G’nug Grach g’macht

En­de 2017 ist Schluss mit Grach­mu­si­koff – 38 Jah­re stan­den die Mu­si­ker auf der Büh­ne

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - BAD SCHUSSENRIED/KREIS SIGMARINGEN - Von Ka­trin Bölst­ler

BAD SCHUS­SEN­RIED - Der Ter­min für das al­ler­letz­te Grach­mu­si­kof­fKon­zert steht fest. Am 28. De­zem­ber 2017 wer­den die Schwa­ben­ro­cker aus Bad Schus­sen­ried sich im Tü­bin­ger Sud­haus von ih­ren Fans ver­ab­schie­den.

Bis da­hin soll es je­doch noch je­de Men­ge an­de­re Kon­zer­te ge­ben, wie vie­le, wis­sen die Mu­si­ker selbst noch nicht genau. „Seit wir be­kannt ge­ge­ben ha­ben, dass wir auf­hö­ren, kön­nen wir uns vor An­fra­gen kaum mehr ret­ten“, er­zählt Gi­tar­rist Han­si Fink. Seit 38 Jah­ren steht er mit den ein­ei­igen Zwil­lin­gen Alex­an­der und Ge­org Kö­ber­lein auf der Büh­ne „und noch nie ha­be ich so gut Gi­tar­re ge­spielt wie jetzt“, so Fink. Wenn es nach ihm gin­ge, die Band wür­de wei­ter­ma­chen. Rock ’n’ Roll bis zum Schluss. Kei­ne Row­dys Doch die Brü­der ha­ben ent­schie­den, es ist Zeit, in Ren­te zu ge­hen. „Im Ge­gen­satz zu Bands wie BAP ha­ben wir kei­ne Row­dys, wir müs­sen al­les selbst auf­bau­en, al­les schlep­pen und wir fah­ren je­den Abend nach dem Kon­zert nach Hau­se“, sagt Alex­an­der Kö­ber­lein. Als er be­ginnt auf­zu­zäh­len, wo es da­bei im Kör­per in­zwi­schen über­all zwickt, ver­liert die Re­por­te­rin schnell den Über­blick. Me­tall­tei­le im Hals, Pro­ble­me mit den Hüf­ten – das Al­ter macht sich mit 65 Jah­ren bei den Brü­dern deut­lich be­merk­bar. Ein Wun­der ist das je­doch nicht, denn die Jungs ha­ben es in all den Jah­ren or­dent­lich kra­chen las­sen. Was sie da­bei stets zu­sam­men­ge­schweißt hat, ist die ge­mein­sa­me Kind­heit – und das Stre­ben, die Mu­sik zum Le­bens­mit­tel­punkt zu ma­chen. Al­le drei wuch­sen in der der­sel­ben Sied­lung in Bad Schus­sen­ried auf. Kö­ber­leins El­tern wa­ren Wol­ga­deut­sche, Finks Mut­ter Su­de­ten­deut­sche. Zu Hau­se wur­de mit den El­tern im ur­sprüng­li­chen Dia­lekt ge­spro­chen, doch im Kin­der­gar­ten und dann spä­ter beim Fuß­ball und in der Stadt­ka­pel­le nur noch schwä­bisch. „Be­geis­tert wa­ren un­se­re El­tern dar­über nicht, für sie wa­ren wir kei­ne rich­ti­gen Schwa­ben“, er­in­nert sich Alex­an­der Kö­ber­lein. Die Idee, auf Schwä­bisch zu sin­gen, kam den jun­gen Mu­si­kern 1978. Bei ei­ner De­mons­tra­ti­on ge­gen die Schlie­ßung des Ju­gend­hau­ses in Bad Schus­sen­ried trug Ge­org zum ers­ten Mal sei­ne Ver­si­on des Lieds „Ma­rie­chen saß wei­nend im Gar­ten“vor – im hei­mi­schen Wohn­zim­mer hat­te er es zu­vor zu „D’Ma­rie hockt dus­sa ond plä­ret“um­ge­dich­tet. Als Alex­an­der sei­nen Bru­der sin­gen hör­te, sei das für ihn wie ei­ne Er­leuch­tung ge­we­sen. „Udo Lin­den­berg war der Ers­te, der es ge­schafft hat­te, Mit­te der 70er mit sei­nem Slang den deut­schen Schla­ger zu zer­bre­chen. Das klang nach Rock’n’Roll, das war end­lich gei­le Mu­sik“, er­in­nert er sich. „Genau sol­che Mu­sik woll­ten wir auch ma­chen, nur eben auf Schwä­bisch. Denn das, was Wol­le Kri­wa­n­ek da mach­te mit sei­nem Stutt­gar­ter Schwä­bisch, da­mit konn­ten wir uns über­haupt nicht iden­ti­fi­zie­ren.“ Die ers­te Tour Die Brü­der hol­ten Han­si Fink mit ins Boot und ge­mein­sam ging es auf Tour quer durch ganz Ba­den-Würt­tem­berg. Al­le drei hat­ten mitt­ler­wei­le Mu­sik auf Lehr­amt stu­diert, vor al­lem Alex­an­der wäh­rend des Stu­di­ums in Reut­lin­gen zahl­rei­che Kon­tak­te in der Mu­si­ker­sze­ne in Tü­bin­gen ge­knüpft. Die 70er und 80er wa­ren für die Band ei­ne wil­de Zeit, man­ches Stra­ßen­kon­zert wur­de von der Po­li­zei auf­ge­löst. Als Ge­org sich dann ei­ne Zeit­lang mehr auf sei­ne jun­ge Fa­mi­lie kon­zen­trie­ren woll­te – was nicht lan­ge an­hielt –, grün­de­te sein Bru­der Schwoiß­fuaß. Die Band griff ei­ni­ge Lie­der von Grach­mu­si­koff auf und ar­ran­gier­te sie neu, „die Mu­sik der Klamp­fen­grup­pe wur­de nun von ei­ner ech­ten Rock­band ge­spielt“, wit­zelt Alex­an­der Kö­ber­lein im In­ter­view.

