Beim „Eden“-Pro­jekt wird in Win­ter­lin­gen Thea­ter ge­spielt

Künst­ler­grup­pe or­ga­ni­siert zu­sam­men mit dem Lan­des­thea­ter Tü­bin­gen ei­ne Thea­ter-Werk­statt

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ALB/LAUCHERT - Von Sa­bi­ne Rösch

WIN­TER­LIN­GEN - „Eden“- mit die­sem poe­ti­schen Na­men aus dem Al­ten Tes­ta­ment hat ei­ne jun­ge Künst­ler­grup­pe im Auf­trag der Thea­ter­werk­statt Schwä­bi­sche Alb des Lan­des­thea­ters Tü­bin­gen in Win­ter­lin­gen ein Pro­jekt ge­star­tet.

Jef­frey Dö­ring, Han­nah Ebenau, Nils Mal­ten und Sven Hart­leb ha­ben im ehe­ma­li­gen „Welt-La­den“ein klei­nes Künst­ler­re­fu­gi­um er­öff­net, das in den nächs­ten Mo­na­ten in Zu­sam­men­ar­beit mit der Klein­kunst­büh­ne K3 ein Thea­ter­zen­trum ei­nes Thea­ter­pro­jekts wer­den soll.

Dem Vor­ha­ben zu­grun­de lie­gen die mit­ein­an­der ver­floch­te­nen The­men Flucht, Mi­gra­ti­on, Hei­mat, de­nen die Grup­pe in Win­ter­lin­gen zu­sam­men mit den Win­ter­lin­gern ge­mein­sam nach­spü­ren will. Den An­fang mach­te bei der Er­öff­nung am Mitt­woch­abend Eve­lyn Nol­le-Rie­der vom „K3“, die ei­nen im Ge­fol­ge des 2. Welt­kriegs ge­schrie­be­nen Ori­gi­nalbrief ei­ner al­ten Da­me ver­las. Nol­le-Rie­der, die in ei­nem be­tag­ten Ses­sel in ei­ner Ecke des ehe­ma­li­gen Schau­fens­ters saß, wirk­te, nur durch ein trü­bes Licht er­hellt, wie aus der Zeit ge­fal­len, als sie die Zu­hö­rer mit in die be­drü­cken­de Ver­gan­gen­heit die­ser Fa­mi­li­en­mut­ter nahm.

Die Frau war durch die Fol­gen der krie­ge­ri­schen Um­stän­de von ih­ren Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen ge­trennt wor­den und be­rich­te­te in ih­rem Brief in kar­gen Wor­ten über sich und die Hei­mat, die durch das Ver­las­sen der Lie­ben ein we­sent­li­ches Stück See­le ver­lo­ren hat. Zur Er­öff­nung des „Eden“, das, so hoff­te Dö­ring, ein­mal pa­ra­die­sisch wer­den soll, ban­den die Küns­ter die Gäs­te in ei­ne ers­te im­pro­vi­sier­te Sze­ne ein. Schau­spie­ler Nils Mal­ten, der vor ei­nem Holz­ofen mit lo­dern­dem Feu­er auf dem Bo­den des un­mö­blier­ten Raums saß, for­der­te die Gäs­te auf, mit ihm dem Raum ein­zu­rich­ten. Vir­tu­ell be­zie­hungs­wei­se ge­dank­lich so­zu­sa­gen, denn au­ßer ei­ner Licht­quel­le, Kaf­fee­be­chern und Pack­pa­pier war nicht wirk­lich et­was an Aus­stat­tung vor­han­den.

Un­ter viel Ge­läch­ter nahm der Schau­spie­ler die An­re­gun­gen des Pu­bli­kums auf und ver­such­te die­se mit viel Fan­ta­sie und au­gen­zwin­kern­der Ernst­haf­tig­keit mit den spär­li­chen „Re­qui­si­ten“um­zu­set­zen. Nach die­sen ers­ten, schlag­licht­ar­tig be­leuch­te­ten Ein­bli­cken in das Pro­jekt ver­tief­te Pro­duk­ti­ons­lei­te­rin Fran­zis­ka We­ber vom Lan­des­thea­ter Tü­bin­gen, Zweck und Ziel des Pro­jekts, des­sen Er­geb­nis­se im März 2017 in ei­ne spe­zi­el­len Auf­füh­rung mün­den wird.

Die­se wird je­doch nicht sta­tisch sein, al­so an ei­nem be­stimm­tem Ort in­sze­niert, son­dern führt durch Win­ter­lin­gen, wo­bei die Ak­teu­re ver­schie­de­ne Sze­nen an un­ter­schied­li­chen Or­ten auf­füh­ren. Mit der Art der Er­öff­nung des „Eden“hat die Künst­ler­grup­pe ge­zeigt, wie sie ih­re Ar­beit ver­steht: Kein Thea­ter im her­kömm­li­chen Sinn, al­so Prot­ago­nis­ten auf der Büh­ne, Pu­bli­kum in den Zu­schau­er­rän­gen, son­dern Mit­mach-Thea­ter im bes­ten Sin­ne bei und mit den Men­schen. Denn es greift The­men auf, die zu­tiefst mensch­lich sind. So be­trifft „Hei­mat“im Kern al­le Men­schen – auch die seit Ge­ne­ra­tio­nen „Stand­ort­fes­ten“- weil das Ge­fühl, sei­ne Hei­mat ver­las­sen zu müs­sen oder al­lein zu­rück­zu­blei­ben, bei Je­der­mann zu­min­dest gro­ßes Un­be­ha­gen und im wahrs­ten Sinn „Be­frem­den“aus­löst. Der La­den „Eden“in der Markt­stra­ße 18 in Win­ter­lin­gen hat je­den Mitt­woch­abend ab 18 ge­öff­net. Hier dür­fen al­le Men­schen ih­re Ge­schich­te er­zäh­len und von ih­ren per­sön­li­chen Er­fah­run­gen von Hei­mat, Ver­lust und Neu­an­fang be­rich­ten. Da­ne­ben soll das „Eden“auch ein Ort sein, wo sich der Be­su­cher auch künst­le­risch be­tä­ti­gen kann und darf; mu­si­ka­lisch, thea­tra­lisch oder wie auch im­mer wer­den.

FOTO: SA­BI­NE RÖSCH

Das Team des „Eden“freut sich auf in­ten­si­ve Thea­ter­ar­beit.

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