am Di­ens­tag­abend, wird der Ju­bi­lar „pro­fes­sio­nell be­treut mit star­ker Un­ter­stüt­zung sei­ner Fa­mi­lie“. Sei­ne Ehe­frau Uschi Mül­ler, die seit 47 Jah­ren mit ihm ver­hei­ra­tet ist, möch­te ver­ständ­li­cher­wei­se nicht über die Er­kran­kung re­den. Schließ­lich hat­te das Le­ben ih­rem Mann be­reits ge­nug Na­cken­schlä­ge ver­passt.

Das Schick­sal nahm sei­nen Lauf, als er am 3. Fe­bru­ar 1979 vom da­ma­li­gen Bay­ern-Trai­ner Pal Cser­nai zum ers­ten Mal in sei­ner Bun­des­li­ga-Kar­rie­re aus­ge­wech­selt wur­de. Re­kord­tor­schüt­ze und Welt­meis­ter Mül­ler – 365 To­re in 427 Bun­des­li­ga-Par­ti­en, 68 To­re in 62 Län­der­spie­len, 78 To­re in 62 DFB-Po­kal-Spie­len, 66 To­re in 74 Eu­ro­pa­po­kal-Par­ti­en – ver­stand die Welt nicht mehr. Drei Ta­ge nach dem Af­front bat er um die so­for­ti­ge Frei­ga­be – und nahm ein An­ge­bot aus den USA an, von den Fort Lau­der­da­le Stri­kers in Flo­ri­da. Ein Teil des Auf­stiegs Der bo­den­stän­di­ge Mül­ler in Über­see? Neue Welt mit 34? Konn­te das gut ge­hen? Ge­mein­sam mit Franz Be­cken­bau­er und Tor­wart Sepp Mai­er stand der ge­bür­ti­ge Nörd­lin­ger pars pro to­to für den Auf­stieg des FC Bay­ern vom klei­nen Münch­ner Klub – hin­ter dem da­mals ruhm­rei­chen TSV 1860 – zum Welt­ver­ein. Als Mül­ler, der zu­vor als Ju­gend­spie­ler beim TSV Nörd­lin­gen ein­mal 180 To­re in ei­ner Spiel­zeit er­zielt hat­te, im Jahr 1964 bei den Bay­ern un­ter­schrieb, wa­ren die Ro­ten noch ein zweit­klas­si­ger Re­gio­nal­li­gist. „Viel­leicht wä­ren wir oh­ne Gerd Mül­ler und sei­ne To­re noch im­mer in un­se­rer al­ten Holz­hüt­te an der Sä­be­ner Stra­ße“, sag­te Be­cken­bau­er im­mer wie­der.

Doch wäh­rend der „Kai­ser“, der En­de der 1970er-Jah­re selbst in den USA bei Cos­mos New York kick­te, das Flair der gro­ßen wei­ten Welt ge­noss und sich zum Kos­mo­po­li­ten ent­wi­ckel­te, mach­te das frem­de Flo­ri­da den bo­den­stän­di­gen „Bom­ber“fer­tig. Die ers­ten zwei Jah­re sei­en zwar „wie im Pa­ra­dies“ge­we­sen, er­zähl­te er ein­mal, in der Fol­ge „war es nicht mehr lus­tig“. Nach­dem Mül­ler 1981 sei­ne ak­ti­ve Kar­rie­re be­en­det hat­te, ent­schie­den er und Gat­tin Uschi, in Flo­ri­da ein Steak­hou­se zu er­öff­nen. Das Pro­blem: Der bes­te Gast in „Gerd Mu­el­ler’s Am­bry“war nach ei­ner ge­wis­sen Zeit Mül­ler selbst. Dem ge­lern­ten We­ber­ge­sel­len fehl­te ei­ne Auf­ga­be, er gab den Grüß-Gott-On­kel und trank mit den Gäs­ten an der Bar. „Am En­de“, sag­te er ein­mal in der „Abendzeitung“, „ging mir auch die ewi­ge Son­ne auf den Geist.“Das Geld ging den Mül­lers obend­rein aus.

