Der Hol­ly­wood-Pio­nier ret­te­te Hun­der­te Men­schen­le­ben

Haus der Ge­schich­te Ba­den-Würt­tem­berg wid­met Film­pro­du­zent Carl Laemm­le ei­ne gro­ße Son­der­aus­stel­lung

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - SEITE DREI - Von Ro­land Ray

STUTT­GART - „It can be do­ne“, lau­te­te sein Cre­do, und an Vi­sio­nen hat es dem 1867 in Laupheim ge­bo­re­nen Hol­ly­wood-Pio­nier Carl Laemm­le nie ge­fehlt. Am 17. Ja­nu­ar 2017 wä­re der Grün­der des Film­gi­gan­ten Uni­ver­sal 150 Jah­re alt ge­wor­den. Das Haus der Ge­schich­te Ba­den-Würt­tem­berg (HdG) wid­met ihm ei­ne gro­ße Son­der­aus­stel­lung des Lan­des.

Be­hut­sam streicht Beth Wer­ling die Front­leis­te der Uni­form­ja­cke glatt. Ent­fernt ein Staub­korn, rückt die Är­mel zu­recht. 100 Jah­re alt ist das Klei­dungs­stück. Ge­tra­gen hat es Lau­ra Oak­ley; sie sah als Po­li­zis­tin in der Stu­dio­stadt Uni­ver­sal Ci­ty nach dem Rech­ten und spiel­te bei Be­darf als Ord­nungs­hü­te­rin in Fil­men mit.

Die Ja­cke ist ei­nes von mehr als 200 Ex­po­na­ten in der Aus­stel­lung „Carl Laemm­le pres­ents ... Ein jü­di­scher Schwa­be er­fin­det Hol­ly­wood“. Für ge­wöhn­lich schlum­mert sie im Fun­dus des Na­tu­ral His­to­ry Mu­se­um in Los An­ge­les; von dort hat Beth Wer­ling ei­ne gan­ze Rei­he kost­ba­rer Re­qui­si­ten ins Haus der Ge­schich­te ge­bracht. „Das ist die größ­te Leih­ga­be, die wir je nach Über­see ge­schickt ha­ben“, sagt die Ar­chi­va­rin. „Stutt­gart darf sich glück­lich schät­zen.“ Von Laupheim in die Welt Au­ßer­ge­wöhn­lich sei die­se Aus­stel­lung, sagt der HdG-Chef Tho­mas Schna­bel. Welt­weit ha­ben die Ku­ra­to­ren Cor­ne­lia Hecht und Rai­ner Schimpf re­cher­chiert und Ex­po­na­te auf­ge­tan; vie­le wer­den erst­mals öf­fent­lich ge­zeigt. Ein sechs­stel­li­ger Zu­schuss des Lan­des und der HdGFör­der­kreis si­cher­ten den 800 000Eu­ro-Etat. Carl Laemm­le, des­sen ist Schna­bel ge­wiss, ha­be ei­nen sol­chen Auf­wand ver­dient: „Er war ein weg­wei­sen­der, glo­bal den­ken­der Film­pro­du­zent, der sei­ner al­ten Hei­mat stets ver­bun­den blieb und in dra­ma­ti­schen Zei­ten Men­sch­lich­keit und po­li­ti­schen Sach­ver­stand be­wies.“

Ein Le­ben für den Film, ein film­rei­fes Le­ben: Was liegt nä­her, als Laemm­les Ge­schich­te mit den Mit­teln des Ki­nos an „Film­sets“zu in­sze­nie­ren. Aus­gangs­punkt ist je­weils ein Ge­burts­tag, der für ei­ne Weg­mar­ke

Man soll die Fes­te fei­ern: Am 17. Ja­nu­ar 2017, Carl Laemm­les 150. Ge­burts­tag, fährt das Haus der Ge­schich­te in Stutt­gart ei­ne 150 Pfund schwe­re Tor­te auf. Sie wird un­ter den Be­su­chern der Aus­stel­lung „Ein jü­di­scher Schwa­be er­fin­det Hol­ly­wood“ver­teilt. in sei­ner Bio­gra­fie steht. An je­dem Set wer­den Aus­schnit­te aus Uni­ver­sal-Fil­men ge­zeigt; das er­zeugt Kin­topp-Flair und rückt tech­ni­sche wie the­ma­ti­sche Ent­wick­lun­gen ins Bild.

