Atom­aus­stieg wird zum Bu­me­rang

Karls­ru­her Ver­fas­sungs­rich­ter bil­li­gen den Strom­kon­zer­nen Ent­schä­di­gun­gen zu

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - WIRTSCHAFT - Von Clau­dia Korn­mei­er und An­ja Sem­mel­roch

BER­LIN/ES­SEN (dpa) - Seit der Re­ak­tor­ka­ta­stro­phe von Fu­kus­hi­ma im Jahr 2011 ist be­sie­gelt: Nach 2022 soll in Deutsch­land kein Kern­kraft­werk mehr am Netz sein. Ei­ne Ent­eig­nung der Kon­zer­ne? So weit ge­hen die Ver­fas­sungs­rich­ter in Karls­ru­he nicht. Nach dem Ur­teil vom Di­ens­tag steht aber fest: Leer aus­ge­hen dür­fen die Ener­gie­kon­zer­ne nicht.

Wor­um ging es in Karls­ru­he? Um die atom­po­li­ti­sche Kehrt­wen­de 2011. Da­mals rei­ßen Uni­on und FDP un­ter dem Ein­druck der Re­ak­tor­ka­ta­stro­phe im ja­pa­ni­schen Fu­kus­hi­ma das Ru­der her­um. We­ni­ge Mo­na­te zu­vor ha­ben sie den rot-grü­nen Atom­aus­stieg von 2002 noch um Jah­re ge­streckt und bei den Rest­strom­men­gen or­dent­lich drauf­ge­sat­telt. Das ist die Men­ge Strom, die die Be­trei­ber noch pro­du­zie­ren dür­fen. Jetzt wird im Hau­ruck-Ver­fah­ren be­sie­gelt, dass En­de 2022 Schluss ist mit der Atom­kraft. Bis da­hin muss Mei­ler für Mei­ler vom Netz, zu fest­ge­leg­ten Ter­mi­nen. Die Kon­zer­ne spre­chen von ei­ner Ent­eig­nung und le­gen Ver­fas­sungs­be­schwer­de ein.

Was sagt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt jetzt da­zu? Von ei­ner Ent­eig­nung will Karls­ru­he nicht spre­chen. Im We­sent­li­chen ha­be der be­schleu­nig­te Atom­aus­stieg vor dem Grund­ge­setz Be­stand, sag­te Vi­ze­ge­richts­prä­si­dent Fer­di­nand Kirch­hof. Die Re­ge­lun­gen sei­en weit­ge­hend zu­mut­bar. Denn der Ge­setz­ge­ber ha­be Ge­mein­wohl­be­lan­ge von ho­hem Wert ver­folgt – wie die Ge­sund­heit der Be­völ­ke­rung und den Schutz der na­tür­li­chen Le­bens­grund­la­gen. Er durf­te den Kurs­wech­sel auch mit dem Un­glück in Ja­pan be­grün­den. Zwar er­ga­ben sich da­durch für die Ge­fah­ren in Deutsch­land kei­ne neu­en Er­kennt­nis­se. Bei ei­ner Hoch­ri­si­ko­tech­no­lo­gie darf aber auch be­rück­sich­tigt wer­den, dass sich al­lein das öf­fent­li­che Ri­si­ko­be­wusst­sein ge­än­dert hat.

Wo­für steht den Kon­zer­nen trotz­dem ei­ne Ent­schä­di­gung zu? Hier ma­chen die Rich­ter Un­ter­schie­de, zum Bei­spiel bei den Strom­men­gen. RWE und Vat­ten­fall steht ein Aus­gleich zu, weil sie we­gen der Ab­schalt­ter­mi­ne selbst Men­gen von 2002 nicht mehr zu Geld ma­chen kön­nen. Dar­auf hät­ten bei­de laut Ur­teil aber ver­trau­en dür­fen. Die Ex­tra­men­gen, die es 2010 gab, durf­ten da­ge­gen oh­ne Kom­pen­sa­ti­on ge­stri­chen wer­den – hier hät­ten die Kon­zer­ne nur von ei­ner po­li­ti­schen Ent­schei­dung pro­fi­tiert. Ent­schä­digt wer­den müs­sen die Un­ter­neh­men aber für In­ves­ti­tio­nen, die sie zwi­schen De­zem­ber 2010 und März 2011 ge­tä­tigt ha­ben. Da­zu durf­ten sie sich durch den zwi­schen­zeit­li­chen Po­li­tik­wech­sel von Schwarz-Gelb er­mu­tigt füh­len, so die Rich­ter. Wie hoch sind die Schä­den? Mit Blick auf die Strom­men­gen lie­fert das Ur­teil da­für zu­min­dest An­halts­punk­te. Vat­ten­fall ver­liert dem­nach vier­ein­halb durch­schnitt­li­che Jah­res­pro­duk­tio­nen ei­nes Kern­kraft­werks. Bei RWE sind es et­wa vier Jah­res­pro­duk­tio­nen. Weil die Mei­ler aber zeit­wei­se et­wa we­gen War­tungs­ar­bei­ten ab­ge­schal­tet wer­den, rech­nen Atom­ex­per­ten mit ei­nem Scha­den­er­satz von ins­ge­samt nicht mehr als 2,5 Mil­li­ar­den Eu­ro. Die Rich­ter se­hen die bei­den da­mit auch ge­gen­über den Kon­kur­ren­ten Eon und EnBW im Nach­teil, die ih­re Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten noch kom­plett zu Geld ma­chen kön­nen. Eon hat nach ei­ge­nen An­ga­ben im Ver­trau­en in die schwarz-gel­be Ener­gie­po­li­tik noch Hun­der­te Mi­lio­nen Eu­ro in­ves­tiert.

Wie könn­te die Ent­schä­di­gung aus­se­hen? Es muss nicht un­be­dingt Geld sein. Das Ver­fas­sungs­ge­richt nennt ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten: So könn­ten die Lauf­zei­ten ein­zel­ner Kraft­wer­ke ver­län­gert wer­den. Denk­bar wä­re auch, ei­nem Kon­zern, der sei­ne Pro­duk­ti­ons­rech­te nicht mehr voll nut­zen kann, zu er­lau­ben, die­se Rech­te an ein Un­ter­neh­men wei­ter­zu­ge­ben, das noch Ka­pa­zi­tä­ten hat. Dem Ge­setz­ge­ber bleibt es nach dem Ur­teil aber un­be­nom­men, ei­nen an­ge­mes­se­nen

FO­TO: RASEMANN

AKW im baye­ri­schen Gund­rem­min­gen: Das von RWE und Eon be­trie­be­ne Kern­kraft­werk ist das leis­tungs­stärks­te in Deutsch­land.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.