Schlech­te Kar­ten im Schwar­zen-Pe­ter-Spiel

Ab­ge­wie­se­ne Scha­dens­er­satz­kla­ge we­gen ex­plo­dier­ter Bio­gas­an­la­ge: Land­wir­te frus­triert

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - OBERSCHWABEN UND DONAU - Von Bru­no Jung­wirth

RIED­LIN­GEN - Tief ent­täuscht zei­gen sich die Ge­sell­schaf­ter der ha­va­rier­ten Bio­gas­an­la­ge bei Dau­gen­dorf vor neun Jah­ren vom Ur­teil des 10. Zi­vil­se­nats des Ober­lan­des­ge­richts (OLG) Stutt­gart. Dort ist die Scha­dens­er­satz­kla­ge ge­gen den Her­stel­ler des Fer­men­ters letzt­in­stanz­lich ab­ge­wie­sen wor­den (SZ be­rich­te­te). Da­mit blei­ben die 13 Land­wir­te und der Ma­schi­nen­ring auch nach neun Jah­ren noch auf den Kos­ten sit­zen. Nun steht ei­ne Kla­ge vor dem Land­ge­richt Ra­vens­burg ge­gen ih­re ei­ge­ne Ver­si­che­rung an. Doch es be­steht die Ge­fahr, dass sie trotz drei­er Ver­si­che­run­gen leer aus­ge­hen.

Ver­hal­ten op­ti­mis­tisch sind die 13 Land­wir­te am Di­ens­tag nach Stutt­gart zur Ur­teils­ver­kün­dung ge­fah­ren, dass sie neun Jah­re nach der Ex­plo­si­on Recht be­kom­men. Da­bei ging es um ei­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch in Hö­he von 3,37 Mil­lio­nen Eu­ro. Um­so ent­täusch­ter sind sie nun. Nach der ers­ten Ver­hand­lung am 18. Ok­to­ber vor dem OLG gin­gen sie da­von aus, dass der Her­stel­ler des Fer­men­ters auf­grund der nach­ge­wie­se­nen Män­gel bei der Ver­schrau­bung zu­min­dest ei­ne Teil­schuld er­hält. „Wir hat­ten nach der 1. Ver­hand­lung al­le die­sen Ein­druck“, sagt Klaus Kepp­ler, der sich als eh­ren­amt­li­cher Ge­schäfts­füh­rer der Ma­schi­nen­ring Hol­ding seit Jah­ren mit dem The­ma be­schäf­tigt.

Doch nun hat das Ge­richt un­ter Vor­sitz von Hans-Joa­chim Rast an­ders ent­schie­den: Im Ur­teil wird zwar be­stä­tigt, dass durch ei­ne fal­sche Ver­schrau­bung im un­te­ren Be­reich des Fer­men­ters ein we­sent­li­cher Man­gel vor­ge­le­gen ha­be. Aber: Der ein­ge­klag­te Scha­den müs­se nur er­setzt wer­den, wenn der Man­gel den Scha­den zu­min­dest teil­wei­se ver­ur­sacht hat. Aber das war, so das Ge­richt nicht nach­zu­wei­sen und sei da­mit „nicht über­wie­gend wahr­schein­lich“, wie es das Ge­richt for­mu­lier­te. Statt­des­sen ist nach Auf­fas­sung der Gut­ach­ter und des Ge­richts ei­ne Ex­plo­si­on oder Ver­puf­fung im Gas­raum des Fer­men­ters als „sehr wahr­schein­lich“an­zu­neh­men.

Da­mit ha­ben der Fer­men­ter-Her­stel­ler und des­sen Ver­si­che­rung qua­si ei­nen „Per­sil­schein“er­hal­ten, kri­ti­siert Klaus Kepp­ler. Da­mit sei auch be­legt, dass man in Deutsch­land Murks ab­lie­fern kann und trotz­dem nicht be­langt wer­de. Die Ge­sell­schaf­ter und der Ma­schi­nen­ring hat­ten auf die Fest­stel­lung ei­ner Teil­schuld ge­hofft, um ein Druck­mit­tel zu ha­ben, dass sich al­le be­tei­lig­ten Ver­si­che­run­gen noch­mals an ei­nen Tisch set­zen und es zu ei­nem Ver­gleich kommt. „Doch nun ist auch die­se Op­ti­on vom Tisch“, so Kepp­ler.

