„Pa­pa, der Ni­ko­laus war da!“

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SIGMARINGEN -

Ein prä­gen­der Mo­ment mei­ner Kind­heit war ein 6. De­zem­ber Mit­te der 1990er-Jah­re, als ich durch Zu­fall er­fuhr, dass es den Ni­ko­laus gar nicht gibt. Ge­ahnt hat­te ich es schon ein Jahr zu­vor, aber ein Fünk­chen kind­li­cher Hoff­nung ließ mich dar­an fest­hal­ten, dass der Mann mit der selt­sam ver­stell­ten Stim­me und den zu­fäl­li­ger­wei­se glei­chen Le­der­schu­hen wie die mei­nes Groß­va­ters ein ech­ter Hei­li­ger war und kein mit­tel­mä­ßi­ger Schau­spie­ler, der mir selt­sam ver­traut vor­kam. Die Au­to­ri­tät, die die­se Fi­gur aus­strahl­te, der Hy­pe der Er­wach­se­nen um den Be­such und die Angst vor dem gol­de­nen Buch, in dem der Ni­ko­laus akri­bisch al­le Fehl­trit­te der Kin­der auf­lis­te­te, üb­ten ge­nug Druck aus, dass ich im­mer ar­tig Flö­te spiel­te und kei­ne Fra­gen stell­te, wenn er kam. Ich hin­ter­frag­te nicht, wie­so sein Bart aus­sah wie Wat­te und war­um sich mein Va­ter und der Ni­ko­laus nie zur sel­ben Zeit im glei­chen Raum auf­hiel­ten. All die Jah­re, so dach­te ich, hät­te mein Va­ter die­sen Mo­ment ver­passt. Eu­pho­risch be­rich­te­te ich ihm da­von im Nach­gang. An be­sag­tem Tag war ich be­son­ders schnell, stürm­te in den Kel­ler, wo ich mei­nen Va­ter im Ar­beits­zim­mer wähn­te, ihn je­doch da­bei er­tapp­te, wie er sich am Hin­ter­ein­gang die Mas­ke ab­nahm. Das Er­stau­nen war auf bei­den Sei­ten groß und wir muss­ten la­chen. Das war’s dann mit der Ko­s­tüm-Kar­rie­re mei­nes Va­ters. Aber mein Re­spekt da­vor, dass er sich Jahr für Jahr die Schu­he mei­nes Groß­va­ters an­ge­zo­gen hat­te, um den Schein zu wah­ren, ist ge­blie­ben. An­na-Le­na Buch­mai­er

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