Ei­ne Iko­ne wird de­mon­tiert

Frau­en­geschich­ten und zer­ris­se­ne Fa­mi­li­en­ban­de: Dra­ma über den fran­zö­si­schen For­scher Jac­ques Cous­teau

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - KULTUR - Von Jörg Ger­le

ac­ques – Ent­de­cker der Ozea­ne“be­fasst sich mit dem wi­der­sprüch­li­chen Le­ben des fran­zö­si­schen For­schers und Fil­me­ma­chers Jac­ques Cous­teau. Re­gis­seur Jé­rô­me Sal­le räumt den fa­mi­liä­ren Dra­men al­ler­dings weit­aus mehr Raum ein als der Fas­zi­na­ti­on der Mee­re.

Die Ma­ri­ne steht für die Wei­ten un­be­rühr­ter Ozea­ne. Und für ein sorg­lo­ses Aus­kom­men. Zu­min­dest in ih­rer ro­man­tisch ver­klär­ten Au­s­prä­gung, wenn man in schmu­cken Uni­for­men auf der Kom­man­do­brü­cke die Schön­heit der wil­den Na­tur plus ei­nen üp­pi­gen Ge­halts­scheck ge­nie­ßen kann – ganz so, wie es Jac­quesY­ves Cous­teau (Lam­bert Wil­son) be­reits in jun­gen Jah­ren ge­tan hat.

So er­fül­lend die Jah­re nach dem Zwei­ten Welt­krieg für den Kor­vet­ten­ka­pi­tän auch wa­ren, blieb doch die Sehn­sucht nach der tief­blau­en, ge­heim­nis­vol­len Welt der Rif­fe und Grä­ben weit­ab üb­li­cher Na­vi­ga­ti­ons­rou­ten. Al­len fi­nan­zi­el­len Über­le­gun­gen zum Trotz quit­tier­te Cous­teau 1956 sei­nen Di­enst und wech­sel­te mit sei­ner Frau Si­mo­ne (ge­spielt von Frank­reichs Lein­wand­star Au­drey Tau­tou) und den pu­ber­tie­ren­den Söh­nen Phil­ip­pe und Je­an-Mi­chel auf das For­schungs­schiff Ca­lyp­so, um fort­an als Er­for­scher, Für­spre­cher, Lob­by­ist und Fil­me­ma­cher der fra­gi­len Schön­heit des Mee­res zu wir­ken.

Re­gis­seur Jé­rô­me Sal­le be­müht sich, die klas­si­sche Sta­tio­nen-Dra­ma­tur­gie ei­nes bio­gra­fi­schen Films durch ei­ne ge­wis­se Ori­gi­na­li­tät auf­zu­bre­chen. Zwar ist die Rah­men­hand­lung, die den er­wach­se­nen Sohn Phil­ip­pe (Pier­re Ni­ney) ein­führt, be­vor in ei­ner lan­gen Rück­blen­de die Fa­mi­li­en­ge­schich­te der Cous­teaus ent­fal­tet wird, nicht son­der­lich auf­re­gend. Doch ist es dem Film grund­sätz­lich zu­gu­te zu hal­ten, dass er nicht nur der gro­ßen Gal­li­ons­fi­gur Jaques Cous­teau, son­dern auch dem Sohn und der Ehe­frau ei­nen gleich­be­rech­tig­ten Er­zähl­strang zu­bil­ligt.

Sal­le will ab­seits der gro­ßen For­schungs­rei­sen und Tauch­ex­pe­di­tio­nen ei­ne Ge­schich­te um dys­funk­tio­na­le Fa­mi­li­en­ban­de er­zäh­len. Wie bei Bern­hard Gr­zimek ist die Me­di­en­kar­rie­re Cous­teaus von ei­nem tra­gi­schen To­des­fall in der Fa­mi­lie über­schat­tet, eben­so durch Frau­en­geschich­ten, die sich Cous­teau trotz sei­ner in­ni­gen Be­zie­hung zu Si­mo­ne leis­tet.

Die­ser fa­mi­liä­ren Tra­gö­die wid­met der Film viel Raum – zu viel. Denn trotz sei­ner Län­ge von 122 Mi­nu­ten wirkt „Jac­ques – Ent­de­cker der Ozea­ne“eher wie ei­ne aus­ge­dehn­te Epi­so­de ei­ner Nach­mit­tags-So­ap denn wie ein Dra­ma über die Ent­de­ckung der Ozea­ne. Wäh­rend Cous­teau um sein Im­pe­ri­um kämpft, so­gar mit Ener­gie­fir­men pak­tiert, um sei­ne kost­spie­li­gen Rei­sen ans En­de der Welt zu fi­nan­zie­ren, droht er durch sei­ne Es­ka­pa­den die Fa­mi­lie zu ver­lie­ren, an der er ei­gent­lich so hängt. In die­ser De­mon­ta­ge ei­ner Iko­ne spielt die in­ni­ge Na­tur­er­fah­rung Cous­teaus kei­ne Rol­le mehr. Auf der Ha­ben­sei­te ist auf­zu­füh­ren, dass der Film, der im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal tref­fen­der „L’Odys­sée“heißt, zu­min­dest über aus­drucks­star­ke Darstel­ler ver­fügt. Zu­dem hält er sich bei den Un­ter­was­ser­auf­nah­men er­freu­lich mit Com­pu­ter­ani­ma­tio­nen zu­rück. (KNA) Jac­ques – Ent­de­cker der Ozea­ne. Re­gie: Jé­rô­me Sal­le. Mit Lam­bert Wil­son, Au­drey Tau­tou, Pier­re Ni­ney. Frank­reich 2016. 122 Mi­nu­ten. FSK ab 6.

FO­TO: DCM

Jac­ques Cous­teau (Lam­bert Wil­son) lieb­te das Meer, sei­ne Fa­mi­lie al­ler­dings ver­nach­läs­sig­te er über die­ser Lei­den­schaft.

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