Fa­mi­li­en­ge­schich­ten hal­ten die Kriegs­schre­cken le­ben­dig

Jo­han­nes F. Kret­sch­mann und Ed­win Ernst We­ber ar­bei­ten Kriegs­er­in­ne­run­gen auf

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - RUND UM SIGMARINGEN - Von Do­ris Fut­te­rer

IN­ZIG­KOFEN - Das klei­ne Büch­lein „Fa­mi­li­ener­in­ne­run­gen aus dem Gro­ßen Krieg“vom Gmei­ner-Ver­lag ent­hält Ge­schich­ten von fünf Au­to­ren, Fo­tos und die Bil­der ei­nes Ma­lers. Zu­sam­men ver­su­chen sie, die Er­leb­nis­se des Ers­ten Welt­kriegs in die Ge­gen­wart zu trans­por­tie­ren und für die Zu­kunft le­ben­dig zu er­hal­ten. Ed­win Ernst We­ber und Jo­han­nes F. Kret­sch­mann sind zwei die­ser Au­to­ren. Bei ei­nem Le­sungs­abend in klei­ner Run­de im Gar­ten­zim­mer des ehe­ma­li­gen In­zig­ko­fer Klos­ters tru­gen die bei­den ih­re Kurz­ge­schich­ten aus die­sem Buch vor und stan­den im An­schluss für per­sön­li­che Wid­mun­gen in den Bü­chern zur Ver­fü­gung.

Der Ers­te Welt­krieg ist in­zwi­schen schon so lan­ge Ver­gan­gen­heit, dass der Be­zug zu die­ser Zeit für Ed­win Ernst We­ber des­sen Groß­el­tern­ge­ne­ra­ti­on und bei Jo­han­nes Kret­sch­mann so­gar der der Ur­groß­el­tern ist. Die Ge­schich­ten, die in­ner­halb der Fa­mi­li­en wei­ter­ge­ge­ben wor­den sind, die­nen in den Darstel­lun­gen der bei­den Au­to­ren als Grund­la­ge und al­le bei­de ste­hen be­ein­druckt vor den Krie­ger­denk­mä­lern auf den je­wei­li­gen Fried­hö­fen und ent­de­cken die Na­men ih­rer Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen, die in den Krie­gen ge­fal­len sind. „Die Vo­ge­sen und der Ers­te Krieg ha­ben seit­her für mich ei­nen ir­gend­wie be­un­ru­hi­gen­den Klang, die va­ge Ver­mu­tung ei­ner fer­nen Ge­fahr von et­was Un­heim­li­chen, Be­droh­li­chen“, schrieb Ed­win We­ber. Die Ge­schich­ten bei­der Fa­mi­li­en sind dar­in über­ein­stim­mend, dass die ein­ge­zo­ge­nen Fa­mi­li­en­vä­ter oder noch blut­jun­gen Brü­der un­gern Sol­da­ten ge­we­sen wa­ren. „Der Ur­groß­va­ter hät­te lie­ber die Mist­ga­bel an­statt des Ba­jo­netts ge­schwun­gen“, wuss­te Jo­han­nes Kret­sch­mann und die Groß­mut­ter von Ed­win We­ber hät­te ih­ren Mann lie­ber mit ei­nem Stroh­hut ge­se­hen, an­statt mit Stahl­helm, Gas­mas­ke und zwei Hand­gra­na­ten. „Von Krieg und Mi­li­tär woll­te er da­nach ein Le­ben lang nichts mehr wis­sen“, schrieb We­ber.

Viel spä­ter und un­ver­hofft ent­deck­te Fo­to­gra­fi­en aus der Kriegs­zeit er­mög­lich­ten Ed­win Ernst We­ber ei­nen di­rek­te­ren Blick in die­se Zeit. „Die­se Bil­der sind mir gleich­wohl teu­er und ich hü­te sie wie ei­nen Schatz“, las er und er­laub­te sich gleich­zei­tig ei­ni­ge per­sön­li­che In­ter­pre­ta­tio­nen. Dar­in hat­te sich sein Groß­va­ter da­mals of­fen­sicht­lich mit Gott­ver­trau­en mit dem Krieg ab­ge­fun­den und ein an­de­res Fo­to von Frau mit Töch­tern ließ sei­ne Ver­mu­tung zu, dass die­ses Fo­to an der Front an zu­hau­se er­in­nert ha­ben moch­te. Ein au­ßer­dem ent­deck­ter Sta­pel Ster­be­bil­der aus dem Hei­mat­ort We­bers, mit den Ge­fal­le­nen mit Pi­ckel­hau­be, ver­an­schau­lich­te den Ver­lust der Fa­mi­li­en und dass die­se Ge­fal­le­nen dann nur noch im Bild den Fa­mi­li­en an­ge­hö­ren konn­ten. Kret­sch­mann spircht von staat­lich ver­ord­ne­tem Tö­ten Auch Jo­han­nes Kret­sch­mann stell­te sei­ne Über­le­gun­gen an, was die­ser Krieg wohl mit den Men­schen und ih­ren Be­zie­hun­gen ge­macht ha­ben moch­te. Wie ver­lief wohl der Ab­schied nach dem Fron­t­ur­laub, wie tru­gen die Da­heim­ge­blie­be­nen spä­ter ih­re Bür­de am Ver­lust, wenn der Ver­wand­te „mit To­des­ur­sa­che Krieg“in ei­nem Zink-Sarg oder gar nicht mehr zu­rück­kehr­te? Als „staat­lich ver­ord­ne­tes Tö­ten, wenn Män­ner an­de­ren Män­nern ihr Le­ben in Welt­krie­gen op­fern“, be­schrieb Jo­han­nes Kret­sch­mann den Wahn­sinn der Welt­krie­ge, wäh­rend Ed­win Ernst We­ber den Krieg als „Di­enst ei­ner hei­li­gen Pflicht, bei der die Sol­da­ten ihr Le­ben für das Va­ter­land op­fern“, von ei­nem Mahn­mal zi­tier­te. „Gott, wie ich ihn ver­ste­he, ver­langt kei­ne Op­fer im Krieg“, hält er per­sön­lich da­ge­gen und schätzt das Schick­sal sei­ner ei­ge­nen Fa­mi­lie „als Spie­gel der gro­ßen Ge­schich­te, ge­ra­de auch mit Ka­ta­stro­phen und Ab­grün­den.“

FO­TO: FUT­TE­RER

Ed­win Ernst We­ber und Jo­han­nes F. Kret­sch­mann ste­hen nach der Le­sung für per­sön­li­che Wid­mun­gen zur Ver­fü­gung (von links).

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