Pful­len­dor­fer Ge­rüch­te­kü­che

In­ves­tor oder Heu­schre­cke: Was will der Has­tor-Kon­zern mit dem Kü­chen­bau­er Al­no?

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIRTSCHAFT -

RA­VENS­BURG - Der In­ves­tor Tahoe, hin­ter dem die bos­ni­sche Un­ter­neh­mer­fa­mi­lie Has­tor steht, will den Kü­chen­her­stel­ler Al­no mit Sitz in Pful­len­dorf über­neh­men. Nun hat die Be­tei­li­gungs­ge­sell­schaft, die be­reits ein Drit­tel der An­tei­le an der seit Jah­ren kri­seln­den Fir­ma hält, ein Über­nah­me­an­ge­bot ab­ge­ge­ben. 50 Cent pro Ak­tie sol­len die Ak­tio­nä­re er­hal­ten. Al­ler­dings will Tahoe nur 49,5 Pro­zent von Al­no er­wer­ben, des­we­gen hat die Un­ter­neh­mens­grup­pe ei­nen zwei­ten Bie­ter mit in das An­ge­bot auf­ge­nom­men: die In­vest­ment­ge­sell­schaft Bril­lant 1953 mit Sitz im nord­hes­si­schen Esch­we­ge. Ben­ja­min Wa­ge­ner und Andre­as Knoch be­ant­wor­ten die wich­tigs­ten Fra­gen rund um den ku­rio­sen De­al.

War­um steht Al­no so schlecht da? Seit Al­no Mit­te der 90er-Jah­re an die Bör­se ging, kämpft die Fir­ma ge­gen Über­ka­pa­zi­tä­ten und um dau­er­haft schwar­ze Zah­len. Trotz zahl­rei­cher Um­bau­ten und Ma­nage­ment­wech­sel fehlt ei­ne kla­re Stra­te­gie. Mitt­ler­wei­le ist die Pro­duk­ti­on ver­al­tet. Seit Jah­ren schreibt Al­no ro­te Zah­len – zu­letzt schlug ein Net­to­ver­lust von 4,4 Mil­lio­nen Eu­ro zu Bu­che bei ei­nem Um­satz von gut 521 Mil­lio­nen Eu­ro. Im Som­mer ret­te­te nur ein Dar­le­hen von Tahoe den Kü­chen­bau­er vor der dro­hen­den Zah­lungs­un­fä­hig­keit.

War­um be­für­wor­tet der Vor­stand die Über­nah­me? Of­fi­zi­ell nennt Vor­stands­chef Max Mül­ler die Über­nah­me „ei­nen wei­te­ren Mei­len­stein in der Zu­sam­men­ar­beit mit un­se­rem neu­en Groß­in­ves­tor, der dem Un­ter­neh­men Sta­bi­li­tät so­wie ei­ne kla­re Per­spek­ti­ve für die Zu­kunft gibt“. Rich­tig ist wohl aber auch, dass Al­no oh­ne die Un­ter­stüt­zung von Tahoe vor schwer­wie­gen­den Pro­ble­men ge­stan­den hät­te.

Wie sieht die Be­leg­schaft die Über­nah­me? Ver­hal­ten – und an­ge­spannt, so be­schreibt je­den­falls Micha­el Föst von der IG Me­tall Alb­stadt die Stim­mung bei den Mit­ar­bei­tern. „Es ist ja nicht der ers­te In­ves­tor, der bei Al­no ein­steigt, das hat­ten wir ja al­les schon“, sagt Föst. „Und kei­ner weiß, was Tahoe vor­hat.“Klar ist für den Ge­werk­schaf­ter, dass Al­no oh­ne Tahoe schlech­ter da­ste­hen wür­de. „Nimmt Tahoe aber kein Geld in die Hand für ei­ne Mo­der­ni­sie­rung, dann än­dert sich auch nichts“, er­klärt Föst.

War­um will Tahoe Al­no über­neh­men? Die Ant­wor­ten, die die Bos­ni­er ge­ben, klin­gen sper­rig und we­nig kon­kret. „Tahoe in­ves­tiert ver­stärkt in eu­ro­päi­sche In­dus­trie­un­ter­neh­men mit lan­ger Tra­di­ti­on und be­deu­ten­der Markt­re­le­vanz, die zwar ei­ner­seits ei­nen ho­hen Re­struk­tu­rie­rungs­be­darf, aber auch ein star­kes in­ter­na­tio­na­les Wachs­tums­po­ten­zi­al ha­ben“, heißt es aus dem Um­feld des In­ves­tors Wie will Tahoe Al­no in die Has­tor-Grup­pe ein­glie­dern? Das sei noch nicht ab­zu­se­hen und zu be­ant­wor­ten. Ei­ne Ko­ope­ra­ti­on mit den zur Has­tor-Grup­pe ge­hö­ren­den Mö­bel­fa­bri­ken auf dem Bal­kan wä­re mög­lich. Klar ist aber auch, dass Tahoe Al­no auch zer­schla­gen könn­te, in dem man die Mar­ke Al­no so­wie die Töch­ter Well­mann und Pi­no ver­kauft und die Pro­duk­ti­on in Pful­len­dorf aus­lau­fen lässt. War­um nimmt Tahoe ei­nen zwei­ten Bie­ter mit in das An­ge­bot auf? Al­no hat zwei An­lei­hen be­ge­ben, die ei­ne so­ge­nann­te „Chan­ge-of-Con­trolKlau­sel“be­inhal­ten. Ein Wech­sel des Ei­gen­tü­mers bei Al­no löst die Klau­sel aus. Das will Tahoe durch die Bie­ter­ge­mein­schaft ver­mei­den, in­dem die Bos­ni­er al­le Ak­ti­en, mit de­nen sie die 49,5-Pro­zent-Schwel­le über­schrei­ten, an den zwei­ten Bie­ter wei­ter­rei­chen.