1984 kehr­te das Ehe­paar samt Toch­ter Ni­co­le zu­rück in die Hei­mat nach München – und Gerd Mül­ler im­por­tier­te ein mas­si­ves Al­ko­hol­pro­blem. Über Jah­re war der frü­he­re Welt­star oh­ne Job und Ziel. Geld ver­dien­te er bes­ten­falls bei den im­mer sel­te­ner wer­den­den Au­to­gramm­stun­den. „Ich war in München, aber ich wuss­te nicht, was ich tun soll­te“, sag­te er. „Wenn du kei­ne Auf­ga­be hast, ist der Tag lang.“

Der Wen­de­punkt kam 1991 – und es wa­ren sei­ne al­ten Mann­schafts­ka­me­ra­den, die ihn auf­fin­gen. Nach ei­nem ge­mein­sa­men Auf­tritt mit der Bay­ern-Tra­di­ti­ons­elf ging Ex-Tor­wart Sepp Mai­er zum da­ma­li­gen Bay­ern-Ma­na­ger Uli Ho­en­eß und mach­te ihn auf Mül­lers Trunk­sucht auf­merk­sam. Ho­en­eß er­kun­dig­te sich und be­sorg­te Mül­ler so­fort ei­nen The­ra­pie­platz. „Am nächs­ten Tag“, er­in­ner­te sich Mül­ler 2009, „war ich weg aus München.“Gen­au­ge­nom­men in Gar­misch: 14 Ta­ge Kran­ken­haus, 14 Ta­ge Kur, häu­fi­ge Be­su­che von Ho­en­eß und ein paar von Be­cken­bau­er so­wie die Un­ter­stüt­zung von Gat­tin Uschi – da­nach war Gerd Mül­ler tat­säch­lich tro­cken. Nor­ma­ler­wei­se dau­ert ei­ne Ent­zie­hungs­kur ein hal­bes Jahr, Mül­ler ge­nüg­te ein knap­per Mo­nat. Hin­ter­her soll­te er sa­gen: „Die ers­ten Ta­ge wün­sche ich nicht mal mei­nem größ­ten Feind. Es war die Höl­le.“

Zu­rück aus der Höl­le er­hielt er von sei­nem Ver­ein, mitt­ler­wei­le nicht mehr in der Holz­hüt­te be­hei­ma­tet, ei­ne sinn­stif­ten­de Auf­ga­be: Gerd Mül­ler wur­de Ju­gend­trai­ner. 1992 mach­te er den A-Schein, um als Co-Trai­ner des Re­gio­nal­li­ga-Teams der Bay­ern zu ar­bei­ten. Er hat­te Spaß, er hat­te Freu­de, er be­kam An­er­ken­nung. Tor­jä­ger Tho­mas Mül­ler ist ihm noch heu­te dank­bar für sei­ne Tipps, auch Bas­ti­an Schwein­stei­ger oder Da­vid Ala­ba be­treu­te er. So lan­ge es nur ir­gend­wie mög­lich war, blieb Mül­ler in die­sem Um­feld. Doch spä­tes­tens 2011 wur­den ers­te Pro­ble­me deut­lich: Beim Trai­nings­la­ger der Re­gio­nal­li­ga-Mann­schaft in Tren­to ver­lief sich Mül­ler am Abend, woll­te sich dann an­geb­lich um fünf Uhr mor­gens im Ta­xi von Nord­ita­li­en nach München chauf­fie­ren las­sen, um doch nach ein paar Hun­dert Me­tern am Bahn­hof wie­der aus­zu­stei­gen. Sei­ne Uschi hol­te ihn schließ­lich mit dem Au­to ab. Es wa­ren die Vor­bo­ten der bö­sen Krank­heit.

