Die Dä­mo­nen, die er rief ...

Pe­te Doh­er­ty mit neu­em Al­bum – Mu­sik ei­nes ge­beu­tel­ten Man­nes

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SZENE AM WOCHENENDE - Von Brit­ta Schul­te­jans

Im Jahr 2014 hat der als Skan­dal­ro­cker be­kannt ge­wor­de­ne Pe­te Doh­er­ty ei­ni­ge denk­wür­di­ge Mo­na­te in Ham­burg ver­bracht. Jetzt, mehr als zwei Jah­re spä­ter, kommt sein Al­bum „Ham­burg De­mons­tra­ti­ons“auf den Markt: ein Ta­ge­buch aus ei­ner Zeit vol­ler Dä­mo­nen.

Als Pe­te Doh­er­ty 2014 nach Ham­burg kam, da ging es ihm nicht gut. Er tor­kel­te nachts be­trun­ken und zu­ge­dröhnt über den Kiez, leb­te zeit­wei­se in ei­nem Wohn­wa­gen – und schwärm­te da­mals in ei­nem „Spie­gel“-In­ter­view vom „Drob Inn“, ei­ner Ein­rich­tung der Ham­bur­ger Sucht­hil­fe am Haupt­bahn­hof, „weil es da sau­be­re Sprit­zen gibt und man sich in Ru­he ei­nen Druck set­zen kann“.

„Ei­ner­seits war ich aben­teu­er­lus­tig, oft auch ziem­lich un­ge­zo­gen, ich ha­be ein paar ge­fähr­li­che Din­ge ge­macht. Es gab ei­ne Men­ge ver­lo­re­ner Wo­che­n­en­den“, sag­te Doh­er­ty jüngst in ei­nem In­ter­view des „Mu­sik­ex­press“. Sei­ne Stim­mung bei den Stu­dio­auf­nah­men, so sag­te Doh­er­ty, der sich in­zwi­schen lie­ber Pe­ter als Pe­te nennt, der Zeit­schrift, sei „eher fins­ter, manch­mal so­gar ver­zwei­felt“ge­we­sen. Die Für­sorg­lich­keit sei­nes Pro­du­zen­ten sei für ihn ein Pro­blem ge­we­sen: „Ich wur­de qua­si an den Bu­sen sei­ner wohl­mei­nen­den Fa­mi­lie ge­drückt, wäh­rend ich ein­fach nur mein Le­ben le­ben woll­te.“

„De­mons­tra­ti­ons“und „de­mons“

„Das Al­bum heißt nicht oh­ne Grund ,Ham­burg De­mons­tra­ti­ons’, da sind si­cher­lich auch die ,de­mons’, die Dä­mo­nen, drin, die ihn hier ge­plagt ha­ben wäh­rend sei­nes ers­ten hal­ben Jah­res“, sagt eben je­ner Pro­du­zent Jo­hann Schee­rer, der das Al­bum mit Doh­er­ty auf­ge­nom­men und da­zu viel Ge­duld ge­braucht hat.

„Die Ar­beit mit Pe­te ist im­mer – wie bei je­dem Men­schen – ab­hän­gig da­von, wie es ihm geht. Das gilt ja vor al­lem bei Krea­ti­ven: Die Ta­ges­form ist im­mer ent­schei­dend“, sagt er der Deut­schen Pres­se-Agen­tur. „Wenn man schwerst mul­ti­tox dro­gen­ab­hän­gig ist, dann va­ri­iert die Ta­ges­form na­tür­lich dem­ent­spre­chend hef­ti­ger als bei ei­nem Nicht-Dro­gen­ab­hän­gi­gen. In­so­fern gibt es da ei­ne to­ta­le Un­be­re­chen­bar­keit.“

