Zwei Ge­sich­ter der Haupt­stadt

Ber­lin staunt über So­li­da­ri­tät mit be­klau­ter Mut­ter – und ist ent­setzt über bru­ta­le Atta­cke auf ei­ne Frau in ei­nem U-Bahn­hof

Schwaebische Zeitung (Messkirch) - - PANORAMA - Von To­bi­as Schmidt

BER­LIN - Sa­bi­ne kann ihr Glück nicht fas­sen. „Das ist ein­fach zu schön. Ich bin to­tal dank­bar, mein Herz ist auf­ge­gan­gen“, er­zählt die jun­ge al­lein­er­zie­hen­de Mut­ter aus Ber­lin-Fried­richs­hain im Ge­spräch mit der „Schwä­bi­schen Zei­tung“. Wild­frem­de Men­schen hat­ten der be­klau­ten Stu­den­tin mit ei­ner Spen­den­la­wi­ne das Weih­nachts­fest ge­ret­tet. Ber­lin, Haupt­stadt mit Herz – und zugleich Schau­platz sinn­lo­ser Ge­walt: Das die­se Wo­che be­kannt ge­wor­de­ne Vi­deo von dem bru­ta­len Fuß­tritt ge­gen ei­ne jun­ge Frau in Ber­lin-Neu­kölln scho­ckiert die Öf­fent­lich­keit. Ver­ro­hung der Ge­sell­schaft auf der ei­nen Sei­te, gro­ße Hilfs­be­reit­schaft auf der an­de­ren – wie passt das zu­sam­men?

Rück­blen­de. Di­ens­tag­mor­gen – Ni­ko­laus­tag. Sa­bi­ne, die ih­ren gan­zen Na­men nicht in der Zei­tung se­hen will, wird in der U-Bahn be­klaut. Im Ge­drän­ge zieht je­mand das Porte­mon­naie aus dem Ruck­sack. Erst im Zug zur Uni nach Frank­furt/Oder merkt sie, dass das Porte­mon­naie weg ist. „Ich war stink­sau­er, bin nach Hau­se ge­eilt um die Kar­ten sper­ren zu las­sen und on­li­ne bei der Po­li­zei An­zei­ge zu er­stat­ten“, er­zählt sie.

Den mut­maß­li­chen Dieb hat­te ih­re äl­tes­te Toch­ter in der U-Bahn wohl ge­se­hen. „Ich dach­te mir: ‚Wenn ich Dich in die Fin­ger krie­ge, bist Du die Fin­ger los‘“, be­schreibt Sa­bi­ne ih­ren Zorn – und setzt sich in die Kü­che, um ei­nen def­ti­gen „Pö­belZet­tel“zu schrei­ben und an den UBahn­hö­fen auf­zu­kle­ben – in der schwa­chen Hoff­nung, we­nigs­tens ih­re Pa­pie­re wie­der­zu­be­kom­men. „Ich bin al­lein­er­zie­hend mit zwei Kin­dern. Es ist Ni­ko­laus und du be­klopp­tes Ar­sch­loch meinst mei­ne Weih­nach­ten ex­tra teu­er ma­chen zu müs­sen, in­dem Du mir mei­ne Aus­wei­se und die Fahr­kar­te für De­zem­ber klaust!“, schreibt Sa­bi­ne. „Be­hal­te die 30 Eu­ro, die mei­ne Kin­der und mich über die Wo­che brin­gen soll­ten, aber gib mir mei­ne Pa­pie­re wie­der.“Die An­re­de: „Du elen­des Stück Schei­ße.“Un­ten auf dem Zet­tel ih­re Han­dy­num­mer. Sa­bi­ne hat den Groß­teil des Gel­des, das ge­spen­det wur­de, wei­ter­ge­ge­ben.

Für ei­ne ty­pi­sche Ber­li­ner Schnau­ze sei das doch noch ganz nett for­mu­liert, meint Sa­bi­ne, die sich ge­ra­de auf das Ex­amen vor­be­rei­tet, mit ih­rem Ex-Part­ner über Un­ter­halt strei­tet und je­den Eu­ro um­dre­hen muss. Sie kann wie­der la­chen. Kaum wa­ren die Zet­tel ge­klebt, ka­men schon die ers­ten SMS von Frem­den, die ihr Mit­leid be­kun­den. Ir­gend­je­mand fo­to­gra­fiert die Schimpf­ti­ra­de – und stellt sie in den be­kann­ten Blog „No­tes of Ber­lin“, ein Sam­mel­su­ri­um von All­tags­ku­rio­si­tä­ten aus der Haupt­stadt. Dann lan­det sie auf Face­book. „Was dann ge­schah, war echt ir­re“, sagt Sa­bi­ne. Am Abend ist Jo­ab Nist am Te­le­fon, der den Blog be­treibt. „Es hat­te je­mand an­onym 200 Eu­ro ge­spen­det. Das wur­de im Blog ver­öf­fent­licht – und trat ei­ne La­wi­ne los“, be­rich­tet Sa­bi­ne. „No­tes of Ber­lin“leg­te selbst 50 Eu­ro drauf, et­li­che wei­te­re Spen­der mel­de­ten sich, mehr als 1000 Eu­ro wa­ren schnell zu­sam­men. Ein Schwei­zer kün­dig­te an, Scho­ko­la­de zu schi­cken. „Oh Gott, Scho­ko­la­de aus der Schweiz für mich! Ich lie­be Scho­ko­la­de“, sagt Sa­bi­ne, die von der An­teil­nah­me und Hilfs­be­reit­schaft völ­lig über­rum­pelt war.

Sa­bi­ne be­hält 300 Eu­ro für sich und ih­re Kin­der. Da­mit kann sie sich ei­ne neue Fahr­kar­te und neue Pa­pie­re be­sor­gen und noch ei­ne Über­ra­schung un­ter den Weih­nachts­baum le­gen. Den Rest spen­det sie jetzt selbst an ge­mein­nüt­zi­ge Frau­en­or­ga­ni­sa­tio­nen. „Ich weiß, wie vie­le Al­lein­er­zie­hen­de zu kämp­fen ha­ben, um die Weih­nachts­zeit zu über­ste­hen“, sagt sie.

Der Dieb hat sich nicht ge­mel­det. Da­für wird sich Sa­bi­ne mit dem an­ony­men Spen­der tref­fen. Te­le­fo­niert ha­ben sie schon. Die­ses Wo­che­n­en­de ge­hen sie Kaf­fee­trin­ken.

Das an­de­re Ge­sicht der Haupt­stadt ist auf dem Vi­deo zu se­hen, das am Mitt­woch an die Öf­fent­lich­keit ge­lang­te: Ein Un­be­kann­ter tritt ei­ner jun­gen Frau auf ei­ner Trep­pe in ei­nem U-Bahn­hof in den Rü­cken, sie stürzt und muss im Kran­ken­haus be­han­delt wer­den. Die drei Be­glei­ter des Man­nes ge­hen ein­fach wei­ter. Die bru­ta­le Atta­cke er­eig­ne­te sich schon am 27. Ok­to­ber, erst jetzt sucht die Po­li­zei mit der Ver­öf­fent­li­chung des Vi­de­os nach dem Tä­ter. Sechs Hin­wei­se gin­gen bis­her ein. Ber­lin, Haupt­stadt mit zwei Ge­sich­tern.

„Ich weiß, wie vie­le Al­lein­er­zie­hen­de zu kämp­fen ha­ben, um die Weih­nachts­zeit zu über­ste­hen.“

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