Uli Ho­en­eß über die schwe­re Er­kran­kung sei­nes Freun­des und frü­he­ren Team­kol­le­gen Gerd Mül­ler

Bis in den Herbst des ver­gan­ge­nen Jah­res wur­de Mül­ler, der selbst seit Jah­ren nicht mehr Au­to fährt, re­gel­mä­ßig an sei­ne ge­lieb­te Sä­be­ner Stra­ße ge­bracht. Wirk­lich ar­bei­ten konn­te er dort nicht mehr, es ging ein­fach nicht mehr. Im Buch „Gerd Mül­ler – Der Bom­ber der Na­ti­on“(Ri­va-Ver­lag, 19,95 Eu­ro), das am 12. Ok­to­ber er­schei­nen wird, schrei­ben die Au­to­ren Patrick Stras­ser und Udo Mu­ras aus­führ­lich dar­über: „Nach ein­ge­hen­den Un­ter­su­chun­gen im Rah­men ei­nes Ge­ne­ral-Checks im Kli­ni­kum Rechts der Isar stell­ten die be­han­deln­den Ärz­te im De­zem­ber 2014 fest, dass Mül­ler auf­grund der fort­ge­schrit­te­nen Er­kran­kung nicht wie­der nach Hau­se zu­rück­keh­ren kön­ne. Selbst All­tags­rou­ti­nen wie die kör­per­li­che Hy­gie­ne oder klei­ne Be­sor­gun­gen stel­len ihn vor zu gro­ße Schwie­rig­kei­ten. In sei­ner Wahr­neh­mung ver­lie­ren Zeit und Ort Kon­tur und Sinn. An schlech­ten Ta­gen er­kennt Mül­ler nie­man­den mehr au­ßer sei­ner Frau Uschi.“

Au­tor Stras­ser, auch frei­er Mit­ar­bei­ter der „Schwä­bi­schen Zei­tung“, hat die­sen Som­mer mit Uli Ho­en­eß über Mül­lers fort­schrei­ten­de Alz­hei­mer-Er­kran­kung ge­spro­chen. „Es ist furcht­bar“, sag­te der 63-Jäh­ri­ge. „In den letz­ten Jah­ren kam er noch re­gel­mä­ßig an die Sä­be­ner Stra­ße, ließ sich von den Phy­sio­the­ra­peu­ten be­han­deln, fuhr zu den Spie­len der zwei­ten Mann­schaft mit, dann aber kam die De­menz.“

Ge­mein­sam ha­ben Ho­en­eß und Mül­ler vie­les erlebt und al­les ge­won­nen: mit dem FC Bay­ern Meis­ter­ti­tel, den Eu­ro­pa­po­kal der Lan­des­meis­ter, mit der Na­tio­nal­mann­schaft die Welt­meis­ter­schaft. All­zu viel Auf­he­bens mach­te der ge­bür­ti­ge Nörd­lin­ger je­doch nie­mals um sich, sei­ne To­re und sei­ne Re­kor­de. Da sag­te Mül­ler meis­tens ein­fach: „Ich ha­be dann das 2:1 ge­macht.“Das wich­tigs­te 2:1 sei­nes Le­bens war na­tür­lich je­nes am 7. Ju­li 1974 beim WM-Fi­na­le im Münch­ner Olym­pia­sta­di­on: kur­ze Ball­an­nah­me, blitzschnelle Dre­hung, wuch­ti­ger Spann­schuss – un­nach­ahm­lich.

„Es ist fürch­ter­lich.“

FOTO: WIT­TERS

Bis vor ei­nem Jahr stand er noch beim FC Bay­ern an der Sei­ten­li­nie: Gerd Mül­ler als Co- Trai­ner der Münch­ner Re­gio­nal­li­ga- Mann­schaft an der Sä­be­ner Stra­ße.

FOTO: DPA

Gu­te Zei­ten: Gerd Mül­ler ju­belt mit Bun­des­trai­ner Hel­mut Schön über den Sieg im WM-Fi­na­le Deutsch­land ge­gen Nie­der­lan­de bei der Fuß­ball-WM 1974.

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