Die­se Un­be­re­chen­bar­keit ist dem Al­bum al­ler­dings nicht an­zu­mer­ken. Es ist ei­ne eben­so ru­hi­ge und me­lo­di­sche wie star­ke und viel­schich­ti­ge Plat­te ge­wor­den, auf der Doh­er­ty sich wünscht, nicht so zu en­den wie „Kol­ly Kib­ber“aus Gra­ham Gree­nes Ro­man „Brigh­ton Rock“, oder vom „Pri­son of My Mind“(et­wa: Ge­fäng­nis mei­nes Geis­tes) singt („Down for The Ou­ting“). „On­ly Luck Can He­al The Sick­ness of Ce­le­bri­ty“(Nur das Glück kann die Krank­heit der Be­rühmt­heit hei­len) singt er im drit­ten Lied „Bird­ca­ge“, das von ei­nem Vo­gel im Kä­fig han­delt.

Zum ers­ten Mal singt Doh­er­ty auf Deutsch: „Oh Lieb­ling, Lieb­ling, die Form zer­brach noch in der ers­ten Nacht, die Nacht des ers­ten Lichts“heißt es in „Kol­ly Kib­ber“. Und: „Da­nach kommt nix, oder?“

„Es geht um ei­ne Mo­ment­auf­nah­me und dar­um, ab­zu­bil­den, in wel­chem Geis­tes­zu­stand er sich gera­de be­fin­det“, sagt Pro­du­zent Schee­rer, der Doh­er­ty mo­na­te­lang in sei­ner Künst­ler­bu­de über dem Stu­dio woh­nen ließ, da­mit er nicht ob­dach­los war. Schee­rer riet ihm nach ei­ge­ner Aus­sa­ge zu dem Ent­zug in Thai­land, den Doh­er­ty in An­griff nahm, be­vor er 2015 mit den Li­ber­ti­nes die gro­ßen Büh­nen zu­rück­er­ober­te. Als er von dem Ent­zug und der Tour mit den Li­ber­ti­nes zu­rück nach Ham­burg kam, sei die Ar­beit viel ein­fa­cher ge­we­sen, sagt Schee­rer.

Für „Ham­burg De­mons­tra­ti­ons“hat Doh­er­ty auch das Lied „Flags from The Old Re­gime“neu auf­ge­nom­men, das er sei­ner 2011 ver­stor­be­nen Freun­din Amy Wi­ne­hou­se ge­wid­met hat. Und die Plat­te prä­sen­tiert mit der Bal­la­de „She Is Far“so et­was wie ei­ne Le­gen­de. Das Lied schrieb Doh­er­ty als Te­enager, und es wird nach An­ga­ben Schee­rers schon seit 15 Jah­ren on­line schwarz ge­han­delt. Jetzt gibt es den Song ganz of­fi­zi­ell.

Das Herz­stück des Al­bums ist aber der Song „Hell to Pay At The Ga­ters of Hea­ven“, den Doh­er­ty un­ter dem Ein­druck der Ter­ror­an­schlä­ge in Pa­ris – vor al­lem im Kon­zert­saal „Bat­a­clan“– schrieb. „Oh Co­me On Boys – You Got­ta Choo­se Your We­a­pon“(Los Jungs, ihr müsst Eu­re Waf­fen wäh­len) heißt es dar­in. Und zur Aus­wahl stellt Doh­er­ty die J-45, die le­gen­dä­re Gi­tar­re, auf der einst auch John Len­non spiel­te, und die AK 47 – das Sturm­ge­wehr Ka­lasch­ni­kow. Denn: Jun­ge Män­ner müs­sen nicht tö­ten, um be­rühmt zu wer­den. Es geht auch mit Mu­sik.

FO­TO: GER­RIT STARCZEWSKI/JO­HANN SCHEE­RER, CLOUDS HILL

Mu­si­ker Pe­te Doh­er­ty (links) hat mit Jo­hann Schee­rer an sei­nem neu­en Al­bum „Ham­burg De­mons­tra­ti­ons“ge­ar­bei­tet.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.