Stadt­luft macht arm

IW-Stu­die: Das Ar­muts­ri­si­ko ist in Me­tro­po­len deut­lich hö­her als auf dem Land

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIRTSCHAFT - Von Wolf­gang Mul­ke

BER­LIN - Rei­cher Wes­ten, ar­mer Os­ten – ei­ne The­se, die die Po­li­tik seit der Wen­de­zeit im­mer wie­der be­nutzt, ge­braucht und miss­braucht. Vor al­lem aber ist sie in­zwi­schen ein Kli­schee. Das ha­ben je­den­falls die For­scher des In­sti­tuts der Deut­schen Wirt­schaft (IW) her­aus­ge­fun­den. Sie ma­chen ei­ne an­de­re Trenn­li­nie aus. Das Ar­muts­ri­si­ko ballt sich dem­nach in den Städ­ten. Die Kauf­kraft sei hier nied­ri­ger, und die Ein­kom­men wä­ren sehr un­gleich ver­teilt, sagt der Ge­schäfts­füh­rer des IW, Hans-Pe­ter Klös. Be­woh­nern länd­li­cher Ge­gen­den geht es da­ge­gen ver­gleichs­wei­se gut.

Das In­sti­tut hat ne­ben den Ein­kom­men pro Kopf auch die Kauf­kraft in der je­wei­li­gen Re­gi­on be­rück­sich­tigt. Da­mit er­gibt sich ein neu­es Bild vom Ar­muts­ri­si­ko in Deutsch­land. Bun­des­weit liegt die Ar­muts­gren­ze bei ei­nem ver­füg­ba­ren Mo­nats­ein­kom­men von 917 Eu­ro. Das ent­spricht 60 Pro­zent des mitt­le­ren Ein­kom­mens al­ler Bür­ger. Be­rück­sich­tigt man die Prei­se am Wohn­ort, zei­gen sich deut­li­che Un­ter­schie­de. „Ein Sing­le in Mün­chen ist noch bis zu ei­nem Ein­kom­men von 1128 Eu­ro ein­kom­mens­arm“, er­läu­tert Klös, „wäh­rend ein Al­lein­ste­hen­der im preis­güns­ti­gen Tir­schen­reuth be­reits bei ei­nem Mo­nats­ein­kom­men von 823 Eu­ro nicht mehr zu den Kauf­kraft­ar­men zählt.“Bei die­ser Be­trach­tungs­wei­se schnei­det Ost­deutsch­land viel bes­ser ab als beim rei­nen Blick auf Löh­ne, Ren­ten und Ge­häl­ter. Denn das Le­ben in den neu­en Län­dern ist preis­güns­ti­ger als im Wes­ten.

Auf den vor­de­ren Plät­zen der ar­men Kom­mu­nen fin­den sich aus­schließ­lich Städ­te. Bre­mer­ha­ven, Gel­sen­kir­chen, Köln und Duis­burg füh­ren die Rang­lis­te der kauf­kraf­tärms­ten Ecken des Lan­des an. Mehr als je­der Vier­te ist hier ge­mes­sen an dem, was er sich leis­ten kann, arm. Am nied­rigs­ten ist die­se Quo­te im Sü­den und Süd­wes­ten Deutsch­lands. In den Krei­sen am Bo­den­see, rund um Fürth und Er­lan­gen, an der süd­li­chen Wein­stra­ße oder im Groß­raum Mün­chen sind we­ni­ger als zehn Pro­zent von Kauf­kraft­ar­mut be­trof­fen. For­scher for­dern neue För­de­rung Das IW plä­diert an­ge­sichts die­ses ver­än­der­ten Blicks auf das The­ma Ar­mut über ei­nen Wech­sel in der För­de­rung der be­nach­tei­lig­ten Re­gio­nen in Deutsch­land. „Die deut­sche Re­gio­nal­po­li­tik ist bis­lang im Kern ei­ne Po­li­tik für den länd­li­chen Raum“, sagt Klös. Da­bei müss­ten die Städ­te in den Fo­kus ge­rückt wer­den, weil sich dort auch die Pro­blem­grup­pen, Al­lein­er­zie­hen­de und Mi­gran­ten, ver­stärkt nie­der­las­sen. Ne­ben der Qua­li­fi­zie­rung von Ar­beits­lo­sen schwebt dem IW auch ein Pro­gramm für über­schul­de­te Kom­mu­nen vor. Dies soll den Stadt­vä­tern ei­ne Sen­kung der oft ho­hen Ge­wer­be­steu­er­sät­ze er­mög­li­chen, die Un­ter­neh­men von ei­ner An­sied­lung ab­hal­ten. Auch die Un­ter­stüt­zung von Grün­dern und An­sied­lun­gen soll den Kom­mu­nen so er­mög­licht wer­den. Schließ­lich plä­diert das In­sti­tut für ei­ne Her­ab­sen­kung der Stan­dards für neue Wohn­bau­ten, da­mit wie­der aus­rei­chend be­zahl­ba­re Woh­nun­gen ge­schaf­fen wer­den kön­nen. Die voll­stän­di­ge Stu­die des In­sti­tuts der Deut­schen Wirt­schaft so­wie ei­ne Gra­fik über die Ein­kom­mens­ar­mut und die Kauf­kraft­ar­mut in Deutsch­land fin­den Sie un­ter schwa­ebi­sche.de/arm

FO­TO: DPA

Ve­sper­kir­che Stutt­gart, Ob­dach­lo­se sit­zen und lie­gen auf Kir­chen­bän­ken, wäh­rend an­de­re Be­su­cher zu Mit­tag es­sen: Je städ­ti­scher ei­ne Re­gi­on ge­prägt ist, des­to hö­her das Ar­muts­ri­si­ko.

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