CDU-Ba­sis stellt sich quer

Flücht­lings- und Aus­län­der­po­li­tik be­stimmt Par­tei­tag – En­de des Dop­pel­pas­ses ge­for­dert

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Sa­bi­ne Lenn­artz

ES­SEN - Das war knapp: Mit 51,5 Pro­zent Nein-Stim­men hat der CDUPar­tei­tag in Es­sen am Mitt­woch die Emp­feh­lung der Par­tei­spit­ze ver­wor­fen und be­schlos­sen, die so­ge­nann­te Op­ti­ons­pflicht bei der dop­pel­ten Staats­bür­ger­schaft wie­der ein­zu­füh­ren. Und das ge­gen die aus­drück­li­che War­nung von Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re.

Das soll be­deu­ten, dass Aus­län­der in Deutsch­land sich wie­der ent­schei­den sol­len, wel­che Staats­an­ge­hö­rig­keit sie ha­ben wol­len. „Zwei Her­ren zu die­nen, ist im­mer schwie­rig“, sagt da­zu der CDU-Be­zirks­vor­sit­zen­de Würt­tem­berg-Ho­hen­zol­lern, Tho­mas Ba­reiß. Die Ent­schei­dung ge­gen die dop­pel­te Staats­bür­ger­schaft sei des­halb rich­tig. Denn sie sei ein In­te­gra­ti­ons­hin­der­nis. „Wer sei­ne Zu­kunft in Deutsch­land sieht, muss sich oh­ne Wenn und Aber zu un­se­rem Land be­ken­nen“, so Ba­reiß. An­trag der Jun­gen Uni­on Die Jun­ge Uni­on hat­te sich zu­vor in ih­rem An­trag an den Par­tei­tag für die „Ab­schaf­fung der Be­frei­ung von der Op­ti­ons­pflicht für in Deutsch­land ge­bo­re­ne Kin­der von aus­län­di­schen El­tern“aus­ge­spro­chen. Die Ab­schaf­fung der so­ge­nann­ten Op­ti­ons­pflicht wur­de 2014 auf Wunsch des Ko­ali­ti­ons­part­ners SPD be­schlos­sen, bei den Ver­hand­lun­gen soll da­mals vor al­lem CSU-Chef Horst See­ho­fer fe­der­füh­rend ge­we­sen sein.

Der Pro­test von den So­zi­al­de­mo­kra­ten kam ei­ne Mi­nu­te nach der Be­schluss­fas­sung in Es­sen: Die CDU voll­zie­he ih­ren Rechts­ruck oh­ne Rück­sicht auf Ver­lus­te und auf die Aus­gren­zung jun­ger Men­schen und Fa­mi­li­en. „Die Wie­der­ein­füh­rung des Op­ti­ons­zwan­ges wür­de die In­te­gra­ti­on ver­hin­dern und jun­ge Men­schen, die in Deutsch­land ih­re Hei­mat se­hen, vor den Kopf sto­ßen“, är­ger­te sich SPD-Vi­ze Steg­ner.

Von der par­la­men­ta­ri­schen Ge­schäfts­füh­re­rin der SPD-Frak­ti­on, Chris­ti­ne Lam­brecht, kam um­ge­hend die An­sa­ge: Mit der SPD wer­de nichts ge­än­dert. We­nig spä­ter dann mel­de­te sich auch SPD-Par­tei­chef Sig­mar Ga­b­ri­el zu Wort. „Das ist ein schlim­mer Be­schluss“, sag­te der Vi­ze­kanz­ler in Ber­lin. Die Kanz­le­rin und CDU-Vor­sit­zen­de An­ge­la Mer­kel ha­be sich ihr Wie­der­wahl­er­geb­nis beim Par­tei­tag von 89,5 Pro­zent „er­kauft“, in­dem sie den in­ner­par­tei­li­chen Geg­nern ih­rer Flücht­lings­po­li­tik die in Deutsch­land ge­bo­re­nen Kin­der aus­län­di­scher El­tern op­fe­re, kri­ti­sier­te der Vi­ze­kanz­ler. Ganz so war es aber nicht, denn de Mai­ziè­re hat­te ge­wiss im Ein­ver­neh­men mit der Kanz­le­rin den Be­schluss in Es­sen zu ver­hin­dern ver­sucht. Der In­nen­mi­nis­ter hat­te in die De­bat­te ein­ge­grif­fen und ein­dring­lich ge­mahnt, es sei „nicht schön“, ei­nen Kom­pro­miss wie­der zu kip­pen.