Das ers­te Ka­pi­tel, „Der Deut­schA­me­ri­ka­ner“, er­zählt das span­nungs­rei­che Le­ben zwi­schen zwei Wel­ten. Im Ja­nu­ar 1917 fei­ert Laemm­le, mit 17 nach Ame­ri­ka aus­ge­wan­dert, wo er es vom Lauf­bur­schen zum mil­lio­nen­schwe­ren Film­pro­du­zen­ten bringt, mit viel Pomp sei­nen 50. Ge­burts­tag. Die Spei­se­kar­te ist zwei­spra­chig. We­ni­ge Wo­chen spä­ter zwingt ihn der Kriegs­ein­tritt der USA ge­gen das Kai­ser­reich, sich für ei­ne Sei­te zu

Die Stadt Laupheim er­in­nert im Laemm­le-Jahr 2017 mit ei­ner Rei­he von Ver­an­stal­tun­gen an ih­ren be­rühm­ten Sohn. Am 17. März wird im Kul­tur­haus in Ko­ope­ra­ti­on mit der Al­li­anz deut­scher Film- und Fern­seh­pro­du­zen­ten erst­mals der Car­lLaemm­le-Pro­du­zen­ten­preis ver- Hol­ly­wood-Le­gen­den: Ron Mey­er, Vi­ze­prä­si­dent von NBC Uni­ver­sal, war Pre­mie­ren­gast im Haus der Ge­schich­te. Dort ist jetzt auch der Os­car für Re­gis­seur Le­wis Mi­les­to­ne („Im Wes­ten nichts Neu­es“) zu se­hen. ent­schei­den. Er be­kennt sich zu Ame­ri­ka, dreht an­ti­deut­sche Pro­pa­gan­da­fil­me. Nach Kriegs­en­de aber sam­melt er für die Not lei­den­de Be­völ­ke­rung in der al­ten Hei­mat, be­sucht wie­der re­gel­mä­ßig sei­ne Va­ter­stadt Laupheim und tut ihr Gu­tes. 1930 ge­winnt sein Film „Im Wes­ten nichts Neu­es“(„All Qu­iet on the Wes­tern Front“), der Elend und Sinn­lo­sig­keit des Krie­ges am Schick­sal deut­scher Sol­da­ten fest­macht und an­pran­gert, zwei Os­cars. Wenn er auf et­was in sei­nem Le­ben stolz sei, dann auf die­ses Werk, er­klärt Laemm­le. In Deutsch­land wird er von Rechts­na­tio­na­len als „Film­ju­de“ver­teu­felt; an­ti­se­mi­ti­sche lie­hen. Mit der neu ge­schaf­fe­nen Aus­zeich­nung soll künf­tig je­des Jahr ein Film­pro­du­zent für sein Le­bens­werk oder be­son­ders her­aus­ra­gen­de Leis­tun­gen ge­ehrt wer­den. Der Kom­po­nist und Pia­nist Pe­ter Schind­ler schreibt im Auf­trag der städ­ti­schen Mu­sik­schu­le ein Het­ze bricht sich Bahn. Die Aus­stel­lung zeigt den Ori­gi­nalOs­car für Re­gis­seur Le­wis Mi­les­to­ne so­wie ei­ne Gas­mas­ke und ei­ne Hand­gra­na­te, Ori­gi­nal-Re­qui­si­ten aus deut­schen Be­stän­den. Aus Hüh­ner­farm wird Hol­ly­wood Laemm­le ist der Schöp­fer Hol­ly­woods. 1912 kauft er ei­ne auf­ge­las­se­ne Hüh­ner­farm vor den To­ren von Los An­ge­les und macht dar­aus Uni­ver­sal Ci­ty, ei­ne Film­stadt mit Post­amt, Kran­ken­haus und ei­nem Zoo für tie­ri­sche Kom­par­sen. Tau­sen­de Strei­fen wer­den hier ge­dreht, Wes­tern und Me­lo­dra­men, His­to­ri­en­schin­ken, Laemm­le-Mu­si­cal. Am 3. No­vem­ber wird es in Laupheim ur­auf­ge­führt.

