Völ­ker­mord in der Wüs­te Na­mi­bi­as

Pa­ri­ser Schau zu dem deut­schen Mas­sa­ker an den He­re­ro

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR - Von Se­bas­ti­an Ku­nig­keit

PA­RIS (dpa) - Ei­ne Aus­stel­lung in der Pa­ri­ser Ho­lo­caust-Ge­denk­stät­te be­leuch­tet das Mas­sa­ker an den Volks­grup­pen der He­re­ro und der Na­ma im Som­mer 1904, und da­mit ein be­son­ders dunk­les Ka­pi­tel deut­scher Ko­lo­ni­al­ge­schich­te. Erst seit ver­gan­ge­nem Jahr wird die­ses Mas­sa­ker in Deutsch­land of­fi­zi­ell als Völ­ker­mord be­zeich­net.

Es war ein Ver­nich­tungs­krieg, den die deut­schen Ko­lo­ni­al­trup­pen im heu­ti­gen Na­mi­bia führ­ten. Nach ih­rem Sieg ge­gen die auf­stän­di­schen He­re­ro in der Schlacht am Wa­ter­berg trie­ben sie die Flüch­ten­den in die Wüs­te und rie­gel­ten die Was­ser­stel­len ab. „Tau­sen­de star­ben an Hun­ger und De­hy­drie­rung“, sagt die Wis­sen­schaft­le­rin Leo­nor Fa­berJon­ker. Kurz dar­auf droh­te Ge­ne­ral Lothar von Tro­tha: „In­ner­halb der deut­schen Gren­ze wird je­der He­re­ro mit oder oh­ne Ge­wehr, mit oder oh­ne Vieh er­schos­sen“. 75 000 He­re­ro und Na­ma star­ben.

Der Ort der Schau, die Pa­ri­ser Ho­lo­caust-Ge­denk­stät­te, wirft ge­ra­de­zu zwangs­läu­fig die viel­dis­ku­tier­te Fra­ge auf, ob es sich bei dem Mas­sa­ker um ei­ne Art Vor­läu­fer der Gräu­el­ta­ten Na­zi-Deutsch­lands han­delt. Im­mer­hin er­in­nern drau­ßen im Hof des Mé­mo­ri­al de la Shoah rie­si­ge St­ein­ta­feln mit Na­men an die Op­fer des NS-Ter­rors, auf ei­nem gro­ßen Me­tall­mo­nu­ment pran­gen die Or­te des Grau­ens: Au­schwitz, Ber­genBel­sen, Treb­lin­ka.

Man wol­le kei­ne Par­al­le­le zum Ho­lo­caust zie­hen, be­tont So­phie Na­gis­car­de von der Ge­denk­stät­te. Aber ge­wis­se Phä­no­me­ne sei­en schon da­mals sicht­bar ge­we­sen: ein pseu­do­wis­sen­schaft­lich be­grün­de­ter Ras­sis­mus, die Vor­stel­lung der ei­ge­nen Über­le­gen­heit über die ein­hei­mi­sche Be­völ­ke­rung. Und der Ge­dan­ke des „Le­bens­raums“, den das deut­sche Volk sich be­schaf­fen müs­se.

Die Aus­stel­lung „Der ers­te Völ­ker­mord des 20. Jahr­hun­derts“ist über­sicht­lich, zwei Räu­me vol­ler Schau­ta­feln und ei­ni­ge we­ni­ge Ge­gen­stän­de: ei­ne ro­man­ti­sie­ren­de Darstel­lung von Afri­ka­nern, zwei zeit­ge­nös­si­sche Bü­cher über die Feld­zü­ge ge­gen die He­re­ro und die Na­ma, Bild­chen mit Ko­lo­ni­al­mo­ti­ven aus Zi­ga­ret­ten­pa­ckun­gen.

„Mir war es wirk­lich wich­tig, zu zei­gen, was vor dem Ge­no­zid ge­schah“, sagt Fa­ber-Jon­ker, die Ku­ra­to­rin der Schau, näm­lich wie die deut­sche Ko­lo­ni­al­herr­schaft seit den 1880er-Jah­ren auf­ge­baut wur­de. „Es gab von An­fang an ein Kli­ma des Ras­sen­has­ses.“Dies sei ent­schei­dend, um die spä­te­ren Er­eig­nis­se zu ver­ste­hen. So sei­en Ver­ge­wal­ti­gun­gen von Afri­ka­ne­rin­nen völ­lig ak­zep­tiert ge­we­sen. Als die He­re­ros sich dann ge­gen die Ko­lo­ni­al­her­ren er­ho­ben, ha­be dies in Deutsch­land ein Kriegs­fie­ber aus­ge­löst, ver­stärkt da­durch, dass die Gue­ril­la-Tak­tik der He­re­ro den Deut­schen schwer zu­setz­te. Ge­no­zid in zwei Pha­sen Für die Ma­cher der Aus­stel­lung ist es ein Ge­no­zid in zwei Pha­sen: Zu­nächst die Schlacht am Wa­ter­berg und das Dra­ma in der Wüs­te, spä­ter ein lang­sa­mes Ster­ben in Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern, in de­nen die Deut­schen Ge­fan­ge­ne zu­sam­men­pferch­ten. Den Be­hör­den sei­en die ho­hen To­des­ra­ten be­wusst ge­we­sen, und sie hät­ten trotz­dem wei­ter Men­schen ge­schickt, so Fa­ber-Jon­ker. Das sei ge­no­zi­dä­re Po­li­tik.

Die­se Aus­sa­ge ist nicht un­um­strit­ten. Der Ros­to­cker His­to­ri­ker Jo­nas Krei­en­baum ar­gu­men­tier­te in ei­nem Bei­trag für die „taz“, es ha­be an­ders als in den La­gern der Na­zis kei­ne ge­ziel­te „Ver­nich­tung durch Ar­beit“ge­ge­ben. Er wird sei­ne Po­si­ti­on im Fe­bru­ar bei ei­ner Kon­fe­renz in Pa­ris vor­tra­gen kön­nen, zu der auch Nach­kom­men der Op­fer er­war­tet wer­den. Auch in der Po­li­tik ist das Mas­senster­ben noch nicht auf­ge­ar­bei­tet. Im Som­mer hat­te das Aus­wär­ti­ge Amt an­ge­kün­digt, dass Deutsch­land und Na­mi­bia über ei­ne of­fi­zi­el­le Ent­schul­di­gung ver­han­deln. „Le pre­mier gé­no­ci­de du XXe siè­cle“bis 12. März, Mé­mo­ri­al de la Shoah Pa­ris. Ge­öff­net täg­lich au­ßer sams­tags 10 bis 18 Uhr, don­ners­tags bis 22 Uhr.

FO­TO: SAMM­LUNG J.B. GEWALD/ C VEREINIGTE EVAN­GE­LI­SCHE MIS­SI­ON AR­CHIV, WUPPERTAL

Das Fo­to zeigt ab­ge­ma­ger­te He­re­ro, die in der Wüs­te ge­fun­den wur­den.

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