Sehn­sucht nach dem Amts­wech­sel

Gam­bi­sche Flücht­lin­ge in Ba­den-Würt­tem­berg set­zen gro­ße Hoff­nung in neu­en Prä­si­den­ten

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIR IM SÜDEN - Von Mark Häns­gen und Kat­ja Korf

RA­VENS­BURG - Zwei Drit­tel al­ler Asyl­be­wer­ber, die aus Gam­bia nach Deutsch­land ge­flo­hen sind, le­ben in Ba­den-Würt­tem­berg. Für sie klingt die Nach­richt aus ih­rer fer­nen Hei­mat wie ein Wun­der: 22 Jah­re lang re­gier­te Prä­si­dent Ya­hya Jam­meh das west­afri­ka­ni­sche Land mit ei­ser­ner Faust. Nun hat sein Volk de­mo­kra­tisch ent­schie­den, dass es den Neu­an­fang will. Der 51-jäh­ri­ge Au­to­krat muss im Ja­nu­ar sein Amt an Ada­ma Bar­row ab­ge­ben. Vie­le Gam­bier freu­en sich sehr über den über­ra­schen­den Wahl­aus­gang – sind gleich­zei­tig aber auch skep­tisch.

„Als ich die Nach­richt hör­te, muss­te ich so­fort wei­nen. Ich kann es im­mer noch nicht glau­ben“, sagt Bou­ba­car Kom­ma. Der Jour­na­list floh im Au­gust 2014 nach Deutsch­land, weil er in Gam­bia sei­ne Si­cher­heit be­droht sah. Dort pran­ger­te er in der Zei­tung „Dai­ly News“das kor­rup­te Sys­tem des klei­nen Lan­des an. Meh­re­re Tage ver­brach­te er im Ge­fäng­nis. Wie Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen be­kla­gen, wur­den wäh­rend Jam­mehs Re­gie­rungs­zeit vie­le Kri­ti­ker ein­ge­sperrt, ge­fol­tert, oh­ne Ur­teil hin­ge­rich­tet oder ver­schwan­den ein­fach. Noch kurz vor der Wahl ließ der De­s­pot De­mons­tra­tio­nen ver­bie­ten und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­diens­te ab­schal­ten. „Es war ei­ne schreck­li­che Zeit. Ein Be­kann­ter von mir ver­schwand 2006 und ist bis heu­te nicht wie­der auf­ge­taucht“, er­zählt Kom­ma, der mitt­ler­wei­le für die Deut­sche Post in Bad Wald­see ar­bei­tet. Der 28-Jäh­ri­ge möch­te zu­rück­keh­ren, so­bald der neue Prä­si­dent die Macht voll­stän­dig über­nom­men hat und Si­cher­heit ga­ran­tie­ren kann. Ada­ma Bar­row ist ein Im­mo­bi­li­en­un­ter­neh­mer, der sich für die na­tio­na­le Ein­heit und den wirt­schaft­li­chen Auf­schwung Gam­bi­as ein­set­zen will. Freu­de – und gleich­zei­tig Sor­ge „Bei den nach Deutsch­land ge­flo­he­nen Gam­bi­ern herrscht ei­ne gro­ße Freu­de über das uner­war­te­te Wah­l­er­geb­nis, aber auch ei­ne gro­ße Un­si­cher­heit“, sagt Ju­li­an Stai­ger vom Flücht­lings­rat Ba­den-Würt­tem­berg. Sie be­fürch­te­ten, der Re­gie­rungs­wech­sel ge­he nicht sau­ber über die Büh­ne. „Vie­le der Scher­gen und An­hän­ger des De­s­po­ten ha­ben Dreck am Ste­cken. Noch ist un­klar, wie sie mit ih­rer Nie­der­la­ge um­ge­hen wer­den“, er­läu­tert der 29-Jäh­ri­ge.

So­zi­al­ar­bei­ter Chris­ti­an Bre­her vom „Netz­werk Asyl“aus Wan­gen er­gänzt: „Die Gam­bier in Deutsch­land ha­ben noch im­mer ei­ne wahn­sin­ni­ge Angst da­vor, ab­ge­scho­ben zu wer­den.“Nie­mand den­ke an ei­ne Rück­kehr, so­lan­ge in Gam­bia die bis­he­ri­gen Ge­set­ze gel­ten. Nach gel­ten­dem Recht dro­he je­dem Gam­bier, der im Aus­land Asyl be­an­tragt hat, le­bens­lan­ge Haft. Nun ruht al­le Hoff­nung auf dem neu­en Prä­si­den­ten: Bar­row hat Pres­se­frei­heit, ei­ne trans­pa­ren­te Ver­wal­tung, ei­ne un­ab­hän­gi­ge Jus­tiz und die Frei­las­sung po­li­ti­scher Ge­fan­ge­ner an­ge­kün­digt.

