Ge­fähr­li­che Halb­wahr­hei­ten

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - ERSTE SEITE - Von Chris­toph Pla­te c.pla­te@schwa­ebi­sche.de

Wir leb­ten nun mal in post­fak­ti­schen Zei­ten, hat An­ge­la Mer­kel kürz­lich ge­sagt. An den Be­griff „post­fak­tisch“, den die Ge­sell­schaft für deut­sche Spra­che zum Wort des Jah­res 2016 ge­kürt hat, wird man sich ge­wöh­nen müs­sen. Be­schreibt er doch je­ne Un­kul­tur, in der Din­ge be­haup­tet wer­den, oh­ne sie be­wei­sen zu kön­nen. Ge­rüch­te und Hö­ren­sa­gen er­set­zen das ge­naue Hin­schau­en. Bluff und an­geb­li­che Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen gibt es statt der Über­prü­fung von Fak­ten. Ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung um In­hal­te kann nicht mehr statt­fin­den, weil ein Teil der Ge­sell­schaft nur Ver­schwö­rungs­theo­ri­en und angst­ma­chen­den The­sen glaubt.

Die so­zia­len Me­di­en be­flü­geln das Post­fak­ti­sche. Der zu­künf­ti­ge US-Prä­si­dent Do­nald Trump hat vor­ge­macht, wie sich mit fal­schen Be­haup­tun­gen über Me­xi­ka­ner oder Frau­en, ei­ne Wahl mas­siv be­ein­flus­sen lässt. Die AfD agiert ähn­lich: Es wird Schuss­waf­fen­ge­brauch ge­gen Flücht­lin­ge oder Exil für Mer­kel in Chi­le ge­for­dert, was dann spä­ter zu­rück­ge­nom­men wird. Aber da wir in di­gi­ta­len Zei­ten le­ben, bleibt al­les im­mer da. Der Me­di­en­wis­sen­schaft­ler Bern­hard Pörk­sen hat auf den Zu­sam­men­hang zwi­schen so­zia­lem Netz­werk und Post­fak­ti­schem hin­ge­wie­sen: Ei­ne fal­sche Be­haup­tung über ei­nen Po­li­ti­ker oder den Nach­barn kann auf Face­book oder Twit­ter wei­ter­ver­brei­tet wer­den. Das fol­gen­de De­men­ti zu „li­ken“oder zu „tei­len“, sä­he wie das Ein­ge­ständ­nis ei­nes Feh­lers aus. Post­fak­tisch geht es lei­der auch in Talk­shows im deut­schen Fern­se­hen zu. Ei­ne Schwei­ze­rin in Bur­ka kann un­ver­hoh­len für den Is­la­mi­schen Staat wer­ben. Oder die AfD-Spit­zen­kan­di­da­tin darf die Fra­ge be­ja­hen, ob Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel ei­ne Mit­schuld am Tod ei­ner Frei­bur­ger Stu­den­tin durch ei­nen af­gha­ni­schen Flücht­ling trä­fe.

Be­zeich­nen­der­wei­se wer­den je­ne, die sich ge­gen das Post­fak­ti­sche weh­ren, als Po­li­ti­ker­kas­te, als Leh­rer­pack und Lü­gen­pres­se ver­un­glimpft. Wenn sich aber ei­ne Ge­sell­schaft ge­gen Halb­wahr­hei­ten, Dem­ago­gie und Verun­glimp­fung wehrt, hilft sie sich selbst. Und dem zi­vi­li­sier­ten Um­gang mit­ein­an­der.

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