Aus dem Glas in die Pa­pier­tü­te

Trend im Kampf ge­gen den Plas­tik­müll: Im­mer mehr Un­ter­neh­men ver­kau­fen ih­re Wa­ren un­ver­packt wie zu Groß­mut­ters Zei­ten

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - VERBRAUCHER - Von Lea Krug In­ter­net: www.un­ver­packt.de

KARLS­RU­HE (dpa) - In al­len Ecken des La­dens ste­hen ge­füll­te Ge­fä­ße. Aus ih­nen rie­seln Le­bens­mit­tel, so­bald der Kun­de ei­nen He­bel be­dient. Erb­sen, Kaf­fee­boh­nen, Nu­deln, Ge­wür­ze oder die Zu­ta­ten fürs Müs­li fal­len aus den Be­häl­tern, die „Bulk Bins“hei­ßen. Und es gibt zahl­rei­che Sor­ten von Mehl, Ge­trei­de und Reis im „Un­ver­packt“-Ge­schäft von An­to­nia Wuck­nitz. Wäh­rend in gro­ßen Su­per­märk­ten bun­te Tü­ten, Do­sen und Schach­teln aus Plas­tik den Blick be­stim­men, sieht man bei ihr nur Glä­ser, wei­ße Baum­woll­ta­schen und Pa­pier­tü­ten.

Ge­gen­über vom Karls­ru­her Haupt­bahn­hof hat Wuck­nitz ih­ren „Un­ver­packt“-La­den er­öff­net. In Karls­ru­he ist sie die ers­te Un­ter­neh­me­rin mit die­sem Kon­zept, sagt sie. In Ber­lin ging schon vor zwei Jah­ren das ers­te Le­bens­mit­tel­ge­schäft an den Start, das oh­ne Plas­tik­ver­pa­ckun­gen aus­kommt. In­zwi­schen gibt es die Ge­schäf­te in vie­len gro­ßen Städ­ten, be­ob­ach­tet der Bun­des­ver­band des Deut­schen Le­bens­mit­tel­han­dels seit ei­ni­ger Zeit den Trend. „Le­bens­mit­tel weit­ge­hend un­ver­packt zu ver­kau­fen, wird je­doch ei­ne Ni­sche blei­ben“, meint Ver­bands­spre­cher Chris­ti­an Bött­cher. Um­satz­zah­len zum Ge­schäft mit un­ver­pack­ten Le­bens­mit­teln sind ihm kei­ne be­kannt. Ab­füll­ba­res Sham­poo Ei­ne Ni­sche, für die sich An­to­nia Wuck­nitz be­wusst ent­schie­den hat. „Der ei­ge­ne Frust über den vie­len Müll, der beim Ein­kauf ent­steht, hat mich auf die Idee ge­bracht“, er­zählt die 47-Jäh­ri­ge. Vor drei Mo­na­ten er­öff­ne­te sie ih­ren La­den, in dem die Kun­den ne­ben Le­bens­mit­teln auch Rei­ni­gungs­mit­tel, Sham­poo oder Klo­pa­pier oh­ne Plas­tik­ver­pa­ckung be­kom­men. Sie kön­nen hier al­les ab­fül­len oder Pro­duk­te wie Haar­sham­poo in Form ei­ner Sei­fe kau­fen. „In vie­len Pro­duk­ten aus der Dro­ge­rie ver­steckt sich Mi­kro­plas­tik, das in der Um­welt nichts zu su­chen hat“, meint Wuck­nitz.

Sie hat dem Plas­tik den Kampf an­ge­sagt, stößt aber auch an un­ter­neh­me­ri­sche Gren­zen. Milch­pro­duk­te et­wa kann sie in ih­rem La­den bis­her kei­ne an­bie­ten. „Ich ha­be in der Re­gi­on noch kei­nen Händ­ler da­für ge­fun­den.“Für leicht ver­derb­li­che Pro­duk­te wie Kä­se oder Fleisch bräuch­te sie zu­dem ei­nen gan­zen Kühl­raum, denn die Kühl­ket­te darf nicht un­ter­bro­chen wer­den.

