Mehr als die „Gran­de Da­me“

Die frü­he­re FDP-Po­li­ti­ke­rin Hil­de­gard Hamm-Brü­cher war ei­ne un­beug­sa­me Li­be­ra­le

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Clau­dia Kling

RA­VENS­BURG - Ih­ren 91. Ge­burts­tag am 11. Mai 2012 hat Hil­de­gard Ham­mB­rü­cher noch mit ih­rer Toch­ter in den Schwei­zer Ber­gen ver­bracht. „Ich bin sehr dank­bar für die Zeit, die Gott mir noch schen­ken wird und nut­ze sie mit klei­nen nütz­li­chen Wer­ken und Pflich­ten“, schrieb sie kurz da­nach in ei­nem Brief an die „Schwä­bi­sche Zei­tung“. We­ni­ge Wo­chen zu­vor hat­te sie sich in ei­nem gro­ßen In­ter­view zur La­ge des Li­be­ra­lis­mus und der FDP in Deutsch­land ge­äu­ßert. Ihr Ur­teil über die Ar­beit der frü­he­ren Par­tei­freun­de war hart. „Die FDP lässt sich nichts Neu­es ein­fal­len. Ihr bil­li­ger Li­be­ra­lis­mus ist ge­schei­tert und in­ter­es­siert die Men­schen nicht mehr“, sag­te Hamm-Brü­cher da­mals. Am Mitt­woch ist die po­pu­lä­re Nach­kriegs­po­li­ti­ke­rin im Al­ter von 95 Jah­ren in Mün­chen, ih­rer Wahl­hei­mat seit dem Zwei­ten Welt­krieg, ge­stor­ben.

Es hat­te lan­ge ge­dau­ert, bis es zum end­gül­ti­gen Bruch zwi­schen Hil­de­gard Hamm-Brü­cher und der FDP ge­kom­men war. Im Jahr 2002 be­en­de­te sie we­gen des „an­ti­se­mi­ti­schen Ge­ha­bes“von FDP-Vi­ze Jür­gen Möl­le­mann nach 54 Jah­ren ih­re Par­tei­mit­glied­schaft. Doch ent­frem­det hat­te sie sich schon zu­vor von der FDP. Nach­dem die Li­be­ra­len mit­ten in der Le­gis­la­tur­pe­ri­ode die Ko­ali­ti­on mit der SPD un­ter dem da­ma­li­gen Bun­des­kanz­ler Hel­mut Schmidt auf­ge­kün­digt hat­ten, ging Hamm-Brü­cher, wie sie selbst sag­te, in ei­ne „Art in­ner­par­tei­li­che Op­po­si­ti­on“. Für sie, die in Hel­mut Schmidt ei­nen der bes­ten Kanz­ler der Nach­kriegs­zeit sah, war der Bruch der so­zi­al­li­be­ra­len Ko­ali­ti­on ein po­li­ti­scher Tief­schlag. Ihr Un­mut gip­felt in dem le­gen­dä­ren Satz: „Ich fin­de, dass bei­de dies nicht ver­dient ha­ben: Hel­mut Schmidt, oh­ne Wäh­ler­vo­tum ge­stürzt zu wer­den, und Sie, Hel­mut Kohl, oh­ne Wäh­ler­vo­tum zur Kanz­ler­schaft zu ge­lan­gen.“ Zum Rück­zug ge­drängt Dass sie 1994 von ih­rer Par­tei als FDPKan­di­da­tin für die Bundespräsidentenwahl auf­ge­stellt wur­de, brach­te nur ei­ne vor­über­ge­hen­de An­nä­he­rung. Denn vor dem drit­ten Wahl­gang muss­te Hil­de­gard Hamm-Brü­cher, die sich selbst kei­nes­wegs als Ver­le­gen­heits­kan­di­da­tin sah, auf Druck der Par­tei­füh­rung den Weg frei­ma­chen für Ro­man Her­zog, den Kan­di­da­ten der Uni­on. Wie­der ei­ne her­be Nie­der­la­ge für Hamm-Brü­cher, die im­mer wie­der als „Gran­de Da­me“der Po­li­tik be­zeich­net wur­de. Das höchs­te Staats­amt blieb in Män­ner­hand.