Er ken­ne auch kei­nen mög­li­chen Ko­ali­ti­ons­part­ner, mit dem die CDU das Vo­tum ge­gen die dop­pel­te Staats­bür­ger­schaft durch­set­zen könn­te, sag­te de Mai­ziè­re. Au­ßer­dem sto­ße man be­trof­fe­ne jun­ge Men­schen vor den Kopf, die in Deutsch­land auf­ge­wach­sen sei­en. Die CDU blei­be auch mit dem Kom­pro­miss grund­sätz­lich ge­gen die dop­pel­te Staats­bür­ger­schaft, ak­zep­tie­re aber Aus­nah­men: „Wir wol­len das nicht rück­ab­wi­ckeln.“

Doch die­se War­nun­gen hal­fen nicht. Ko­ali­tio­nen sei­en das ei­ne und die CDU das an­de­re, er­klär­te das CDU-Prä­si­di­ums­mit­glied Jens Spahn. Und die­ser Be­schluss zei­ge, „was wir als Par­tei wol­len“. Kau­der be­schwich­tigt Da­nach ver­such­te Volker Kau­der, Uni­ons­frak­ti­ons­chef im Bun­des­tag, noch die Wo­gen zu glät­ten. „Be­schlüs­se des Bun­des­par­tei­tags wer­den na­tür­lich in der Frak­ti­on auf­ge­nom­men“, sag­te er, schränk­te aber ein, dass man die­se Be­schlüs­se mit dem Ko­ali­ti­ons­part­ner be­spre­chen müs­se. Kau­der bat sei­ne Par­tei­kol­le­gen um Ver­ständ­nis, dass man nicht er­war­ten kön­ne, die Po­si­ti­on gleich mor­gen oder über­mor­gen in ei­nen Ge­set­zes­text zu über­neh­men. Aber die Be­schlüs­se in Es­sen könn­ten in ei­nem zu­künf­ti­gen Re­gie­rungs­pro­gramm das Pro­fil der CDU ver­deut­li­chen. „Wir sind in den nächs­ten Mo­na­ten in ers­ter Li­nie dar­auf be­dacht, dass wir die Vor­aus­set­zun­gen für ei­nen Wah­l­er­folg 2017 schaf­fen.“

An­ge­la Mer­kel mel­de­te sich erst am En­de des Par­tei­tags zu Wort. Als die De­le­gier­ten be­reits ih­re Kof­fer und Män­tel ab­hol­ten, um die Gru­gaHal­le zu ver­las­sen und zu­rück in ih­re Hei­mat zu rei­sen, da mach­te die Kanz­le­rin vor Jour­na­lis­ten deut­lich, dass sie von dem Be­schluss zur dop­pel­ten Staats­bür­ger­schaft gar nichts hält. „Für das Re­gie­rungs­han­deln wird sich jetzt nichts än­dern“, sag­te Mer­kel. Und straf­te da­mit man­che Be­ob­ach­ter, die ei­ne Wie­der­an­nä­he­rung von Par­tei­che­fin und Par­tei aus­mach­ten, erst ein­mal Lü­gen.

FOTO: DPA

Uni­ons­frak­ti­ons­chef Volker Kau­der (CDU) ver­sucht, auf dem CDU-Par­tei­tag die Wo­gen nach der Dop­pel­pass-Ent­schei­dung zu glät­ten.

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