Wahl­cha­os auf Ita­lie­nisch

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - MEINUNG & DIALOG - Von Tho­mas Mig­ge, Rom

ta­li­ens stets streng bli­cken­der Staats­prä­si­dent Ser­gio Mat­ta­rel­la lässt sich bei der Lö­sung die­ser Kri­se nichts vor­ma­chen. Der Ver­lie­rer des Re­fe­ren­dums, Re­gie­rungs­chef Mat­teo Ren­zi, woll­te gleich in der Nacht auf Mon­tag sein Amt nie­der­le­gen, aber Mat­ta­rel­la er­laub­te es nicht. Erst muss­te das Haus­halts­ge­setz 2017 über die Büh­ne. Das ge­schah Mitt­woch­nach­mit­tag. Im An­schluss leg­te Ren­zi sein Amt of­fi­zi­ell nie­der. Seit Don­ners­tag emp­fängt der Staats­prä­si­dent die Re­prä­sen­tan­ten sämt­li­cher Par­tei­en, um ih­re Mei­nun­gen zu hö­ren. Nicht aus­ge­schlos­sen, dass es Sams­tag­abend oder am Sonn­tag be­reits ei­nen neu­en Re­gie­rungs­chef gibt.

Mat­ta­rel­la hat zu ent­schei­den, ob der Chef ei­ner Über­gangs­re­gie­rung nur bis zum Früh­jahr re­gie­ren soll, al­so bis zu vor­ge­zo­ge­nen Neu­wah­len, oder aber bis zum En­de der Le­gis­la­tur­pe­ri­ode An­fang 2018. Das ist kei­ne ver­we­ge­ne Idee, auch wenn die Op­po­si­ti­on ge­gen ei­ne so lan­ge dau­ern­de Über­gangs­re­gie­rung wet­tert.

Ren­zis Rück­tritt er­folg­te nicht we­gen ei­ner Re­gie­rungs­kri­se, son­dern weil er sein po­li­ti­sches Schick­sal vom Aus­gang des Ver­fas­sungs­re­fe­ren­dums ab­hän­gig mach­te. Die po­li­ti­schen Mehr­hei­ten in bei­den Kam­mern des Par­la­ments wur­den vom Aus­gang des Re­fe­ren­dums nicht be­rührt. Sie be­ste­hen al­so nach wie vor. Wenn sich die Re­gie­rungs­par­tei­en auf ei­nen Nach­fol­ger Ren­zis ei­ni­gen, der auch den Se­gen des Staats­prä­si­den­ten hat, könn­te die­se Über­gangs­re­gie­rung bis zum En­de der Le­gis­la­tur­pe­ri­ode im Amt blei­ben. Das wä­re Mat­ta­rel­las be­vor­zug­te Lö­sung der Kri­se. Ei­ne Lö­sung, die auch die in­ter­na­tio­na­len Fi­nanz­märk­te be­ru­hi­gen wür­de. Ver­wor­re­ne Si­tua­ti­on Soll­te es dem Staats­prä­si­den­ten nicht ge­lin­gen, Ren­zi da­von zu über­zeu­gen, Chef ei­ner Über­gangs­re­gie­rung zu wer­den, gä­be es zwei wei­te­re aus­sichts­rei­che Kan­di­da­ten für die­ses Amt: Pie­tro Gras­so, Se­nats­prä­si­dent und als ehe­ma­li­ger Ma­fia­er­mitt­ler hoch an­ge­se­hen, und Fi­nanz­mi­nis­ter Pier Car­lo Pa­do­an, der als Fi­nanz­fach­mann in­ter­na­tio­na­les An­se­hen ge­nießt. Doch be­vor Neu­wah­len aus­ge­schrie­ben wer­den, muss der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof über die ver­wor­re­ne Si­tua­ti­on der Wahl­ge­set­ze ent­schei­den. Das wird je­doch erst am 24. Ja­nu­ar ge­sche­hen.

Für die Ab­ge­ord­ne­ten­kam­mer gibt es ein Wahl­ge­setz mit dem Na­men „Ita­li­cum“, für den Se­nat gibt es das „Con­sul­tel­lum“. Ih­re An­wen­dung könn­te zu un­ter­schied­li­chen Mehr­hei­ten in bei­den Kam­mern des Par­la­ments füh­ren. Die vor­aus­sicht­li­che Fol­ge wä­re ei­ne feh­len­de kla­re Mehr­heit im Par­la­ment. Wä­re das Ver­fas­sungs­re­fe­ren­dum an­ge­nom­men wor­den, gä­be es das Pro­blem mit dem Wahl­ge­setz nicht. Die zu­künf­ti­gen Mit­glie­der des Se­nats wä­ren dann nicht mehr vom Wahl­volk ge­wählt, son­dern auf re­gio­na­ler Ebe­ne no­mi­niert wor­den.

Nach dem Ur­teils­spruch des Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs müs­sen sich al­le Par­tei­en auf ein neu­es Wahl­recht für bei­de Kam­mern des Par­la­ments ei­ni­gen. Das wird wahr­schein­lich ei­ni­ge Wo­chen dau­ern. Erst dann kann es Neu­wah­len ge­ben.

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