„Aus­zei­ten wer­den nicht mehr ge­nom­men“

Ar­beits­psy­cho­lo­ge Tim Ha­ge­mann über die Daim­ler-Prä­mie für be­son­ders ge­sun­de Mit­ar­bei­ter

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIRTSCHAFT -

RA­VENS­BURG - Daim­ler-Mit­ar­bei­ter, die nicht krank wer­den, könn­ten künf­tig mehr Geld auf dem Kon­to ha­ben: Über zwei Jah­re hat der Au­to­bau­er ei­nen so­ge­nann­ten An­we­sen­heits­bo­nus ge­tes­tet, wie ei­ne Kon­zern­spre­che­rin der „Schwä­bi­schen Zei­tung“jetzt be­stä­tig­te. Da­bei er­hal­ten nur Be­schäf­tig­te oh­ne Fehl­ta­ge die vol­le Gra­ti­fi­ka­ti­on. Chris­tin Hart­ard hat mit dem Bie­le­fel­der Ar­beits­psy­cho­lo­gen Tim Ha­ge­mann über die um­strit­te­ne Prä­mie ge­spro­chen. Was hal­ten Sie von dem Bo­nus? Das gro­ße Pro­blem an ei­ner sol­chen Prä­mie liegt si­cher im Prä­sen­tis­mus. Sprich: Mit­ar­bei­ter ge­hen zur Ar­beit, ob­wohl sie krank und nicht leis­tungs­fä­hig sind. Durch die Prä­mie könn­te die­ses Ver­hal­ten ge­för­dert wer­den. Stu­di­en be­le­gen aber, dass ein sol­cher Prä­sen­tis­mus zu er­heb­li­chen be­triebs­wirt­schaft­li­chen Schä­den füh­ren kann. Sie glau­ben al­so nicht, dass sich sich der An­we­sen­heits­bo­nus für Daim­ler fi­nan­zi­ell rech­nen wird? Mit­tel­fris­tig vi­el­leicht schon, aber auf lan­ge Sicht schät­ze ich das schwie­rig ein. Wer bei­spiels­wei­se trotz Er­käl­tung ar­bei­tet, er­höht das Ri­si­ko die Krank­heit zu ver­schlep­pen. Im schlimms­ten Fall kön­nen so­gar schwer­wie­gen­de Er­kran­kun­gen wie ei­ne Lun­gen­ent­zün­dung die Fol­ge sein, was dann na­tür­lich ei­nen län­ge­ren Aus­fall des Mit­ar­bei­ters be­deu­tet. Au­ßer­dem ist die Ge­fahr groß, dass so auch an­de­re Kol­le­gen an­ge­steckt wer­den und noch mehr Mit­ar­bei­ter ar­beits­un­fä­hig wer­den. Gera­de wer im Bü­ro tä­tig ist, geht trotz Er­käl­tung oft zur Ar­beit. Bei Daim­ler ar­bei­ten aber auch vie­le Men­schen in der Pro­duk­ti­on. Ist es in dem Be­reich noch ge­fähr­li­cher, Daim­ler prüft die Ein­füh­rung ei­nes so­ge­nann­ten An­we­sen­heits­bo­nus. Nach In­for­ma­tio­nen der „Schwä­bi­schen Zei­tung“aus Un­ter­neh­mens­krei­sen ist ein Mo­dell ge­plant, bei dem Mit­ar­bei­ter oh­ne Fehl­ta­ge ei­ne Prä­mie von 300 Eu­ro er­hal­ten. Pro Krank­heits­tag ver­rin­gert sich der Bo­nus um 50 Eu­ro. Zwei Jah­re lang hat das Un­ter­neh­men das Mo­dell in ei­ner Pi­lot­pha­se sich trotz Krank­heit zur Ar­beit zu schlep­pen? Si­cher­lich macht kör­per­li­che An­stren­gung ei­ne Ge­ne­sung noch schwie­ri­ger. Wer sich stark be­an­sprucht, ris­kiert bei­spiels­wei­se ei­ne