Im Lauphei­mer Mu­se­um zur Ge­schich­te von Chris­ten und Ju­den sind meh­re­re Räu­me der Dau­er­aus­stel­lung Carl Laemm­le ge­wid­met. Berg­stei­ger-Epen und Hor­ror­fil­me wie „Dra­cu­la“und „Der Glöck­ner von Not­re Da­me“(Laemm­le hat die­ses Gen­re mit­be­grün­det). An­de­re be­rühm­te Traum­fa­bri­ken (MGM, Pa­ra­mount, War­ner) sind die­sem Bei­spiel ge­folgt. Blick­fang in der Aus­stel­lung ist ei­ne Film­ka­me­ra aus je­ner Zeit, die spä­ter Char­lie Chap­lin ge­hör­te. Gut her­aus­ge­ar­bei­tet wird Laemm­les Ge­spür für Mar­ke­ting. Er gilt als Er­fin­der des Star­kults, för­dert jun­ge Ta­len­te (auch Re­gis­seu­rin­nen), treibt die Film­ver­mark­tung vor­an. Et­wa 120 Nie­der­las­sun­gen zählt die Uni­ver­sal im Jahr 1930, von Os­lo bis Bu­e­nos Ai­res, von Van­cou­ver bis To­kio.

Laemm­le, klein an Sta­tur, aber wa­ge­mu­tig und von un­bän­di­gem Un­ter­neh­mer­geist, wohl­tä­tig und welt­of­fen, re­giert sein Reich nach Art ei­nes Pa­tri­ar­chen: Er ist der Boss, lä­chelnd aber ge­witzt; ein gü­ti­ger, aber auch ver­ein­nah­men­der Fa­mi­li­en­mensch, der gern Ver­wand­te in die Fir­ma ein­bin­det und aus des­sen Schat­ten der Sohn Ju­li­us nie wirk­lich her­vor­tre­ten kann; für­sorg­lich zu folg­sa­men Un­ter­ta­nen, die ihn un­ge­niert „Un­cle Carl“ru­fen, und zugleich ein Pfen­nig­fuch­ser. Wer kos­ten­be­wusst han­de­le, ruft er in ei­nem auf Zel­lu­loid ge­bann­ten Spar-Ap­pell sei­ner Be­leg­schaft zu, kön­ne al­les er­rei­chen. Die Aus­stel­lung ar­bei­tet all die­se Fa­cet­ten ein­drucks­voll her­aus – und ei­ne dunk­le Sei­te, Laemm­les hem­mungs­lo­se Spiel­lei­den­schaft, die ihn um viel Geld bringt. Tun, was das Herz be­fiehlt In den 1930er-Jah­ren ge­rät die Uni­ver­sal wirt­schaft­lich in Schief­la­ge. 1936 muss Laemm­le sei­ne Ak­ti­en­mehr­heit ver­kau­fen, weil er ei­nen Kre­dit nicht frist­ge­recht be­die­nen kann. Da­nach rückt, bis er 1939 ei­nem Herz­in­farkt er­liegt, die letz­te Haupt­rol­le sei­nes Le­bens in den Mit­tel­punkt, oh­ne Gla­mour und bis­her sel­ten ge­wür­digt, aber viel­leicht die wich­tigs­te – und ge­ra­de heu­te brand­ak­tu­ell. Mit Bürg­schafts­er­klä­run­gen er­mög­licht er Hun­der­ten deut­scher Ju­den die Ein­rei­se in die USA und be­wahrt sie so vor dem töd­li­chen Zu­griff der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten. Lauphei­mer sind un­ter den Ge­ret­te­ten, aber auch Men­schen, die Laemm­le gar nicht kennt. Als die US-Be­hör­den kei­ne wei­te­ren Bürg­schaf­ten von ihm ak­zep­tie­ren, be­drängt er Freun­de und Be­kann­te, es ihm gleich­zu­tun. „Ich tue, was mein Herz mir be­fiehlt“, schreibt er 1937 an die Vi­sa-Ab­tei­lung des Sta­te De­part­ments.

