Fahr­dienst­lei­ter von Bad Ai­b­ling ver­ur­teilt

Haft­stra­fe für Fahr­dienst­lei­ter von Bad Ai­b­ling nach Tod von zwölf Men­schen – Si­gnal­tech­nik sei zwar ver­al­tet, aber feh­ler­frei ge­we­sen

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE - Von Paul Winterer und Cor­du­la Dieck­mann

TRAUN­STEIN (AFP) - Im Pro­zess um das Zug­un­glück von Bad Ai­b­ling mit zwölf To­ten hat das Land­ge­richt Traun­stein den an­ge­klag­ten Fahr­dienst­lei­ter am Mon­tag zu drei­ein­halb Jah­ren Haft ver­ur­teilt. Das Ge- richt be­fand Micha­el P. we­gen fahr­läs­si­ger Tö­tung und fahr­läs­si­ger Kör- per­ver­let­zung schul­dig. P. ha­be sich durch Han­dy­spie­le­rei ab­len­ken las­sen und sei al­lei­ne ver­ant­wort­lich für den Fron­tal­zu­sam­men­stoß zwei­er Me­ri­di­an-Zü­ge am 9. Fe­bru­ar, sag­te der Rich­ter.

TRAUN­STEIN (dpa) - Der Fahr­dienst­lei­ter zeigt nicht die ge­rings­te Re­gung, als der Vor­sit­zen­de Rich­ter „im Na­men des Vol­kes“sein Ur­teil ver­kün­det. Er starrt ins Lee­re, als er hin­ter der An­kla­ge­bank ste­hend den Schuld­spruch ent­ge­gen­nimmt: drei­ein­halb Jah­re Haft we­gen fahr­läs­si­ger Tö­tung in zwölf Fäl­len. Auch als Rich­ter Erich Fuchs das Ur­teil be­grün­det, geht der Blick des Ver­ur­teil­ten ins Lee­re. Mit dem Schuld­spruch am Mon­tag­vor­mit­tag im Land­ge­richt Traun­stein hat die straf­recht­li­che Au­f­ar­bei­tung des Zug­un­glücks vor ziem­lich genau zehn Mo­na­ten in Bad Ai­b­ling ein vor­läu­fi­ges En­de ge­fun­den.

Fuchs lässt in der fast ein­stün­di­gen Ur­teils­be­grün­dung kein gu­tes Haar am Ver­hal­ten des 40-Jäh­ri­gen. Ganz klar ar­bei­tet er her­aus, dass der Bahn­mit­ar­bei­ter nie und nim­mer im Di­enst hät­te auf sei­nem Han­dy das Fan­ta­sy-Rol­len­spiel „Dun­ge­on Hun­ter 5“spie­len dür­fen. Da­bei geht es auch um das Tö­ten von Dä­mo­nen. „Er war ge­dank­lich in die­sem Spiel fi­xiert, er war ge­dank­lich ge­fan­gen“, hält der Vor­sit­zen­de Rich­ter dem Fahr­dienst­lei­ter vor. Da­durch sei der Mann in sei­ner Kon­zen­tra­ti­on und Auf­merk­sam­keit er­heb­lich be­ein­träch­tigt ge­we­sen.