Das ba­den-würt­tem­ber­gi­sche In­nen­mi­nis­te­ri­um will erst ein­mal ab­war­ten, wie sich die La­ge in Gam­bia ent­wi­ckelt. Laut ei­nem Spre­cher ste­hen die Zei­chen der­zeit gut, dass sich die Si­tua­ti­on sta­bi­li­siert. Der neue Prä­si­dent müs­se sich aber zu­nächst eta­blie­ren. Dar­über hin­aus sei es Sa­che der Bun­des­re­gie­rung und des Bun­des­amts für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge (Bamf ), die Ein­schät­zung zur La­ge in Gam­bia und mög­li­che Aus­wir­kun­gen auf Asyl­ver­fah­ren in Deutsch­land zu be­wer­ten.

In­nen­mi­nis­ter Tho­mas Strobl (CDU) hat­te be­reits vor der Ab­wahl des Prä­si­den­ten Ya­hya Jam­meh ge­for­dert, Gam­bia als si­che­res Her­kunfts­land ein­zu­stu­fen und da­mit Asyl­ver­fah­ren zu be­schleu­ni­gen. Doch um die­ses An­sin­nen et­wa im Bun­des­rat ein­zu­brin­gen oder ei­nem ent­spre­chen­den Ge­set­zes­vor­schlag in der Län­der­kam­mer zu­zu­stim­men, bräuch­te der In­nen­mi­nis­ter die Zu­stim­mung sei­nes grü­nen Re­gie­rungs­chefs Kret­sch­mann. Die­se war bis­lang äu­ßert frag­lich, nun könn­te sich die Aus­gangs­la­ge für ei­ne sol­che Ein­stu­fung je­doch än­dern.

5000 Asyl­an­trä­ge in die­sem Jahr Flücht­lings­hel­fer ma­chen zur­zeit mit ei­ner über­re­gio­na­len Ak­ti­ons­wo­che auf die dro­hen­de Ab­schie­bung der gam­bi­schen Asyl­be­wer­ber auf­merk­sam. „An­statt die Leu­te am liebs­ten schnellst­mög­lich ab­zu­schie­ben, wie es sich man­che Po­li­ti­ker wün­schen, soll­te man sie hier aus­bil­den, da­mit sie ih­rem Land spä­ter hel­fen kön­nen“, sagt Bre­her vom „Netz­werk Asyl“.

Zwei Drit­tel der 14 500 Gam­bier, die in Deutsch­land le­ben, woh­nen in Ba­den-Würt­tem­berg. Al­lein in die­sem Jahr wur­den nach Aus­kunft des Bamf deutsch­land­weit rund 5000 Asyl­an­trä­ge von Gam­bi­ern ge­stellt – mehr als 90 Pro­zent da­von im Süd­wes­ten, weil die An­trä­ge hier zen­tral von der Bamf-Au­ßen­stel­le in Karls­ru­he be­ar­bei­tet wer­den. Die Er­folgs­aus­sich­ten sind je­doch ge­ring. Nur rund 3,3 Pro­zent der An­trag­stel­ler er­hiel­ten im ers­ten Halb­jahr die­ses Jah­res Asyl.

Zu­letzt hat­te sich Strobl be­sorgt ge­äu­ßert, weil auf­fäl­lig vie­le Gam­bier in Ba­den-Würt­tem­berg beim Han­del mit Dro­gen er­wischt wer­den. Ihr An­teil an den Tat­ver­däch­ti­gen bei sol­chen De­lik­ten ist nach An­ga­ben sei­nes Mi­nis­te­ri­ums zwi­schen 2011 und 2015 um das 36-fa­che auf 8,33 Pro­zent (431 von 5174 Ver­däch­ti­gen) ge­stie­gen. Da­bei ma­chen sie nur 0,06 Pro­zent der in Ba­den-Würt­tem­berg le­ben­den Men­schen aus.

Auf ei­ne FDP-An­fra­ge nach der Rol­le gam­bi­scher Staats­bür­ger beim Rausch­gift­han­del in Ba­den-Würt­tem­berg teil­te das In­nen­mi­nis­te­ri­um An­fang No­vem­ber mit, dass ein­zel­ne nicht po­li­tisch oder an­der­wei­tig Ver­folg­te die lan­ge War­te­zeit beim Asyl­ver­fah­ren nut­zen, um kri­mi­nell zu wer­den. An­ge­sichts die­ser Si­tua­ti­on, zur Ent­las­tung des Asyl­sys­tems und zur Kon­zen­trie­rung auf wirk­lich hilfs­be­dürf­ti­ge Asyl­be­wer­ber und Flücht­lin­ge er­schei­ne es an­ge­bracht und ge­recht­fer­tigt, Gam­bia als si­che­res Her­kunfts­land ein­zu­stu­fen.

FO­TO: AFP

Ada­ma Bar­row hat die Prä­si­dent­schafts­wahl in Gam­bia ge­won­nen. Un­ter der Herr­schaft sei­nes Amts­vor­gän­gers sind vie­le Men­schen ge­flo­hen – et­wa 10 000 von ih­nen le­ben nun in Ba­den-Würt­tem­berg.

FO­TO: MAH

Bou­ba­car Kom­ma

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.