Heu­te, Jahr­zehn­te spä­ter, ist es um­ge­kehrt. Lie­der, die der Mu­si­ker ur­sprüng­lich für Schwoiß­fuaß schrieb, sind in­zwi­schen im Büh­nen­pro­gramm von Grach­mu­si­koff ge­lan­det. In­halt­lich ist das Re­per­toire der Band da­bei in­zwi­schen ex­trem breit auf­ge­stellt. Mit Lie­dern wie „Oi­ner isch em­mer dr Arsch“gab die Band einst der Ju­gend ei­ne Stim­me. Mit „St. Magnus“wid­me­ten sie dem Schutz­pa­tron von Bad Schus­sen­ried ei­nen Song und the­ma­ti­sier­ten da­mit auch die Angst vor der Beich­te und ih­ren Re­spekt vor der Re­li­gi­on. Im „Li­ad vom Bau­rag­riag“be­fass­te sich Ge­org mit der Ver­gan­gen­heit Ober­schwa­bens. Das neue Al­bum, das die Band der­zeit auf­nimmt, be­schreibt Alex­an­der als ei­nen Mix aus „Pol­ka und Ska, ein biss­chen Queen und John­ny Cash“.

1982 hat­te das gro­ße Mu­sik-La­bel EMI Schwoiß­fuaß ei­nen Plat­ten­ver­trag an­ge­bo­ten – es hät­te der ganz gro­ße Durch­bruch wer­den kön­nen. Die Band lehn­te je­doch ab, „wir ha­ben da­mals selbst­stän­dig 10 000 Plat­ten im Mo­nat ver­kauft, ge­nau­so viel wie BAP. EMI stand für uns für das bö­se Esta­blish­ment“, er­klärt Alex­an­der rück­bli­ckend die Ent­schei­dung. Be­reut ha­be er sie bis heu­te nicht. Die Mu­si­ker sind bo­den­stän­dig ge­blie­ben und zu­frie­den da­mit. Han­si Fink wohnt in­zwi­schen in All­manns­wei­ler, Ge­org wie­der in Bad Schus­sen­ried. Sein Bru­der Alex­an­der hat sei­ne Hei­mat in der Nä­he von Tü­bin­gen ge­fun­den. Zum In­ter­view ka­men sie al­le im Ca­fé An­del­fin­ger in Bad Schus­sen­ried zu­sam­men – un­weit des Orts, an dem al­les be­gann.

Das al­ler­letz­te Kon­zert fin­det am 28. De­zem­ber im Sud­haus in Tü­bin­gen statt, das letz­te Fan­tref­fen am 29. April in Win­ter­stet­ten­dorf. Be­ginn ist um 21 Uhr im Fest­zelt. Mit da­bei ist Schwoiß­fuaß-Mund­har­mo­ni­ka­spie­ler Riedel Die­gel. Heu­te Abend spielt die Band um 21 Uhr im „Uh­len­spie­gel“in Ru­tes­heim, am 10. De­zem­ber im „Kul­tur­haus Klos­ter“in Horb.

FO­TO: AR­CHIV

Im­mer noch Freun­de, im­mer noch Mu­si­ker mit Leib und See­le (v.l.): Alex­an­der und Ge­org Kö­ber­lein und Han­si Fink.

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