„Der An­ge­klag­te hat meh­re­re Feh­ler be­gan­gen, und er hat ge­gen sei­ne dienst­li­chen Vor­schrif­ten ver­sto­ßen“, sagt der Ge­richts­vor­sit­zen­de. Beim Zu­sam­men­stoß der bei­den Nah­ver­kehrs­zü­ge am 9. Fe­bru­ar auf ein­glei­si­ger Stre­cke in dem ober­baye­ri­schen Ku­r­ort star­ben 12 Men­schen, fast 90 Rei­sen­de wur­den teils le­bens­ge­fähr­lich ver­letzt. Fuchs zählt noch ein­mal ex­akt die Feh­ler­ket­te auf, die der Bahn­mit­ar­bei­ter aus­lös­te, nach Über­zeu­gung der Gro­ßen Straf­kam­mer da­bei hoch­gra­dig ab­ge­lenkt durch das ver­bo­te­ne Spie­len auf sei­nem Han­dy: Erst ver­leg­te er die Kreu­zung der Zü­ge in ei­nen an­de­ren Bahn­hof, als es der Fahr­plan vor­sieht, dann setz­te er meh­re­re Si­gna­le falsch. Vor al­lem aber hät­te er das so­ge­nann­te Son­der­si­gnal Zs1 nicht stel­len dür­fen, das al­le Si­che­rungs­ein­rich­tun­gen der Bahn bei un­vor­her­ge­se­he­nen Er­eig­nis­sen au­ßer Kraft setzt. Fa­ta­ler Feh­ler Als er den fa­ta­len Feh­ler be­merk­te, drück­te er beim Aus­lö­sen des No­t­ru­fes auch noch die fal­sche Tas­te. „Das hät­te er be­herr­schen müs­sen“, be­tont der Vor­sit­zen­de. Der Alarm kam we­gen des Feh­lers nicht in den Zü­gen an, die Ka­ta­stro­phe war un­aus­weich­lich.

Fuchs lässt auch kei­nen Zwei­fel dar­an, dass die al­lei­ni­ge Ver­ant­wor­tung für das Zug­un­glück beim Fahr­dienst­lei­ter liegt, auch wenn die Bahn auf der Un­fall­stre­cke bis heu­te ver­al­te­te Si­gnal­tech­nik ein­setzt. Die Tech­nik im Stell­werk von Bad Ai­b­ling sei feh­ler­frei ge­we­sen. „Der Zu­sam­men­stoß er­folg­te nur des­halb, weil der An­ge­klag­te in die­se funk­tio­nie­ren­de Tech­nik selbst ein­ge­grif­fen hat.“

Den Fahr­dienst­lei­ter dürf­te kaum trös­ten, dass der Rich­ter ihn ei­nen „zu­ver­läs­si­gen, pünkt­li­chen und dienst­lich vor­bild­li­chen Mit­ar­bei­ter“nennt. „Das ist kein schlech­ter Mensch, er ist kein Kri­mi­nel­ler, er ist na­tür­lich auch selbst Op­fer, aber er ist in ers­ter Li­nie Op­fer sei­ner ei­ge­nen Spiel­lei­den­schaft ge­wor­den“, sagt der Vor­sit­zen­de.

Vor dem Saal nennt der bei dem Zug­un­glück ver­letz­te Joa­chim Bloß­feld die Frei­heits­stra­fe ge­recht­fer­tigt. „Der An­ge­klag­te hat schon gro­ße Schuld auf sich ge­la­den.“Der Bau­in­ge­nieur war mit zahl­rei­chen Prel­lun­gen noch ei­ni­ger­ma­ßen glimpf­lich da­von­ge­kom­men, lei­det aber bis heu­te psy­chisch un­ter den Fol­gen. Das Ur­teil ist für ihn „ein Etap­pen­ab­schluss“. Es sol­le da­zu bei­tra­gen, „dass Men­schen ver­ant­wor­tungs­be­wusst mit ih­rem Han­dy um­ge­hen“.

Der 62-Jäh­ri­ge er­in­nert sich noch ein­mal an das schreck­li­che Un­fall­ge­sche­hen vom 9. Fe­bru­ar: „Es war wirk­lich sehr, sehr schlimm.“In sei­nen Ar­men sei ein Mann ge­stor­ben. „Sei­ne letz­ten Wor­ten wa­ren ,Mir ist kalt’.“

Ober­staats­an­walt Jür­gen Branz war in­des­sen nur noch froh, „dass die­ser Pro­zess jetzt ein En­de ge­fun­den hat. Er war doch für al­le Be­tei­lig­ten sehr be­las­tend“.

FO­TO: DPA

Zu drei Jah­ren und sechs Mo­na­ten wur­de Micha­el P. ver­ur­teilt.

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