Was hat es mit den „Chan­ge-ofCon­trol-Klau­seln“bei den aus­ste­hen­den Al­no-An­lei­hen auf sich? Ein sol­cher Ei­gen­tü­mer­wech­sel er­mög­licht den In­ha­bern der An­lei­he ei­ne so­for­ti­ge Kün­di­gung. In die­sem Fall müss­te Al­no Schul­den in Hö­he von 59 Mil­lio­nen Eu­ro zu­rück­zah­len.

Könn­te Al­no die so­for­ti­ge Rück­zah­lung der aus­ste­hen­den An­lei­hen fi­nan­zi­ell stem­men? Of­fi­zi­ell er­klärt Al­no, dass sich die­se Fra­ge nicht stel­le, weil „durch die ge­neh­mig­te Über­nah­me­struk­tur die An­wen­dung der ,Chan­ge-of-Con­trol-Klau­sel’ nicht er­fol­gen kann.“Die kom­pli­zier­te Über­nah­me­kon­struk­ti­on lässt aber den Schluss zu, dass Tahoe die Rück­zah­lung zum jet­zi­gen Zeit­punkt un­be­dingt ver­mei­den will, weil das die Fir­ma noch tie­fer in die Kri­se trei­ben wür­de.

Tahoe kon­trol­liert be­reits mehr als ein Drit­tel der An­tei­le und stellt den Auf­sichts­rats­chef. War­um will Tahoe wei­ter auf­sto­cken? Un­ter­neh­mens­po­li­ti­sche Grün­de hät­ten da­bei den Aus­schlag ge­ge­ben, heißt es aus dem Tahoe-Um­feld. So un­wahr­schein­lich es zum jet­zi­gen Zeit­punkt er­scheint: Al­no ist noch im­mer ei­ne star­ke Mar­ke – vi­el­leicht fürch­tet Tahoe auch den Ein­stieg ei­nes kon­kur­rie­ren­den In­ves­tors.

Die Wirt­schafts­prü­fungs­ge­sell­schaft BBWP kommt in ei­nem Gut­ach­ten zum Er­geb­nis, dass der Über­nah­me­preis fi­nan­zi­ell nicht an­ge­mes­sen sei. Was ist ein an­ge­mes­se­ner Über­nah­me­preis? Es gibt ver­schie­de­ne Ver­fah­ren, mit de­nen der Wert ei­nes Un­ter­neh­mens be­rech­net wird – dar­un­ter ka­pi­tal­markt­ori­e­nier­te Ver­fah­ren wie die Dis­coun­ted-Cash­flow-Me­tho­de oder Preis­fin­dungs­ver­fah­ren, die sich an Mul­ti­pli­ka­to­ren ori­en­tie­ren. BBWP zu­fol­ge kam bei bei­den Be­rech­nungs­ver­fah­ren ein Preis ober­halb der von Tahoe ge­bo­te­nen 0,50 Eu­ro je Al­no-Ak­tie her­aus.

Wel­che ge­setz­li­chen Vor­ga­ben gibt es für die Be­rech­nung des Über­nah­me­prei­ses? Laut Wert­pa­pier­über­nah­me­ge­setz muss der Preis min­des­tens dem ge­wich­te­ten Drei-Mo­nats-Durch­schnitts­kurs der Ak­ti­en vor Ver­öf­fent­li­chung des An­ge­bots ent­spre­chen. Die­ser lag mit 0,47 Eu­ro un­ter dem An­ge­bots­preis von 0,50 Eu­ro.

Wel­che Kon­se­quen­zen er­ge­ben sich aus der Be­wer­tung der Wirt­schafts­prü­fer von BBWP? Kei­ne di­rek­ten. Es han­delt sich nur um ei­ne Ein­schät­zung von BBWP, die ins­be­son­de­re kei­ne Emp­feh­lung an die Ak­tio­nä­re dar­stellt, das An­ge­bot an­zu­neh­men oder ab­zu­leh­nen.

Wann legt Al­no das von Tahoe ver­lang­te Sa­nie­rungs­kon­zept vor? Da­zu sag­te Al­no auf An­fra­ge der „Schwä­bi­schen Zei­tung“nichts.

Was macht Tahoe, wenn Al­no das Kon­zept nicht vor­le­gen kann? Das sei noch nicht klar, der Ball lie­ge bei Al­no, heißt es im Tahoe-Um­feld.

FO­TO: DPA

Al­no-Fah­ne: Die Be­leg­schaft fragt sich, ob Tahoe als Ret­ter kommt.

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