Ein töd­li­cher Schuss

Pro­zess­auf­takt: Mann er­schießt Elf­jäh­ri­ge in der Sil­ves­ter­nacht

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - PANORAMA - Von So­phie Rohr­mei­er

BAM­BERG (dpa) - In der Sil­ves­ter­nacht fei­ert ein elf­jäh­ri­ges Mäd­chen in Bay­ern auf der Stra­ße. Bis ei­ne Re­vol­ver­ku­gel sie töd­lich trifft. Der Schüt­ze be­strei­tet beim Pro­zess­auf­takt ei­ne vor­sätz­li­che Tat.

Drau­ßen fei­ern die Men­schen Sil­ves­ter, in ei­nem Haus in Bay­ern aber steigt ein Mann in sei­nen Kel­ler. Er geht zu sei­nem Waf­fen­schrank, füllt Pa­tro­nen in sei­nen Re­vol­ver, geht in den Gar­ten und feu­ert. Drei- oder vier­mal. Er kehrt zu­rück ins Haus, rei­nigt die Waf­fe und schläft ein. So be­schreibt der Schüt­ze das Ge­sche­hen beim Pro­zess­auf­takt am Mitt­woch vor dem Land­ge­richt Bam­berg. Der Vor­wurf: Mord. Denn ei­ne der Ku­geln trifft ein elf Jah­re al­tes Mäd­chen in den Hin­ter­kopf. Es stirbt.

Das Mäd­chen hieß Ja­ni­na. Mit drei an­de­ren Mäd­chen und zwei Frau­en hat­te es im un­ter­frän­ki­schen Dorf Un­ter­schleichach ins neue Jahr ge­fei­ert. Ge­gen ein Uhr trifft Ja­ni­na die Ku­gel. Ei­ne mehr­stün­di­ge No­tope­ra­ti­on kann sie nicht mehr ret­ten.

Der Pro­zess, der ih­ren Tod auf­klä­ren soll, be­ginnt am Ge­burts­tag des An­ge­klag­ten. 54 Jah­re wird der Mann, ein ge­lern­ter Mau­rer, der zu­letzt als Fah­rer für ei­ne Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt ar­bei­te­te. Ja­ni­nas Mut­ter – ganz in Schwarz – sitzt nur we­ni­ge Me­ter von ihm ent­fernt, sie ist Ne­ben­klä­ge­rin in dem Pro­zess. Als Ober­staats­an­walt Ot­to Hey­der die An­kla­ge ver­liest, weint sie. Da­nach wirkt sie ge­fasst, sieht den An­ge­klag­ten an, mit ver­schränk­ten Ar­men.

Vier Waf­fen hat­ten Po­li­zis­ten bei dem Schüt­zen si­cher­ge­stellt. „Bes­ser wär’s ge­we­sen, ich hät­te den Scheiß ver­kauft“, sagt der An­ge­klag­te vor Ge­richt. Frü­her ha­be er im Krie­ge­rund Sol­da­ten­ver­ein re­gel­mä­ßig ge­schos­sen. Seit Jah­ren aber schie­ße er gar nicht mehr, auch nicht in der JVA. Dort hät­te er ei­gent­lich re­gel­mä­ßig das Schie­ßen üben sol­len, aber er woll­te das nicht, sagt er vor Ge­richt. Sei­ne Hän­de zit­ter­ten zu sehr. Ja­ni­nas Mut­ter schüt­telt den Kopf.

Der Mann ist krank, er hat Ma­gen­und Lun­gen­ope­ra­tio­nen hin­ter sich. Star­ke Schmerz­mit­tel, Schlaf­ta­blet­ten und ein An­ti­de­pres­si­vum sind sei­ne täg­li­chen Hel­fer. Das Zit­tern lä­ge an den Ner­ven, sagt er. An je­nem Sil­ves­ter­abend ist er al­lein. Sein 15-jäh­ri­ger Sohn lebt bei der Mut­ter, das Paar hat­te sich 2010 ge­trennt. Er sei auf der Couch ein­ge­schla­fen. Als er auf­wacht, kracht es drau­ßen. Le­bens­lan­ge Haft mög­lich Was ihn da­zu ge­bracht ha­be, zu schie­ßen, wis­se er nicht. Knapp ein Jahr nach der fürch­ter­li­chen Tat be­strei­tet er je­de Tö­tungs­ab­sicht. Nein, er ha­be da­mals nicht be­wusst in Rich­tung von Men­schen ge­schos­sen, be­teu­ert er in ei­ner Er­klä­rung, die sein An­walt für ihn ver­liest.

Als er schoss, ha­be er be­wusst dar­auf ge­ach­tet, von der Stra­ße aus nicht ge­se­hen zu wer­den, wirft ihm der Ober­staats­an­walt vor. So ha­be das Mäd­chen nicht mit ei­nem An­griff rech­nen kön­nen. Da­her geht die An­kla­ge­be­hör­de von Heim­tü­cke und nied­ri­gen Be­weg­grün­den aus. Dass das Mäd­chen ster­ben wür­de, ha­be der Mann zu­min­dest bil­li­gend in Kauf ge­nom­men. Das könn­te für ihn le­bens­lan­ge Haft be­deu­ten.

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