Der Krieg aus weib­li­cher Sicht: „Es ist ein Wei­nen in der Welt“

Die Thea­ter­grup­pe „Rol­le vor­wärts“holt bei ih­rer Vor­stel­lung im Al­ten Schlacht­hof die Ver­gan­gen­heit ans Ta­ges­licht

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SIGMARINGEN - Von Ga­b­rie­le Lo­ges

SIGMARINGEN - Das Thea­ter­stück „Es ist ein Wei­nen in der Welt“von der Spiel­grup­pe „Rol­le vor­wärts“hat in zwei aus­ver­kauf­ten Vor­stel­lun­gen im Al­ten Schlacht­hof das Pu­bli­kum be­geis­tert. Zehn Frau­en in ei­nem Dorf auf der Schwä­bi­schen Alb ver­kör­pern in dem Stück un­ter der Lei­tung von Li­lo Braun das War­ten auf die Män­ner und die Angst vor der Zu­kunft. Der Krieg, so zei­gen es die lei­den­schaft­lich spie­len­den Ak­teu­rin­nen, ist auch im Frie­den nicht vor­bei. Je­des Schick­sal ist ein Ein­zel­schick­sal und doch lei­den al­le ge­mein­sam.

Ei­gent­lich soll­te es laut Thea­ter­päd­ago­gin und Re­gis­seu­rin Li­lo Braun dies­mal ein „lus­ti­ges Stück“wer­den, da in der ver­gan­ge­nen Spiel­sai­son „der Tod“ei­ne zen­tra­le Rol­le ge­spielt ha­be und die Mit­spie­ler ger­ne et­was Lus­ti­ges ge­spielt hät­ten. Doch stand für sie das The­ma Krieg so sehr im Raum, dass es sich in den Vor­der­grund ge­scho­ben hat. Die Idee und das Text­buch zu „Es ist ein Wei­nen in der Welt“stam­men von ihr. Li­lo Braun hat vie­le Ge­schich­ten aus der Kriegs- und Nach­kriegs­zeit aus der Ge­gend um Sigmaringen und Meß­kirch zu­sam­men­ge­tra­gen und dar­aus ein rea­lis­ti­sches Dorf­le­ben auf der Alb ent­wi­ckelt. Un­ter ih­rer Re­gie, Re­gie­as­sis­tenz und Tech­nik über­nahm Ma­ri­on Schel­lin­ger, neh­kommt men zehn Schau­spie­le­rin­nen aus Ve­rin­gen­stadt, Men­gen oder Krau­chen­wies ihr Pu­bli­kum zu­rück in ei­ne Zeit, die „Bän­de spricht“, und auch in die Zu­kunft wei­sen möch­te: Ver­ständ­nis für die Not der Men­schen, die durch Krieg ge­beu­telt sind, aber auch das Ver­mei­den von Krieg, weil das Leid da­bei (ei­gent­lich) un­mensch­lich ist. Ort des Ge­sche­hens liegt auf der Schwä­bi­schen Alb Die Zu­schau­er sit­zen ge­gen­über ei­ner Hof- oder Stra­ßen­wand, ein von Ca­ro­la Ries­ter kre­iertes Büh­nen­bild. Dort kle­ben zahl­rei­che Such­mel­dun­gen. En­er­gisch schrei­ten Frau­en in Schür­zen zwi­schen Mau­er und Pu­bli­kum und ma­chen schnell klar: Der Ort des Ge­sche­hens liegt auf der Schwä­bi­schen Alb, es ist in­nen wie au­ßen kalt, der Krieg ist zwar An­fang Ok­to­ber 1945 vor­bei, aber der Frie­den ist kei­nes­wegs in Sicht. Im brei­tes­ten Alb­schwä­bisch rä­so­nie­ren die Frau­en (Br­uni Lieh­ner, Mo­ni­ka Schultz, Ja­na Stock­mai­er, Ros­ma­rie Schmid, Andrea Leicht, Tan­ja Czo­pi­ak, An­ja Mai­er-Schütz, Bil­la Fu­lar, Si­mo­ne Schnei­der) über ih­re schwie­ri­ge Si­tua­ti­on. Mit Ger­trud (Mo­ni­ka Hap­ke) kommt ei­ne Frem­de ins Dorf. Auch sie hat das glei­che Schick­sal. Aus­ge­bombt und zu­rück­ge­las­sen fühlt sie sich eben­falls „als Krüp­pel“. Die Frau­en im Dorf – je­de auf ih­re Art ty­pisch – wol­len sie nicht: „Dui vo Aus­wärts, des isch a Flicht­leng, an Fisch­kopf, des hot mir grad no gfählt.“Ih­re Schwä­ge­rin nimmt sie je­doch auf und so wird die Frem­de für ei­ni­ge Zeit in die Ge­mein­schaft auf­ge­nom­men. Die Frau­en ha­ben Angst, sie war­ten und füh­len sich ohn­mäch­tig, im Er­zäh­len fin­den sie Halt. Sie er­zäh­len von sich und ih­ren Män­nern: wann und wie sie in den Krieg ge­gan­gen sind, wie sie ih­ren „ehe­li­chen Pflich­ten“nach­ge­kom­men sind, wie sehr sie ver­misst wer­den.

Un­ter­schied­li­che Cha­rak­te­re und Al­ters­stu­fen fü­gen sich zu ei­nem Bild: Kla­ra ist jung, schwan­ger und in Tho­mas ver­liebt – des­sen Mut­ter ist ver­bit­tert und lehnt ab, was die Frau­en vor­schla­gen: Wenn man beim Kind von Kla­ra spä­ter „nicht grad sieht, dass es von ei­nem Dun­kel­häu­ti­gen ist“, soll man sie im Glau­ben las­sen, dass es nicht von ei­ner Ver­ge­wal­ti­gung, son­dern von „ih­rem Tho­mas“ist. Am En­de des Stücks tre­ten die Frau­en in Zwei­er­grup­pen nach Vor­ne und sa­gen, was aus die­sen Frau­en ge­wor­den ist. Nur Kla­ra lebt heu­te noch. Sie hat den Über­brin­ger der To­des­nach­richt ge­hei­ra­tet, er hat das Kind an­ge­nom­men, mit dem Kla­ra heu­te noch hier auf der Alb lebt.

FO­TO: GA­B­RIE­LE LO­GES

Die Thea­ter­grup­pe „Rol­le vor­wärts“wid­met sich der Angst vor der Zu­kunft.

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