Wenn Göt­ter sich lang­wei­len

Lah­mes Spek­ta­kel: Jac­ques Of­fen­bachs „Or­pheus in der Un­ter­welt“an der Oper Stutt­gart

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR - Von Wer­ner M. Grim­mel

STUTT­GART - Mit ei­ner Neu­in­sze­nie­rung von Jac­ques Of­fen­bachs Ope­ret­te „Or­pheus in der Un­ter­welt“hat Ar­min Pe­tras sein De­büt an der Staats­oper Stutt­gart ge­ge­ben. Der Pre­mie­ren­abend zeig­te, dass der Schau­spiel­in­ten­dant des Stutt­gar­ter Dreis­par­ten­hau­ses im Be­reich des Mu­sik­thea­ters noch nicht über die nö­ti­ge Er­fah­rung ver­fügt, um ein sol­ches Stück zün­dend auf die Büh­ne zu brin­gen. So misch­ten sich nach der Vor­stel­lung auch Buh­ru­fe für das Re­gie­team in den schnell ver­eb­ben­den Bei­fall. Mehr Ap­plaus er­hiel­ten die Ge­s­angs­so­lis­ten, der Chor und Chef­di­ri­gent Syl­vain Cam­bre­ling samt dem Staats­or­ches­ter Stutt­gart.

Tem­po spielt bei ei­nem Kom­po­nis­ten, der in zwei­ein­halb Jahr­zehn­ten an die 100 Büh­nen­wer­ke ge­schaf­fen hat, ei­ne zen­tra­le Rol­le. Al­lein im zwei­ten Halb­jahr 1855 brach­te der in Köln ge­bo­re­ne Wahl-Pa­ri­ser Jac­ques Of­fen­bach als Auf­takt zu sei­ner Ope­ret­ten­pro­duk­ti­on elf ei­ge­ne Ein­ak­ter auf die Büh­ne. Drei Jah­re spä­ter fei­er­te er mit sei­ner ers­ten abend­fül­len­den Opé­ra bouf­fe „Or­phée aux en­fers“ei­nen sen­sa­tio­nel­len Er­folg. Da ver­wun­dert es nicht, dass Ge­schwin­dig­keit als Grund­be­din­gung sei­ner Ar­beit zum in­te­gra­len We­sens­merk­mal sei­ner schnell auf ta­ges­po­li­ti­sche Er­eig­nis­se re­agie­ren­den Stü­cke und nicht zu­letzt sei­ner Mu­sik ge­wor­den ist. Orches­ter spielt zu laut Lei­der fehlt der Stutt­gar­ter Pro­duk­ti­on mu­si­ka­lisch über wei­te Stre­cken je­nes bei Of­fen­bach un­ab­ding­ba­re Tem­po, je­ne quir­li­ge Leich­tig­keit, je­ner rausch­haf­te Schwung, der in die Bei­ne geht. Das Orches­ter spielt stel­len­wei­se zu laut und er­reicht sel­ten den schlan­ken, par­odis­tisch ge­schärf­ten Klang, der hier an­ge­mes­sen wä­re. Auch der von Chris­toph Heil vor­be­rei­te­te Staats­opern­chor tönt bei al­ler Per­fek­ti­on manch­mal mehr nach Ora­to­ri­um als nach pfif­fi­ger Opern­sa­ti­re. Dass der Fun­ke von Of­fen­bachs Mu­sik nur sel­ten auf die Sze­ne über­springt und die Auf­füh­rung kei­nen Sog ent­wi­ckelt, ist nicht zu­letzt die­sem Man­gel an Leicht­fü­ßig­keit und Ele­ganz ge­schul­det.