Als die Aus­stel­lung am Don­ners­tag er­öff­net wird, ist San­dy Ein­stein aus Ka­li­for­ni­en un­ter den Gäs­ten. Sein Va­ter Her­mann Ein­stein aus Buchau ent­kam dank Laemm­les hu­ma­ni­tä­rem En­ga­ge­ment dem Ho­lo­caust. Ein tief be­rüh­ren­der Dan­kes­brief zeugt da­von. Der Sohn, in den USA ge­bo­ren, liest ihn mit feuch­ten Au­gen. „Oh­ne Laemm­le wür­de es mich nicht ge­ben“, sagt er lei­se.

Doch nicht im­mer war da ein Hap­py-End. „I am ter­ri­b­ly sorry“, schreibt Laemm­le im letz­ten Do­ku­ment der Aus­stel­lung dem jü­di­schen Schau­spie­ler Fritz Win­ter. Er selbst darf nicht mehr bür­gen – und nie­mand ist zur Stel­le, um ein­zu­sprin­gen. Die Aus­stel­lung „Carl Laemm­le pres­ents ...“ist bis 30. Ju­li im Stutt­gar­ter Haus der Ge­schich­te zu se­hen. Öff­nungs­zei­ten: Di­ens­tag, Mitt­woch, Frei­tag bis Sonn­tag so­wie an Fei­er­ta­gen von 10 bis 18 Uhr, Don­ners­tag bis 21 Uhr. Ein­tritt: Er­wach­se­ne 5 Eu­ro (2,50 Eu­ro), Kin­der und Schü­ler frei. Der Ka­ta­log zur Aus­stel­lung hat 192 Sei­ten und kos­tet 19,80 Eu­ro. www.carl-laemm­le-aus­stel­lung.de

FO­TOS: RO­LAND RASEMANN (6)/RO­LAND RAY (1)

Hoch­al­pi­nist im Groß­stadt­dschun­gel: Lu­is Tren­ker ver­schlägt es in dem Uni­ver­sal-Film „Der ver­lo­re­ne Sohn“(1934) nach New York.

Glo­bal Play­er: ein Por­trät von Laemm­le auf der Welt­ku­gel (links). In Laupheim wur­de in den 1920er-Jah­ren ei­ne Stra­ße nach ihm be­nannt – die Na­zis wid­me­ten sie 1933 um­ge­hend um. San­dy Ein­stein beugt sich über den Dan­kes­brief sei­nes Va­ters, den Laemm­le vor dem Ho­lo­caust ge­ret­tet hat (rechts).

Beth Wer­ling vom Na­tu­ral His­to­ry Mu­se­um in Los An­ge­les hat auch den Schmink­kof­fer von Lon Cha­ney mit nach Stutt­gart ge­bracht. Der Schau­spie­ler ver­kör­per­te un­ter an­de­rem den „Glöck­ner von Not­re-Da­me“.

„Hap­py bir­th­day, Un­cle Carl“: Am 17. Ja­nu­ar 1934 schnei­det Laemm­le die Tor­te zu sei­nem 67. Ge­burts­tag an. Sie wog, der Zahl sei­ner Le­bens­jah­re ent­spre­chend, 67 ame­ri­ka­ni­sche Pfund.

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