„Sie hat uns vor­ge­lebt, dass De­mo­kra­tie und Frei­heit le­bens­ge­stal­ten­de Wer­te sind“, schrieb der frü­he­re Bun­des­prä­si­dent Richard von Weiz­sä­cker einst über Hil­de­gard Hamm-Brü­cher. Der ehe­ma­li­ge baye­ri­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Franz Jo­sef Strauß äu­ßer­te sich da­ge­gen we­ni­ger schmei­chel­haft. Er be­zeich­ne­te sie im Jahr 1970 schlicht als „Krampf­hen­ne“. Ihr ve­he­men­ter Kampf für ei­ne vor­be­halt­lo­se Aus­ein­an­der­set­zung mit der Na­zi­zeit und ihr Ein­satz für die Rech­te der Frau­en stie­ßen nicht über­all auf Ge­gen­lie­be. Doch der Streit mit den Kon­ser­va­ti­ven un­ter den Po­li­ti­kern hat ih­rem Auf­stieg nicht ge­scha­det. Nach ih­rer Zeit als Ab­ge­ord­ne­te im baye­ri­schen Land­tag war sie von 1976 bis 1982 Staats­mi­nis­te­rin im Aus­wär­ti­gen Amt. Dem Bun­des­tag ge­hör­te sie von 1976 bis 1990 an.

„Es ist nicht al­les ,aus­ge­schwitzt’ wor­den“, sag­te sie 2012 in dem In­ter­view mit der „Schwä­bi­schen Zei­tung“auf die Fra­ge, wie sie den Um­gang der Deut­schen mit der NS-Ver­gan­gen­heit be­wer­te. Dar­in sah sie ei­ne an­hal­ten­de Ge­fahr für die De­mo­kra­tie und die Frei­heit – für sie ei­ner der wich­tigs­ten Wer­te über­haupt. Wie es sich an­fühlt, in Un­frei­heit in ei­ner Dik­ta­tur zu le­ben, hat­te Hamm-Brü­cher als Kind und jun­ge Frau er­fah­ren müs­sen. Nach den Nürn­ber­ger Ge­set­zen galt sie als „Misch­ling ers­ten Gra­des“. Ih­re jü­di­sche Groß­mut­ter, bei der sie nach dem Tod ih­rer El­tern auf­ge­wach­sen war, hat­te sich mit 80 Jah­ren das Le­ben ge­nom­men, als sie nach The­re­si­en­stadt de­por­tiert wer­den soll­te. Dass es Hil­de­gard Hamm-Brü­cher ge­lang, trotz ih­rer Ab­stam­mung in Mün­chen Che­mie zu stu­die­ren, ver­dank­te sie ih­rem Dok­tor­va­ter, dem No­bel­preis­trä­ger Hein­rich Wie­land. Er ha­be „sei­ne Hand schüt­zend“über sie ge­hal­ten und sie da­durch vor der Gesta­po be­wahrt. Mit 27 Jah­ren Stadt­rä­tin Der da­ma­li­ge Kul­tus­mi­nis­ter von Ba­den-Würt­tem­berg und spä­te­re Bun­des­prä­si­dent Theo­dor Heuss hol­te Hamm-Brü­cher in die Po­li­tik. Mit 27 Jah­ren zog sie für die FDP in den Münch­ner Stadt­rat ein und lern­te bei die­ser Ge­le­gen­heit auch ih­ren spä­te­ren Mann, den Ju­ris­ten und CSUS­tadt­rat Er­win Hamm, ken­nen. Die Ehe hielt bis zu sei­nem Tod im Jahr 2008, die bei­den hat­ten zwei Kin­der.

„Ich glau­be, dass Frei­heit ge­paart mit Ver­ant­wor­tung ein Grund­ele­ment der De­mo­kra­tie ist. Bei­des ge­hört für mich zu­sam­men – und dann wird für mich dar­aus ein star­ker li­be­ra­ler Wert“, sag­te Hil­de­gard Ham­mB­rü­cher kurz vor ih­rem 91. Ge­burts­tag. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren zog sie sich zwar mehr und mehr aus der Öf­fent­lich­keit zu­rück. Doch das po­li­ti­sche Ge­sche­hen ver­folg­te sie im­mer noch. Ihr Wunsch sei es, schrieb sie in ih­rem letz­ten Buch, „dass kom­men­de Ge­ne­ra­tio­nen sich un­se­res wech­sel­vol­len zeit­ge­schicht­li­chen Er­bes be­wusst wer­den“– und zwar, be­vor es ver­blas­se und zu Rück­fäl­len kom­me. Ein An­lie­gen, das ak­tu­el­ler kaum sein könn­te.

FO­TO: DPA

Dem da­ma­li­gen Bun­des­kanz­ler Hel­mut Schmidt (SPD, rechts) war Hil­de­gard Hamm-Brü­cher sehr ver­bun­den. Links ne­ben den bei­den der frü­he­re Bun­des­prä­si­dent Wal­ter Scheel (FDP).

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