Ex-Mi­nis­ter Bohl: „Eu­ro­pa tut uns gut“

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SIGMARINGEN -

SIGMARINGEN (sz) - Der ehe­ma­li­ge Kanz­ler­amts­mi­nis­ter Fried­rich Bohl ist zu Gast an der Hochschule Alb­stadt-Sigmaringen ge­we­sen. Im Rah­men der Vor­trags­rei­he „Wirt­schafts­prü­fung – Steu­er­be­ra­tung aktuell“re­fe­rier­te er zum The­ma Nied­rig­zins, EZB, Eu­ro, Br­ex­it – Vie­le Bau­stel­len in Eu­ro­pa – Wie geht es mit Eu­ro­pa wei­ter?“. Ein­ge­la­den hat­te Pro­fes­sor Dr. Jo­nas Ross­ma­nith von der Fa­kul­tät Bu­si­ness Sci­ence and Ma­nage­ment.

Mit ei­nem his­to­ri­schen Rück­blick auf die Ent­ste­hung der Eu­ro­päi­schen Uni­on führ­te Bohl die Zu­hö­rer im voll be­setz­ten Hör­saal an das The­ma her­an. Der Pro­zess von den An­fän­gen, über die Un­ter­zeich­nung der Rö­mi­schen Ver­trä­ge, hin zur Wäh­rungs­uni­on und den Lis­s­a­boner Ver­trä­gen sei kein ein­fa­cher ge­we­sen, sag­te Bohl. An Bei­spie­len wie der Po­li­tik des lee­ren Stuhls von Charles de Gaul­le in den 1960er-Jah­ren do­ku­men­tier­te Bohl ver­gan­ge­ne Rück­schlä­ge und Her­aus­for­de­run­gen.

„In der Po­li­tik ist nie et­was hun­dert­pro­zen­tig“, er­klär­te der eins­ti­ge Mi­nis­ter. Man müs­se in Eu­ro­pa im­mer wie­der nach neu­en und al­ter­na­ti­ven Lö­sun­gen su­chen. Für die jüngs­te Ent­schei­dung der Bri­ten zeig­te der ehe­ma­li­ge Po­li­ti­ker da­bei we­nig Ver­ständ­nis: Der Br­ex­it stel­le ei­nen ent­schei­den­den Schnitt für die EU dar, al­lein Deutsch­land ex­por­tie­re jähr­lich Wa­ren im Wert von 90 Mil­li­ar­den Eu­ro nach Groß­bri­tan­ni­en. Mit dem tat­säch­li­chen Aus­schei­den der Bri­ten ha­be nie­mand ge­rech­net und die wirt­schaft­li­chen Fol­gen sei­en noch nicht ab­seh­bar. Aber Eu­ro­pa wer­de auch das schaf­fen, meint Bohl zu­ver­sicht­lich. Der ehe­ma­li­ge Kanz­ler­amts­mi­nis­ter ist von Eu­ro­pa über­zeugt – auch weil „ei­ne Al­ter­na­ti­ve zur EU bru­tal aus­sieht“. Der Wohl­stand un­se­res Lan­des be­ru­he zum Groß­teil auf Eu­ro­pa, stell­te Bohl klar: „Eu­ro­pa tut uns gut.“Den wach­sen­den Po­pu­lis­mus in Eu­ro­pa und den USA be­ob­ach­tet er mit gro­ßer Sor­ge und hin­ter­fragt ver­meint­lich ein­fa­che Lö­sun­gen. So sei ein gi­gan­ti­sches In­ves­ti­ti­ons­pro­gramm in den USA oh­ne me­xi­ka­ni­sche Bau­ar­bei­ter bei­spiels­wei­se kaum zu be­wäl­ti­gen.

Gleich­zei­tig plä­dier­te Bohl für ei­nen ge­sun­den Rea­lis­mus. „Wir müs­sen uns die Di­men­sio­nen und Re­la­tio­nen un­se­rer Pro­ble­me klar­ma­chen“, meint Bohl. Wäh­rend sei­ner Zeit im Bun­des­kanz­ler­amt hät­ten zahl­rei­che De­le­ga­tio­nen aus Ent­wick­lungs­län­dern von Pro­ble­men wie Aids, Hun­ger und ho­her Kin­der­sterb­lich­keit be­rich­tet, wäh­rend man in Deutsch­land La­den­öff­nungs­zei­ten und Lohn­fort­zah­lun­gen dis­ku­tie­re. Wenn man bei der Lö­sung der Pro­ble­me an­de­rer Na­tio­nen nicht hel­fe, ist Bohl über­zeugt, wer­den vie­le der Pro­ble­me auch uns er­rei­chen. 70 Jah­re Frie­den in Eu­ro­pa sei­en kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit. „Wir kön­nen dank­bar sein für das, was wir er­reicht ha­ben und hof­fen, dass es noch ei­ne Wei­le so bleibt“.

FO­TO: HOCHSCHULE

Fried­rich Bohl

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