Po­li­ti­scher Sturm er­schüt­tert Ita­li­en

Un­ge­wiss­heit nach dem Nein zur Ver­fas­sungs­re­form – Geg­ner von Ren­zi for­dern Neu­wah­len

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Tho­mas Mig­ge und Agen­tu­ren

ROM - Zum ers­ten Mal seit sei­nem Amts­an­tritt 2014 konn­te Mat­teo Ren­zi sei­ne Ge­füh­le nicht ver­ber­gen. Ita­li­ens Mi­nis­ter­prä­si­dent schien mit den Trä­nen zu rin­gen und muss­te drei­mal schlu­cken, als er in der Nacht auf Mon­tag sei­nen Rück­tritt an­kün­dig­te. Der Aus­gang des mit Span­nung er­war­te­ten Ver­fas­sungs­re­fe­ren­dums, mit dem er sei­ne po­li­ti­sche Zu­kunft ver­band, ge­riet zu ei­ner gro­ßen Nie­der­la­ge.

Nur knapp 41 Pro­zent al­ler Wahl­be­rech­tig­ten stimm­ten mit ei­nem „Si“, die Mehr­heit lehn­te die vor­ge­schla­ge­ne Re­form ab. Ita­li­en wird so­mit auch wei­ter­hin ein Zwei­kam­mer­sys­tem ha­ben, mit ei­nem Ab­ge­ord­ne­ten­haus und ei­nem Se­nat, die bei wich­ti­gen po­li­ti­schen Ent­schei­dun­gen wie et­wa der Ge­setz­ge­bung die glei­chen Rech­te ha­ben. Ren­zi woll­te dem Se­nat sei­nen Ein­fluss neh­men, um die po­li­ti­sche Ent­schei­dungs­fin­dung zu ver­ein­fa­chen. Je mehr er al­ler­dings die schwie­ri­ge Ver­fas­sungs­re­form zur Chef­sa­che mach­te, um­so mehr ge­riet das Re­fe­ren­dum am Sonn­tag zu ei­ner Ab­stim­mung für oder ge­gen den Re­gie­rungs­chef. Jun­ge Ita­lie­ner sag­ten „No“Um­fra­gen er­ga­ben, dass mehr als 50 Pro­zent al­ler Be­frag­ten das Re­fe­ren­dum da­zu nut­zen woll­ten, Ren­zi zu zei­gen, was sie von ihm hal­ten. Da­bei stimm­ten laut den So­zio­lo­gen vor al­lem jun­ge Men­schen und Sü­dita­lie­ner ge­gen Ren­zis Plä­ne. Auch al­le Op­po­si­ti­ons­par­tei­en, von links bis rechts, war­ben für ein „No“. „Jetzt gibt es kein Wahl­recht für den Se­nat, viel­leicht nicht mal ei­nes für die Ab­ge­ord­ne­ten­kam­mer, es gibt kei­ne Re­gie­rung. Der per­fek­te Ge­wit­ter­sturm, auf den al­le ge­war­tet ha­ben, ist an­ge­kom­men“, fass­te die Zei­tung „L'Es­pres­so“das Er­geb­nis zu­sam­men.

Der 41-jäh­ri­ge Ren­zi räum­te in der Nacht auf Mon­tag sei­ne Nie­der­la­ge ein. Der ge­schei­ter­te Re­for­mer traf gleich am Mon­tag­mor­gen den Staats­prä­si­den­ten Ser­gio Mat­ta­rel­la zu ei­nem in­for­mel­len Ge­spräch. „Ita­li­en ist ein gro­ßes Land mit so viel po­si­ti­ver Ener­gie. Auch des­halb ist es nö­tig, dass das po­li­ti­sche Kli­ma, selbst in der nö­ti­gen Dia­lek­tik, von Ru­he und ge­gen­sei­ti­gem Re­spekt ge­prägt ist“, sag­te da­nach Mat­ta­rel­la. Am Abend bat er Ren­zi, im Amt zu blei­ben, bis das Par­la­ment den Haus­halt für 2017 ver­ab­schie­det ha­be. Ei­nen Nach­fol­ger zu fin­den, ist kei­ne leich­te Auf­ga­be, denn Mat­ta­rel­la muss da­bei be­stimm­te Um­stän­de be­rück­sich­ti­gen. Zum ei­nen dau­ert die Le­gis­la­tur­pe­ri­ode noch et­was mehr als ein Jahr. Neu­wah­len ste­hen erst An­fang 2018 an. Zum an­de­ren ver­fügt Ren­zi mit sei­ner de­mo­kra­ti­schen Par­tei über ei­ne par­la­men­ta­ri­sche Mehr­heit. Theo­re­tisch müss­te der Staats­prä­si­dent al­so nicht zwin­gend die vor­ge­zo­ge­nen Neu­wah­len 2017 an­be­rau­men. Es wür­de aus­rei­chen, Ren­zi oder ei­nen an­de­ren Re­prä­sen­tan­ten der De­mo­kra­ten mit der Bil­dung ei­ner Re­gie­rung zu be­auf­tra­gen. An­ge­sichts der in­ter­na­tio­na­len Ver­pflich­tun­gen Ita­li­ens wä­re das viel­leicht die bes­te Ent­schei­dung.

Doch Ita­li­ens Op­po­si­ti­on, vor al­lem die Be­we­gung 5 Ster­ne des ExKo­mi­kers Bep­pe Gril­lo, Sil­vio Ber­lus­co­nis For­za Ita­lia und die aus­län­der­feind­li­che Par­tei Le­ga Nord un­ter dem Le-Pen-Freund Mat­teo Sal­vi­ni, for­dern so schnell wie mög­lich neue Wah­len. Le­ga Nord und For­za Ita­lia, in ei­ner Ko­ali­ti­on mit der Rechts­au­ßen­par­tei Fra­tel­li d’Ita­lia, hof­fen ei­ne Mehr­heit bil­den zu kön­nen. Um­fra­gen zu­fol­ge be­steht auch die Mög­lich­keit, dass die 5-Ster­ne-Be­we­gung zur stärks­ten Par­tei wer­den könn­te. Doch bei­de Mög­lich­kei­ten, ei­ne Re­gie­rung der 5-Ster­ne-Be­we­gung oder der Mit­te-Rechts-Ko­ali­ti­on, stel­len ei­ne Ge­fahr für Ita­li­ens EU-Mit­glied­schaft dar. Sie al­le for­dern ent­we­der den Aus­stieg aus dem Eu­ro oder gleich aus der Eu­ro­päi­schen Uni­on.

In den kom­men­den Ta­gen wird Mat­ta­rel­la mit al­len Par­tei­en dar­über dis­ku­tie­ren, ob und wie die Le­gis­la­tur­pe­ri­ode re­gu­lär be­en­det wer­den kann. Dass der Staats­prä­si­dent mit der Ein­hal­tung des re­gu­lä­ren Wahl­ter­mins 2018 lieb­äu­gelt, ist da­bei ein of­fe­nes Ge­heim­nis.

FO­TO: AFP

Er hat sei­ne gro­ße po­li­ti­sche Schlacht ver­lo­ren: Ita­li­ens Mi­nis­ter­prä­si­dent Mat­teo Ren­zi.

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