„Ich will nicht su­chen, son­dern ich will fin­den“

Drei Mo­na­te hat der Wan­der­ge­sel­le Ju­li­an Kohl in Rul­fin­gen ver­bracht – Jetzt muss er wei­ter

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - MENGEN/GÖGE/SCHEER - Mit sei­ner St­ein­metz-Kluft ist Ju­li­an Kohl je­dem gleich auf­ge­fal­len. Die ver­gan­ge­nen drei Mo­na­te hat der Ge­sel­le auf Wan­der­schaft in Rul­fin­gen ver­bracht. Ge­lebt und ge­ar­bei­tet hat er beim St­ein­metz- und Bild­hau­er­meis­ter Chris­toph Stauß. Zum Abschied, denn

RUL­FIN­GEN - Mein Na­me ist Ju­li­an Kohl, ich bin 26 Jah­re alt, kom­me aus dem Oden­wald, bin von Be­ruf St­ein­metz und seit ei­nem hal­ben Jahr auf tra­di­tio­nel­ler Wan­der­schaft. Das be­deu­tet, dass ich für min­des­tens drei Jah­re und ei­nen Tag durch die Welt rei­se und bei vie­len Meis­tern ler­ne und Er­fah­rung samm­le, aber auch Land und Leu­te ken­nen ler­ne. Da­bei hal­ten wir Wan­der­ge­sel­len uns an ei­ni­ge Re­geln wie z.B. das Tra­gen der tra­di­tio­nel­len Kluft, kein Geld für Fort­be­we­gung, kein Han­dy und kein Be­tre­ten der Bann­mei­le (50 Ki­lo­me­ter Ra­di­us um den Hei­mat­ort).

Mehr oder we­ni­ger zu­fäl­lig stand ich vor drei Mo­na­ten an der al­ten Bun­des­stra­ße 311 in Rul­fin­gen und ein we­nig un­gläu­big wur­de ich von mei­ner letz­ten Mit­fahr­ge­le­gen­heit ge­fragt: „Hier willst du raus?“ Ers­ter Ein­druck über­ra­schend gut Mein ers­ter Ein­druck von ei­nem Ort mit ei­nem Bä­cker und ein paar Hun­dert See­len war je­doch über­ra­schend gut – der Ziel­fin­ger See, das Rat­haus und die Kir­che fü­gen sich hier in ei­ne ma­le­ri­sche Land­schaft. Ich rech­ne­te mir je­doch mei­ne Chan­cen auf Ar­beit nicht be­son­ders hoch aus, da ich schon bei meh­re­ren „Zwei-Mann-Gr­ab­mal­be­trie­ben“ver­ge­bens vor­ge­spro­chen hat­te. Glück­li­cher­wei­se han­delt es sich bei Chris­toph Stauß um kei­nen klas­si­schen Gr­ab­stein­metz, die Kom­pe­ten­zen rei­chen hier von Gr­ab­mal über Bild­haue­rei bis zur Re­stau­rie­rung – im Prin­zip al­les, was mit Na­tur­stein zu tun hat. Mit ei­ner war­men Mahl­zeit und dem Ver­spre­chen, auf je­den Fall bis zum nächs­ten Tag im Haus über­nach­ten zu kön­nen, wur­de ich freund­lich be­grüßt – Ar­beit gä­be es auch ge­nug. Die Schwä­bi­sche Spra­che führ­te an­fangs noch da­zu, dass ich öf­ter mal lä­cheln und ni­cken muss­te, aber spü­ren konn­te ich schon, dass hier herz­li­che Leu­te woh­nen. So bin ich die nächs­ten drei Mo­na­te ger­ne ge­blie­ben und konn­te viel als St­ein­metz ler­nen, aber auch die Ge­gend um Men­gen er­kun­den. Die Ar­beit hat mich zum Bei­spiel zu um­lie­gen­den Fried­hö­fen ge­führt, in die Kir­che in Ho­hen­ten­gen, zu ei­nem Bahn­hofs­ge­bäu­de in Schwa­cken­reu­te und so­gar auf die Burg Wil­den­stein. Ei­nen klei­nen Ein­blick in das öf­fent­li­che Le­ben konn­te ich be­kom­men, in­dem ich auf dem Mar­ti­ni­markt, auf dem Weih­nachts­markt oder beim Blut­spen­den in Men­gen war. Mitt­ler­wei­le weiß ich was „See­len“und „Gsälz“wirk­lich sind und wie man Men­gen rich­tig aus­spricht. Vie­le Ein­la­dun­gen Seit ei­nem hal­ben Jahr bin ich ein we­nig häu­fi­ger als sonst auf mei­ne Mit­men­schen an­ge­wie­sen und kann sa­gen, dass ich hier auf vie­le net­te Leu­te ge­sto­ßen bin, die mich in ihr Haus, ihr Au­to oder so­gar zum Es­sen (dan­ke Frau Förs­ter!) ein­ge­la­den ha­ben.

Ei­ne der Re­geln, de­nen ich mich als Wan­der­ge­sel­le un­ter­wor­fen ha­be, be­sagt, dass ich nicht län­ger als drei Mo­na­te an ei­nem Ort ver­wei­len darf. Al­so muss ich wohl oder übel ab­rei­sen – auch wenn es mir hier in Rul­fin­gen ganz gut ge­fällt und die Käl­te vor der Tür nicht gera­de zum Rei­sen ein­lädt.

Ei­nen kla­ren Plan für die nächs­ten Jah­re auf Wan­der­schaft ha­be ich nicht, wohl aber Rei­se­zie­le und be­ruf­li­che In­ter­es­sen. Car­ra­ra in Ita­li­en ist für St­ein­met­ze ein Muss, En­g­land Ir­land, Schott­land rei­zen mich und vi­el­leicht kom­men noch ein paar Län­der in Über­see da­zu. Ich will je­doch kei­ne fes­te Rei­se­rou­te ab­ar­bei­ten, ich will nicht mit vor­ge­fer­tig­ter Mei­nung vor dem Eif­fel­turm ste­hen und den­ken „Mhm wirk­lich ziem­lich groß“– ich will nicht su­chen, son­dern ich will fin­den.

Kurz: Ich stel­le mich wie­der an die Stra­ße und der Ers­te, der an­hält, be­stimmt die Rich­tung.

FO­TO: JEK/AR­CHIV

Drei Mo­na­te sei­ner Wan­der­schaft hat der St­ein­metz Ju­li­an Kohl in Rul­fin­gen ver­bracht.

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