Br­ex­it vor Ge­richt in Lon­don

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - MEINUNG & DIALOG - Von Se­bas­ti­an Bor­ger, Lon­don

Rich­ter soll­ten ih­re Kom­pe­ten­zen nicht über­schrei­ten, Par­la­men­ta­ri­er dür­fen der Re­gie­rung nicht ins Hand­werk pfu­schen ba­sie­rend auf die­sen bei­den Ma­xi­men hat der bri­ti­sche Ge­ne­ral­staats­an­walt Jeremy Wright am Mon­tag sei­ne Br­ex­it-Be­ru­fungs­kla­ge beim Obers­ten Ge­richts­hof Groß­bri­tan­ni­ens vor­ge­tra­gen. Bei den ins­ge­samt auf vier Ta­ge an­ge­setz­ten An­hö­run­gen geht es im Kern um die Fra­ge, ob die Re­gie­rung die Zu­stim­mung des Par­la­ments da­für braucht, bis En­de März Ar­ti­kel 50 des Lis­s­a­bon-Ver­trags in Kraft zu set­zen, der den EUAus­tritt bin­nen zwei Jah­ren ein­lei­tet.

Der sonst eher un­schein­ba­re Sitz des Su­pre­me Court di­rekt am West­mins­ter-Pa­last stand am Mon­tag im Mit­tel­punkt der Auf­merk­sam­keit. Im voll­ge­pack­ten Ver­hand­lungs­saal sa­hen sich die zehn Män­ner und ei­ne Frau un­ter Vor­sitz des Ge­richts­prä­si­den­ten Da­vid Neu­ber­ger ei­ner Pha­lanx hoch­be­zahl­ter An­wäl­te ge­gen­über. Die An­hö­run­gen des Ge­richts­hofs wer­den sonst li­ve nur im In­ter­net aus­ge­strahlt. Dies­mal stie­gen aber auch die gro­ßen bri­ti­schen Nach­rich­ten­sen­der ein.

Da­bei geht es schein­bar um ei­ne For­ma­li­tät. Beim Re­fe­ren­dum im Ju­ni hat­ten 51,9 Pro­zent der Bri­ten für den EU-Aus­tritt vo­tiert. In rund 70 Pro­zent der Wahl­krei­se von En­g­land und Wa­les sind die Br­ex­it-Be­für­wor­ter in der Mehr­heit. Des­halb ha­ben vie­le Par­la­men­ta­ri­er, die den EUVer­bleib be­für­wor­tet hat­ten, längst si­gna­li­siert, sie wür­den dem Aus­tritt nicht im Weg ste­hen. Bis heu­te, so se­hen es Ex­per­ten, wür­de die Re­gie­rung von Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May ei­ne ent­spre­chen­de Ab­stim­mung pro­blem­los ge­win­nen.

May und ih­re Rechts­ex­per­ten be­har­ren auf dem so­ge­nann­ten „kö­nig­li­chen Vor­recht“. Die­ses gibt der Exe­ku­ti­ve die Be­fug­nis, wich­ti­ge au­ßen­po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen oh­ne die Vor­ab­zu­stim­mung des Par­la­ments zu tref­fen. Sou­ve­rä­ni­tät des Par­la­ments gilt Weil der Br­ex­it aber auch rein in­nen­po­li­ti­sche Ge­setz­ge­bung be­ein­träch­ti­ge, zo­gen meh­re­re Pri­vat­klä­ger, an­ge­führt von der Ver­mö­gens­ver­wal­te­rin Gi­na Mil­ler, vor den High Court und be­ka­men dort An­fang No­vem­ber Recht. Vie­le bri­ti­sche Ge­set­ze ba­sier­ten auf der 43-jäh­ri­gen Mit­glied­schaft im Brüs­se­ler Club, des­halb gel­te wei­ter­hin die Sou­ve­rä­ni­tät des Par­la­ments, be­fand das Ge­richt.

Da­mit ha­be der High Court das Re­fe­ren­dum zu ei­ner Art Fuß­no­te de­gra­diert, be­klag­te ges­tern Ge­ne­ral­staats­an­walt Wright, der im bri­ti­schen Sys­tem auch Un­ter­haus­ab­ge­ord­ne­ter ist und dem Ka­bi­nett an­ge­hört. Für Wright und sei­nen Chef­ju­ris­ten Ja­mes Ea­die geht es beim jet­zi­gen Ver­fah­ren auch um die ei­ge­ne Kar­rie­re: In­ner­halb der Re­gie­rung wa­ren sie für ih­re ein­deu­ti­ge Nie­der­la­ge vor dem High Court scharf kri­ti­siert wor­den.

Auch am heu­ti­gen Di­ens­tag sol­len über­wie­gend Re­gie­rungs­ver­tre­ter zu Wort kom­men, ehe die Ver­tre­ter der ur­sprüng­li­chen Klä­ger ih­re Ar­gu­men­te vor­tra­gen dür­fen. Das Ur­teil dürf­te frü­hes­tens Mit­te Ja­nu­ar er­ge­hen.

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