Nicht oh­ne Ita­li­en

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE - Von Ul­rich Men­de­lin

Das war deut­lich: Die Ita­lie­ner ha­ben Mat­teo Ren­zi ei­ne Ab­fuhr er­teilt. Und das flä­chen­de­ckend. In den Me­tro­po­len Mai­land, Tu­rin oder Rom ha­ben sie für „No“ge­stimmt, in der rei­chen Lom­bar­dei eben­so wie im ar­men Ka­la­bri­en. Nur ein paar mit­tel­ita­lie­ni­sche Pro­vin­zen um sei­ne Hei­mat Flo­renz so­wie Süd­ti­rol ha­ben Ren­zis Plan für ei­ne Ver­fas­sungs­re­form un­ter­stützt.

Na­tür­lich war es das Ziel der Op­po­si­ti­ons­par­tei­en und auch der par­tei­in­ter­nen Geg­ner Ren­zis, den Mi­nis­ter­prä­si­den­ten zu stür­zen – der hat­te ih­nen selbst da­zu Ge­le­gen­heit ge­ge­ben, weil er das Re­fe­ren­dum mit sei­nem po­li­ti­schen Schick­sal ver­knüpf­te. Doch war zu­min­dest ein Teil des „No“-La­gers auch von ech­ten Sor­gen um die Ge­wal­ten­tei­lung im po­li­ti­schen Sys­tem ge­tra­gen. Auch wenn die üb­li­chen Ver­däch­ti­gen – von Ma­ri­ne Le Pen bis Ni­gel Fa­ra­ge – um­ge­hend Glück­wün­sche nach Ita­li­en twit­ter­ten, greift es zu kurz, die­ses Ab­stim­mungs­re­sul­tat le­dig­lich als neu­en Sieg an­ti-eu­ro­päi­scher Rechts­po­pu­lis­ten zu wer­ten.

Gleich­wohl kann das Er­geb­nis für Eu­ro­pa ein erns­tes po­li­ti­sches Pro­blem wer­den: Näm­lich dann, wenn Neu­wah­len die fun­da­men­tal­op­po­si­tio­nel­le Fünf-Ster­ne-Be­we­gung an die Re­gie­rung spü­len. Die stel­len in der Haupt­stadt Rom schon heu­te ih­re Un­fä­hig­keit täg­lich un­ter Be­weis (wie zu­vor al­ler­dings auch Ren­zis De­mo­kra­ten und die tra­di­tio­nel­le Rech­te). Ei­ne un­be­re­chen­ba­re, eu­ro­pa­feind­li­che Re­gie­rung in ih­rem Grün­dungs­staat Ita­li­en wä­re für die Eu­ro­päi­sche Uni­on ein grö­ße­rer Schlag als der Br­ex­it oder der Na­tio­na­lis­mus in Mit­tel­ost­eu­ro­pa und nur mit ei­nem Sieg der ex­tre­men Rech­ten in Frank­reich zu ver­glei­chen. Oh­ne Ita­li­en wä­re die EU eben­so we­nig denk­bar wie oh­ne Frank­reich.

Mög­lich – und an­ge­sichts der Al­ter­na­ti­ven ge­ra­de­zu wün­schens­wert – ist aber auch, dass es Ita­li­ens Po­li­ti­kern ge­lingt, sich ir­gend­wie wei­ter durch­zu­wurs­teln. Dar­in ha­ben sie jahr­zehn­te­lan­ge Übung. Das ist die Iro­nie der Ab­stim­mung: In ih­rem Ver­druss über die po­li­ti­schen Ver­hält­nis­se ha­ben die Wäh­ler ei­ne Re­form ver­senkt, die genau die­se Ver­hält­nis­se hät­te auf­rüt­teln sol­len. u.men­de­lin@schwa­ebi­sche.de

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