Ein Um­den­ken weg vom Plas­tik scheint auch in kon­ven­tio­nel­len Märk­ten zu be­gin­nen. In ei­ner re­gio­na­len Su­per­markt­ket­te süd­lich von Frei­burg kön­nen Kun­den seit Kur­zem ih­re ei­ge­nen Be­häl­ter mit Wurst und Fleisch fül­len las­sen. Sie stel­len die­se auf ein Ta­blett aus Me­tall, das über den Tre­sen ge­reicht wird. Da­durch kom­men die pri­va­ten Do­sen nicht in Kon­takt mit dem sen­si­blen Be­reich hin­ter der The­ke und der Su­per­markt hält die stren­gen Hy­gie­ne­vor­schrif­ten ein.

„Vie­le Kun­den sind be­geis­tert von der Idee, doch der kleins­te Teil nutzt das An­ge­bot bis­her“, er­zählt der In­ha­ber von Hie­ber's Fri­sche Cen­ter, Die­ter Hie­ber. Mit Ra­batt­ak­tio­nen ver­sucht der Un­ter­neh­mer An­rei­ze zu schaf­fen, die ei­ge­nen Ge­fä­ße mit­zu­brin­gen. „Die Ver­brau­cher in­ter­es­sie­ren sich heute mehr für die öko­lo­gi­schen und so­zia­len Fol­gen ih­res Ein­kaufs“, meint er und er­gänzt: „Die Geiz-ist-geil-Ära ist vor­bei.“ Klei­ne­re Ver­pa­ckungs­ein­hei­ten Nicht al­le glau­ben dar­an. Das Um­welt­bun­des­amt re­gis­triert nach An­ga­ben ei­nes Spre­chers in den ver­gan­ge­nen Jah­ren so­gar ei­ne stei­gen­de Ten­denz beim Ver­pa­ckungs­müll. Zu­rück­zu­füh­ren sei dies auf klei­ne­re Ver­pa­ckungs­ein­hei­ten, die star­ke Ver­brei­tung von Cof­fee-to-go-Pro­duk­ten und an­de­ren Drinks zum Mit­neh­men so­wie die Zu­nah­me des Ver­sand­han­dels.

Wuck­nitz er­zählt, dass die meis­ten ih­rer Kun­den in Be­zug auf den Ver­pa­ckungs­müll sehr kon­se­quent han­deln und ih­re Ge­fä­ße meist selbst mit­brin­gen. „Ei­ni­ge be­die­nen sich aber auch an den Pa­pier­tü­ten.“Die se­hen zwar öko­lo­gi­scher aus, doch sie sind es der Deut­schen Um­welt­hil­fe zu­fol­ge nicht wirk­lich. „Pa­pier ist als Ver­pa­ckungs­ma­te­ri­al deut­lich schwe­rer“, er­läu­tert de­ren Ab­fall-Ex­per­te Phil­ipp Som­mer. Des­halb be­nö­ti­ge es in der Her­stel­lung mehr Res­sour­cen. „Ein­weg­ver­pa­ckun­gen, sind im­mer um­welt­schäd­lich“, sagt der Um­welt­ex­per­te – und ap­pel­liert des­halb, mög­lichst ganz auf Ein­weg­ver­pa­ckun­gen zu ver­zich­ten.

„Der ei­ge­ne Frust über den vie­len Müll, der beim Ein­kauf ent­steht, hat mich auf die Idee ge­bracht.“An­to­nia Wuck­nitz, Ge­schäfts­frau

Vie­le Kun­den brin­gen Ge­fä­ße mit: Das Ge­schäft in Schwä­bisch Gmünd ist ei­nes von ei­nem hal­ben Dut­zend Un­ver­packt-Lä­den in Deutsch­land.

FO­TOS: DPA

Obst und Ge­mü­se wan­dert im Su­per­markt oft in Plas­tik­beu­tel.

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