„Po­li­tik muss weg von Ent­schei­dun­gen, die auf dem Bauch­ge­fühl ba­sie­ren“

Tü­bin­ger Bil­dungs­for­scher Ul­rich Traut­wein über die not­wen­di­gen Kon­se­quen­zen aus der Pi­sa-Stu­die für Deutsch­land

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND -

STUTT­GART - Ul­rich Traut­wein (44) ist Pro­fes­sor für Em­pi­ri­sche Bil­dungs­for­schung an der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen. Ka­ra Ball­arin hat den re­nom­mier­ten For­scher (Fo­to: Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen) zu den Pi­sa-Er­geb­nis­sen be­fragt. Was hat Sie an den Er­geb­nis­sen für Deutsch­land über­rascht? Auf­merk­sam­keit ver­dient der Be­fund, dass sich der po­si­ti­ve Trend der Ver­gan­gen­heit nicht wei­ter ab­zeich­net. Über­rascht hat mich, wie un­ter­schied­lich Jungs und Mäd­chen in den Na­tur­wis­sen­schaf­ten ab­ge­schnit­ten ha­ben. Den­noch: Im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich er­rei­chen die deut­schen 15Jäh­ri­gen gu­te Er­geb­nis­se, oder? Den PI­SA-Schock aus dem Jahr 2000 hat Deutsch­land viel erns­ter ge­nom­men als an­de­re Län­der: Schwä­chen wur­den ana­ly­siert und Ver­bes­se­run­gen ein­ge­lei­tet. Des­halb kann man ins­ge­samt von ei­ner Er­folgs­bi­lanz spre­chen. Aber: Im Ver­gleich zu 2012 gibt es kei­nen wei­te­ren Auf­wärts­trend. Sie ha­ben jüngst kri­ti­siert, dass zu vie­le Re­for­men den Un­ter­richt er­schwe­ren. Wie macht man’s rich­tig? Die­se Be­mer­kun­gen be­zo­gen sich auf das un­be­frie­di­gen­de Ab­schnei­den Ba­den-Würt­tem­bergs im IQB-Bil­dungs­trend. Auf ei­ne zu lan­ge Zeit sta­gnie­ren­der Leis­tun­gen im Bil­dungs­be­reich un­ter CDU und FDP setz­ten Grü­ne und SPD di­rekt nach der Re­gie­rungs­über­nah­me 2011 vie­le Re­for­men um, die ideo­lo­gisch be­grün­det und schlecht ge­macht wa­ren. Ve­rän­de­run­gen an Struk­tu­ren kön­nen zwar po­si­ti­ve Ef­fek­te ha­ben. Aber wirk­lich ent­schei­dend ist, was im Un­ter­richt an­kommt: Kon­zen­trie­ren sich Lehr­kräf­te auf ihr Kern­ge­schäft, den Un­ter­richt? Und wie ent­wi­ckeln sie ih­re fach­li­chen und päd­ago­gi­schen Kom­pe­ten­zen wei­ter? Ver­gli­chen mit an­de­ren Län­dern gibt Deutsch­land nicht wirk­lich viel für Bil­dung aus. In Ba­denWürt­tem­berg wer­den aber im­mer mehr Leh­rer­stel­len ge­schaf­fen. Ei­ne gu­te Ent­wick­lung? Ei­ne Ver­klei­ne­rung von Klas­sen ist ei­ne der in­ef­fek­tivs­ten und teu­ers­ten Maß­nah­men. Um mehr Qua­li­tät in den Un­ter­richt zu be­kom­men, sind sys­te­ma­ti­sche Fort­bil­dungs­pro­gram­me viel­ver­spre­chen­der – je­den­falls dann, wenn sie an den wirk­li­chen Pro­ble­men an­set­zen. Ba­den-Würt­tem­berg muss bei der Aus- und Fort­bil­dung von Lehr­kräf­ten pro­fes­sio­nel­ler ar­bei­ten. Kul­tus­mi­nis­te­rin Su­san­ne Ei­sen­mann (CDU) will den Fo­kus auf Qua­li­tät an den Schu­len le­gen. Wor­auf kommt es da­bei an? Die Po­li­tik muss weg von Ent­schei­dun­gen, die auf hoch­flie­gen­den Ver­spre­chun­gen von selbst­er­nann­ten Heils­brin­gern so­wie dem Bauch­ge­fühl der Ent­schei­der ba­sie­ren. Gro­ße fach­li­che Ex­per­ti­se ist eben­so wich­tig wie ein ver­stärk­ter Ein­be­zug wis­sen­schaft­li­cher Er­kennt­nis­se. An­de­re Bun­des­län­der wie Ham­burg und Bay­ern nut­zen Da­ten aus Schul­leis­tungs­stu­di­en Bil­dungs­for­schung ef­fi­zi­en­ter. Der ehe­mals mas­si­ve Zu­sam­men­hang von so­zia­ler Her­kunft und Bil­dungs­er­folg ist et­was ge­sun­ken. Ein Grund zur Freu­de? Das ist eben­falls ei­ne Er­folgs­ge­schich­te. Vor al­lem durch die bes­se­re För­de­rung leis­tungs­schwä­che­rer Schü­ler ha­ben so­zi­al be­ding­te Un­ter­schie­de ab­ge­nom­men. Doch es sind wei­te­re An­stren­gun­gen nö­tig. Wich­tig ist ei­ne mög­lichst frü­he Dia­gnos­tik, um bei den Schü­lern Schwä­chen ge­zielt an­zu­ge­hen. Zu­gleich müs­sen stär­ke­re Schü­ler in ih­ren Be­ga­bun­gen ge­för­dert wer­den.

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