Wenn Stim­mun­gen und Ge­füh­le Fak­ten ver­drän­gen

„Post­fak­tisch“ist das Wort des Jah­res – Auf dem zwei­ten Platz folgt „Br­ex­it“– Fach­leu­te se­hen ge­sell­schaft­li­chen Wen­de­punkt er­reicht

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Isa­bell Scheu­plein

WIESBADEN (dpa) - Das Phä­no­men ist viel­schich­tig und nimmt auch gleich meh­re­re Plät­ze auf der Rang­lis­te ein: „Post­fak­tisch“hat die Ge­sell­schaft für deut­sche Spra­che zum Wort des Jah­res 2016 be­stimmt. Das sper­ri­ge Ad­jek­tiv be­schreibt die Ent­wick­lung, dass öf­fent­li­che De­bat­ten zu­neh­mend von Stim­mun­gen und Ge­füh­len und we­ni­ger von Fak­ten be­stimmt wer­den. Dies sei zwar kein Be­griff aus der All­tags­spra­che, räu­men die Ex­per­ten ein. Ent­schei­dend sei je­doch, dass er zen­tra­le Er­eig­nis­se des Jah­res wi­der­spie­ge­le – von Br­ex­it bis Trump.

Kon­kret wird die Ju­ry auf Platz zwei. Dort steht das Kunst­wort „Br­ex­it“, das den ge­plan­ten Aus­stieg Groß­bri­tan­ni­ens aus der Eu­ro­päi­schen Uni­on (EU) be­zeich­net. Das knap­pe Vo­tum En­de Ju­ni sei ein „Tri­umph post­fak­ti­scher Po­li­tik“ge­we­sen, denn die Be­für­wor­ter hät­ten teils mit ge­ziel­ten Fehl­in­for­ma­tio­nen ge­ar­bei­tet, er­klä­ren die Sprach­ex­per­ten. So sag­te et­wa der jet­zi­ge bri­ti­sche Au­ßen­mi­nis­ter Bo­ris John­son, die EU wol­le ei­nen Su­per­staat er­rich­ten – wie einst Hit­ler.

Auf Platz fünf setz­ten die Ex­per­ten den „Trump-Ef­fekt“, der die zu er­war­ten­den Aus­wir­kun­gen des eben­falls mit fal­schen Be­haup­tun­gen ge­führ­ten Wahl­kampfs Do­nald Trumps in den USA be­schreibt – et­wa, der Kli­ma­wan­del sei er­fun­den oder der am­tie­ren­de Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma ha­be die Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat (IS) ge­grün­det. Trump ha­be Fak­ten ver­leug­net, Tat­sa­chen ver­bo­gen und schlicht ge­lo­gen; dass er den­noch ge­wann, das wä­re vor zehn Jah­ren noch un­denk­bar ge­we­sen, sagt der Vor­sit­zen­de der Ge­sell­schaft, Pro­fes­sor Pe­ter Schlo­bin­ski.

Des­halb sieht er ei­nen Wen­de­punkt er­reicht, hin zu ei­nem „post­fak­ti­schen Zeit­al­ter“. Das hat auch schon Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) the­ma­ti­siert, als sie selbst­kri­tisch auf die für ih­re Par­tei ver­lo­re­ne Ber­lin-Wahl im Sep­tem­ber ein­ging. „Es heißt ja neu­er­dings, wir leb­ten in post­fak­ti­schen Zei­ten. Das soll wohl hei­ßen, die Men­schen in­ter­es­sie­ren sich nicht mehr für Fak­ten, son­dern fol­gen al­lein den Ge­füh­len“, sag­te Mer­kel. Sub­jek­ti­vi­tät ver­sus Fak­ten Schon zu­vor hat­te die Kanz­le­rin da­von ge­spro­chen, dass es in Meck­len­burg-Vor­pom­mern im Ver­gleich zwar sehr we­ni­ge Flücht­lin­ge ge­be, die Men­schen dort aber den­noch be­sorgt sei­en – sie al­so ein sub­jek­ti­ves The­ma be­schäf­ti­ge. Des­halb müs­se man dar­über re­den, sag­te Mer­kel. Die AfD kam bei der dor­ti­gen Land­tags­wahl aus dem Stand vor der Uni­on auf den zwei­ten Platz.

„Post­fak­tisch“hat­te es in der eng­li­schen Über­set­zung „post-truth“ schon zum in­ter­na­tio­na­len Wort des Jah­res ge­bracht. Im eng­li­schen Sprach­raum ist der Be­griff schon län­ger eta­bliert, 2004 er­schien ein viel be­ach­te­tes Buch zum The­ma. In Deutsch­land sei er erst 2016 rich­tig an­ge­kom­men und nun „ge­sell­schafts­po­li­tisch von sehr ho­her Be­deu­tung“, sagt Schlo­bin­ski.

Für den Ger­ma­nis­ten hat das Phä­no­men zwei Sei­ten: zum ei­nen Po­li­ti­ker, die fern al­ler Fak­ten ar­gu­men­tier­ten, zu Dem­ago­gie und Pro­pa­gan­da grif­fen. Zum an­de­ren Bür­ger, die dies nicht hin­ter­frag­ten. Wich­ti­ger als die Wahr­heit sei dann die „ge­fühl­te Wahr­heit“, wich­ti­ger als die Ur­teils­kraft das Vor­ur­teil. „Für mich per­sön­lich ist das ei­ne sehr er­schre­cken­de Ent­wick­lung“, sagt der Sprach­wis­sen­schaft­ler von der Uni­ver­si­tät Han­no­ver. Er hof­fe auf ei­ne brei­te ge­sell­schaft­li­che De­bat­te, wie dem zu be­geg­nen sei.

FO­TO: DPA

„Post­fak­tisch“ist das Wort des Jah­res 2016.

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