Ent­zün­dung der Herz­mus­ku­la­tur. Aber ge­ne­rell gilt: Auch psy­chi­scher Stress setzt dem Kör­per zu. Den gibt es im Bü­ro, aber auch in der Mon­ta­ge in Bre­men, Kassel und Stutt­gart ge­tes­tet. Nun be­fin­de man sich in Ver­hand­lun­gen mit dem Be­triebs­rat, so ei­ne Daim­ler-Spre­che­rin. Wie sich die Krank­heits­ta­ge in die­ser Zeit ent­wi­ckelt ha­ben, da­zu macht der Kon­zern kei­ne An­ga­ben. Auch der Be­triebs­rat will kei­ne Stel­lung be­zie­hen. „Sol­che Bo­nus-Mo­del­le sind im­mer dann in­ak­zep­ta­bel, wenn sie be- durch Zeit­druck oder Lärm. Wer be­ruf­lich un­ter Strom steht, schüt­tet Stress­hor­mo­ne aus, die für den Mo­ment leis­tungs­fä­hig ma­chen und erst mal sug­ge­rie­ren, dass man fit ist. Das ist al­ler­dings ein Trug­schluss. Er­höht der Bo­nus den psy­chi­schen Druck auf die Mit­ar­bei­ter? Man för­dert na­tür­lich ei­ne Un­ter­neh­mens­kul­tur, ste­hen­des Ent­gelt er­set­zen“, sagt Pe­tra Ot­te, Spre­che­rin der IG Me­tall Ba­den-Würt­tem­berg. Das trä­fe nach In­for­ma­tio­nen der IG Me­tall bei Daim­ler nicht zu. Die Prä­mie sei wäh­rend des Pi­lot­ver­suchs zu­sätz­lich ge­zahlt wor­den. Al­ler­dings wür­den sol­che Bo­nus-Re­ge­lun­gen auf Dau­er meist nicht zu ei­ner nied­ri­ge­ren Krank­heits­quo­te bei­tra­gen. Des­halb sei es sinn­vol­ler, das in der drin­gend be­nö­tig­te Aus­zei­ten nicht mehr ge­nom­men wer­den. Au­ßer­dem im­pli­ziert das Mo­dell, dass Daim­ler da­von aus­geht, dass mach ei­ner zu Hau­se bleibt, ob­wohl er vi­el­leicht doch zur Ar­beit kom­men könn­te. Was da­bei über­se­hen wird: Es gibt auch chro­nisch kran­ke Mit­ar­bei­ter oder sol­che, die ein­fach an­fäl­li­ger sind für Krank­hei­ten. Geld in Ge­sund­heits­prä­ven­ti­on wie die er­go­no­mi­sche Gestal­tung von Ar­beits­plät­zen zu in­ves­tie­ren. „Der im Rah­men der Ver­ein­ba­rung vor­ge­se­he­ne Gesundheitscheck ist al­ler­dings aus­drück­lich po­si­tiv zu be­wer­ten“, sagt Ot­te wei­ter. Ge­meint ist ei­ne an das Prä­mi­enMo­dell ge­kop­pel­te Vor­sor­ge­un­ter­su­chung, die al­le Mit­ar­bei­ter kos­ten­los er­hal­ten sol­len. (ch)

„Das Mo­dell im­pli­ziert, dass Daim­ler da­von aus­geht, dass manch ei­ner zu Hau­se bleibt, ob­wohl er doch zur Ar­beit kom­men könn­te.“Pro­fes­sor Tim Ha­ge­mann über die Ri­si­ken, die mit dem Daim­ler-Bo­nus ver­bun­den sind.

FO­TO: PRI­VAT

Tim Ha­ge­mann forscht an der Fach­hoch­schu­le Bie­le­feld zum The­ma Ar­beits- und Ge­sund­heits­psy­cho­lo­gie. Das von Daim­ler ge­plan­te Prä­mi­en-Mo­dell sieht er kri­tisch.

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