Die Ge­sell­schaf­ter wer­den das Ur­teil nun in al­ler Ru­he le­sen und dann wei­ter ent­schei­den. Als nächs­ter müss­te ei­gent­lich ih­re ei­ge­ne Ver­si­che­rung für den Scha­den ein­sprin­gen, da nun das letzt­in­stanz­lich ge­klärt ist, dass „sehr wahr­schein­lich ei­ne Ex­plo­si­on“ur­säch­lich war. Ih­re Ver­si­che­rung hat da­zu nach dem Ur­teil noch kei­ne Stel­lung­nah­me ab­ge­ge­ben, ob sie ein­sprin­gen wird. Kepp­ler geht al­ler­dings da­von aus, dass es zu ei­ner Ge­richts­ver­hand­lung kommt. Für Fe­bru­ar ist am Land­ge­richt Ra­vens­burg be­reits ei­ne so­ge­nann­te „Fest­stel­lungs­kla­ge“ter­mi­niert, in der per Ur­teil fest­ge­stellt wer­den soll, dass ei­ne Ex­plo­si­on die Ur­sa­che war. Wenn dies ge­schieht, muss die Ver­si­che­rung ein­sprin­gen. Schon wie­der in der Be­weis­pflicht Auch wenn der nor­ma­le Men­schen­ver­stand sagt, dass dies ei­ne rei­ne Form­sa­che sein müss­te, ist Kepp­ler nicht so op­ti­mis­tisch. Es ist wie das Schwar­ze-Pe­ter-Spiel, bei dem die Ver­si­che­run­gen die Schuld von sich wei­sen: Muss­ten die Land­wir­te in der ers­ten Ver­hand­lung ge­gen den Fer­men­ter­her­stel­ler be­wei­sen, dass es ein Ma­te­ri­al­feh­ler war, sind sie nun in der Be­weis­pflicht, dass ei­ne Ex­plo­si­on die Ur­sa­che war. Doch dies nach­zu­wei­sen fal­le schwer. Da hilft auch das OLG-Ur­teil nicht wei­ter. Denn dort wird ei­ne Ex­plo­si­on nicht als ein­deu­ti­ge Ur­sa­che de­fi­niert, son­dern nur als „sehr wahr­schein­lich“be­wer­tet. Und dass die Ver­si­che­rung ein­fach zahlt, weil da­für die Ver­si­che­rung ja schließ­lich da ist? Doch Kepp­ler ist wie die an­de­ren Land­wir­te des­il­lu­sio­niert. „Ver­ges­sen Sie auf die­ser Ebe­ne Moral oder An­stand. Da geht es nur noch um El­len­bo­gen. Und wer da­von ein blau­es Au­ge kriegt, in­ter­es­siert nie­man­den.“Wenn al­les schief läuft, blei­ben die die 13 Land­wir­te und der Ma­schi­nen­ring trotz drei­er Ver­si­che­run­gen auf ih­rem Scha­den sit­zen. Zu­min­dest hat die­se Be­fürch­tung Klaus Kepp­ler. „Wir sind al­le am we­nigs­ten schuld und fal­len durchs Netz.“Er und sei­ne Mit­klä­ger sind völ­lig frus­triert. „Wir sind vom Rechts­sys­tem to­tal ent­täuscht und füh­len uns völ­lig ver­arscht.“

FO­TO: THO­MAS WARNACK

Die ha­va­rier­te Bio­gas­an­la­ge vor neun Jah­ren. Die be­tei­lig­ten Land­wir­te war­ten im­mer noch auf ihr Geld.

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