Op­tisch kommt die Vor­stel­lung oh­ne­hin kaum in Fahrt. Su­san­ne Schu­bo­ths Büh­ne zeigt an­fangs ei­ne kar­ge Holz­wand. Da­vor steht ei­ne schmuck­lo­se Sitz­bank. Links vor­ne steigt ewig qual­men­der Rauch aus ei­ner Blech­ton­ne. Rechts führt ei­ne Lei­ter in ei­ne nicht min­der karg ein­ge­rich­te­te Un­ter­welt hin­un­ter. Zur Ou­ver­tü­re läuft ein schwarz-wei­ßer Stumm­film (Vi­deo: Re­bec­ca Rie­sel). Er er­zählt in ver­wa­ckel­ten Bil­dern ei­ne Vor­ge­schich­te, mit der Pe­tras uns die Ent­ste­hungs­zeit des Stücks ver­ge­gen­wär­ti­gen möch­te. Rie­si­ge Zahn­rä­der dre­hen sich à la Fritz Langs „Me­tro­po­lis“und ver­wei­sen auf die frü­he In­dus­tria­li­sie­rung, die be­reits im zwei­ten Kai­ser­reich von Na­po­le­on III. zu Mas­sen­ver­ar­mung führ­te.

Eu­ry­di­ke (Jo­se­fin Fei­ler mit teils for­cie­ren­dem, nicht im­mer ton­rei­nem Po­werso­pran und stö­ren­dem Ak­zent) ist ei­ne Nä­he­rin, die aus dem Sub­pro­le­ta­ri­at nach oben will. Sie hei­ra­tet den Mu­sik­leh­rer Or­pheus (Da­ni­el Klu­ge, des­sen Te­nor in der Hö­he an­ge­strengt klingt), lang­weilt sich je­doch bald und trifft sich zu Schä­fer­stünd­chen mit Ari­steus (An­dré Morsch), der sich schnell als Plu­to ent­puppt und sie in sei­ne Un­ter­welt ent­führt. Or­pheus ist er­freut. Nur die Öf­fent­li­che Mei­nung (Sti­ne Ma­rie Fi­scher) hat ihn von ei­ner Tren­nung ab­ge­hal­ten. Jetzt ver­langt sie auch noch, dass er bei Ju­pi­ter (gran­di­os: Micha­el Eb­be­cke) ih­re Aus­lie­fe­rung be­an­tragt. Dia­lo­gen fehlt es an Ra­s­anz Die Göt­ter lang­wei­len sich in ih­rer Him­mels­burg zu To­de. Di­nah Ehm (Ko­s­tü­me) hat sie in schrä­ge, un­an­sehn­li­che Fet­zen ge­steckt. Auf der Büh­ne aus­ge­stell­te Lan­ge­wei­le führt al­ler­dings un­wei­ger­lich auch zu Lan­ge­wei­le beim Pu­bli­kum. Den Schau­spie­lern An­dré Jung als Plu­tos Die­ner Styx und Max Si­mo­ni­schek als läs­si­ger Mars ge­lingt es im­mer­hin, vor­über­ge­hend Witz in die zä­he Vor­stel­lung zu brin­gen. Auch als join­trau­chen­der, kok­sen­der und Kleb­stoff aus der Plas­tik­tü­te schnüf­feln­der Bac­chus-Jun­kie zieht Si­mo­ni­schek ei­ne köst­li­che Show ab.

Ins­ge­samt je­doch fehlt es den von Pe­tras be­ar­bei­te­ten Dia­lo­gen an Ra­s­anz und Schlag­fer­tig­keit und der gan­zen Pro­duk­ti­on an aus­ge­las­se­ner Cham­pa­gner­lau­ne. Of­fen­bachs „ga­lop in­fer­nal“will sich in der von zu viel Sta­tik aus­ge­brems­ten Sze­ne ein­fach nicht zum fri­vo­len Can­can ent­wi­ckeln. Da hel­fen auch vier wir­beln­de Tän­zer in Skle­lett­kos­tü­men nicht wei­ter (Cho­reo­gra­fie: Be­rit Jentzsch). Ihr To­ten­tanz in düs­te­rer Un­ter­welt (Licht: Rein­hard Traub) bringt das flü­gel­lah­me Spek­ta­kel nur kurz auf Tr­ab. Wei­te­re Vor­stel­lun­gen: 9., 15., 17., 21. und 29. De­zem­ber, 2., 7., 20., 23. und 31. Ja­nu­ar. Kar­ten un­ter: www.oper-stutt­gart.de

FO­TO: MAR­TIN SIGMUND

Von we­gen aus­ge­las­se­ne Cham­pa­gner­lau­ne in Stutt­gart: Die Göt­ter lang­wei­len sich in ih­rer Him­mels­burg zu To­de – und da­mit auch die Zu­schau­er.

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